Gutmensch kann nicht jeder – Ein Beitrag zur Leitkulturdebatte

Wer einen Text bis zum Ende liest gewinnt. Immer.

Orientiere dich immer an den Besten, habe ich von meiner Mutter gelernt. Möglichst bei allem im Leben. Im Großen und Ganzen habe ich das auch versucht. Und wer sind heute die Besten? Na? Genau, wir! Wir Deutschen.

Wir sind das Arbeitsparadies Europas, ach, der Welt. Alle leiden unter Krisen, uns geht es gut. Wir sind Fußball-Weltmeister. Wir machen Filme wie „Fack ju Goehte“, Hollywood kommt zu uns, um Serien wie „Homeland“ oder Kinofilme wie „Die Tribute von Panem“ zu drehen. Unsere Hoteliers arbeiten in Dubai und zeigen dort, wie man es macht, mit dem hotellieren. Unsere Helene Fischer würde in allen Ländern weltweit Platz eins der Charts belegen, würde man sie nur überall verstehen. Wir haben guten Geschmack, schlagen uns darum, wer in Bus und Bahn den Rentnern nun den Platz anbieten darf, sind alle gut gelaunt und freundlich. Aktuell müssten sämtliche Castingformate aus dem Programm gestrichen werden – weil wir alle sie gewännen. „Germany’s next Topmodel?“ – Wir alle! Wir sehen fantastisch aus und sind hochgebildet. Gäbe es ein internationales „Wer wird Millionär?“-Format, ein Deutscher gewänne es natürlich. Wir sind einfach gut. Gute Menschen. Gutmenschen. Allesamt.

Nun strömen seit längerer Zeit viele Menschen in unser Land. Und da wir selbstverständlich auch ungemein generös sind, wollen wir sie teilhaben lassen, an unserem Erfolgsmodell, unserer Leitkultur. Wir wollen ihnen unsere Werte vermitteln. Jedoch nicht, indem wir ihnen diese in die Birne prügeln oder ihnen in ihren Unterkünften „Feuer unterm Hintern“ machen – nein, wir sind schließlich zivilisiert. Keine Wilden.

Nein, wir regeln so etwas mit Worten. Wir vermitteln unsere Werte. Und da ist es nur recht und billig, dass wir endlich wieder eine Debatte um eine Leitkultur führen. Diese wird nicht nur, aber vor allem, von der CDU/CSU vorangetrieben. Aber nicht etwa so plump, wie dies Friedrich Merz noch um die Jahrtausendwende tat oder wie sie Jörg Schönbohm oder Ronald Pofalla auf die Agenda zu heben versuchten. Nein, gehaltvoll, wie es aktuell Andreas Scheuer, Horst Seehofer oder Julia Klöckner tun.

Neben unseren christlich-jüdisch-abendländischen Werten ist ein Aspekt auch immer wieder zu hören und zu lesen: Die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Das ist offenbar etwas, was man den jungen Männern, die da gegenwärtig zu uns kommen, besonders stark vermitteln muss. Ich bin sehr froh, dass sich die Union stark macht, für die Gleichberechtigung – als wesentlichen Bestandteil unserer deutschen Leitkultur.

Eben jene Union, die in den frühen 60er Jahren, so wie die Katholische Kirche, gegen die Antibaby-Pille wetterte – und dies auch fünfzig Jahre später noch immer tut, in den Debatten um die Pille danach. Diese soll auf Wunsch der SPD rezeptfrei zu erhalten sein. Aber da hat sie die Rechnung ohne unsere Union, den Bewahrer unserer Leitkultur, gemacht. Einer muss schließlich an die Frauen denken. Stimmt’s Herr Seehofer?

Es ist im übrigen auch jene Union, die noch heute heftige Bauchschmerzen mit der Möglichkeit der Abtreibung hat. Ein Konflikt, die über Jahrzehnte schwelte und 1976 dann (irgendwie) final geregelt wurde, nachdem die Union zuvor geklagt hatte und die zwei Jahre zuvor beschlossene und liberalere Regelung von SPD und FDP zurückdrehte. 1920 gab es in Deutschland den ersten Antrag – auch von der SPD – Schwangerschaftsabbrüche unter bestimmten Bedingungen zuzulassen. Dieser war visionär und scheiterte. Einige Zeit später wurden zur Abschreckung Schwangerschaftsabbrüche wieder stärker unter Strafe gestellt. Von der Union? Nein, von der NSDAP. Überrascht, Herr Scheuer?

Julia Klöckner aus eben jener leitkulturell-orientierten Union war 1977 noch nicht ganz fünf Jahre alt, als etwas passierte, was ihrer Karriere durchaus zuträglich sein sollte. Nach mehrjährigem Hin und Her wurde ein Gesetz verabschiedet, welches Frauen die Möglichkeit zubilligte, arbeiten zu gehen – ohne Zustimmung ihres Ehemannes, wie es bis dahin oft der Fall war. Wer aber sorgte sich damals besonders um die Frauen, diese schwachen Geschöpfe, für die Arbeit (geistige wie körperliche) einfach nichts ist? Richtig, die Union. Klöckners Union. Interessanter Nebenaspekt: Frauen durften bis 1977 nur berufstätig sein, wenn sie Kinder und Haushalt nicht vernachlässigten. Ab Anfang der 60er Jahre lotste die Bundesrepublik aber – die BRD war gänzlich wirtschaftswund und wusste nicht, wie die ganze Arbeit bewältigt werden sollte – eine Menge Gastarbeiter per Vertrag aus der Türkei vor allem in die Bergarbeiterregionen in NRW. Man holte also Zuwanderer nach Deutschland. Willentlich. Man sah es also lieber, dass Migranten schmutzige Arbeit machten, als dass die eigenen Frauen dies taten. Tun durften. Wie außerordentlich sorgsam. Als die Sorgen dann allerdings zunahmen, die Arbeitslosigkeit stieg, hatte Helmut Kohl, wie sich erst vor zwei Jahren herausstellte, die Idee, die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken Anfang der 80er Jahre einfach fluchs wieder abzuschieben. Danke, war nett. Die Frauen müssen bei uns ja jetzt, dank der „Linken“ auch arbeiten. Da brauchen wir euch nicht mehr.

Es ist im Übrigen auch jene Union, die erst in dieser Legislaturperiode, gegen großen Widerstand, das Betreuungsgeld durchboxte. Das Geld, welches Frauen angesichts der ganzen Belastungen, die das starke Geschlecht so tagein tagaus schultern muss, ein deutlich entspannteres Leben ermöglichen soll. Und ihnen den Platz zuweist, der ihnen nach Meinung nicht weniger Unionsmitglieder zugedacht ist, mit Kind daheim in Wohnzimmer und Küche. Dann hätten wir womöglich nie Julia Klöckners geistreiche und gehaltvolle Gedanken zur Leitkultur hören können. Und sie den ganzen, wenig zivilisierten, muslimischen Männern mit auf den Weg geben können. Das wäre wirklich schade, richtig, Frau Klöckner?

Das ist sie also, die deutsche Leitkultur – bzw. ein besonders zentraler Aspekt davon, den wir dem bösen Muselmann besonders einschärfen müssen. Besonders betont und von Flüchtlingen und Zuwanderern gefordert von der Union. Jener, die offenbar vor langer Zeit ihre Wahrnehmungsfähigkeit zu Grabe trug und sie durch maßlose Arroganz, Borniertheit und durch Dünkel ersetzte. Hätte diese Dummschwätzerei nicht solche Konsequenzen, wäre es einfach nur zum Lachen – und die politischen Kabarettisten wären arbeitslos. Wenigstens ein gutes hat es also.

Zu guter letzt noch ein paar Einblicke in unsere ach so schöne, gleichberechtigte Welt, getragen von unserer Leitkultur. Der durchaus streitbare, hier aber sehr gut aufgelegte, Max Uthoff hat sich dazu einige Gedanken gemacht. Viel Spaß.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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