Wohnung in Berlin: Alle suchen, keiner kommt

Ein Erfahrungsbericht.

Eine Wohnung finden. In Berlin. Mittlerweile lässt sich wohl die bekannte Nadel im Heuhaufen schneller erspähen. Ich selbst habe mich ja ein ums andere mal zum Thema Mieten und Gentrifizierung, Zuzug etc. geäußert und bin daher nicht ganz unbefleckt, was das Thema betrifft. Nun war ich selbst in der Situation, einen Nachmieter für meine Wohnung zu suchen. Und das kam so:

Mit der Freundin endlich zusammenziehen. Das war das Ziel. Zwei Wohnungen in zwei Städten. Das nervte auf Dauer und stahl eine Menge Zeit. Wohnungssuche in Berlin ist nun eben nicht leicht. Nach der ein oder anderen Besichtigung ohne Ergebnis Ende 2014 dann eine tolle Wohnung entdeckt. Die war dann aber weg. Anfang 2015 hieß es, dass sie nun doch wieder zu haben sei. Angeguckt, beworben, bekommen. Super. Was für ein Glück. Dankbarkeit wofür oder wem auch immer. Nun noch die eigene Wohnung loswerden. Aufgrund der Kurzfristigkeit konnte ich erst zum 30.04. kündigen. Das bedeutet zwei Monate zwei Mieten zu zahlen. Nicht schön, aber notwendig. Es sei denn die eigene Hausverwaltung gestattet, einen Nachmieter zu suchen und so früher aus dem Mietvertrag herauszukommen. Das tat sie. Meine Güte, soviel Glück auf einmal. Drohen demnächst sieben Jahre Pech, um alles wieder ins Lot zu bringen? Ich hoffe nicht.

Die eigene Wohnung ist eine Einraumwohnung im Kaskelkiez. Schöne Häuser, viele unter Denkmalschutz. Ein Kiez mit entspannten Leuten und einer gewissen Ruhe. Dafür aber mit toller Anbindung. In zehn Minuten ist man am Ostkreuz und kann sich ins pralle Leben stürzen. Da der Kiez in Lichtenberg und nicht im benachbarten Friedrichshain liegt, sind die Mieten teuer, aber nicht extrem. Und in der Singlehauptstadt wird was gesucht? Klar, WG-Zimmer und Einraumwohnungen.

OK. Umzug, Wohnung malern und putzen. Gesagt, getan. Dann: Facebookseiten, auf denen sich verzweifelte Wohnungssuchende tummeln, ausfindig machen und die Fotos von der frisch renovierten Wohnung einstellen. Dazu alle wichtigen Fakten. Für Fragen steht man bereit. Klar. Auf der eigenen Seite noch posten und Freunde bitten, das Angebot zu teilen. Klaro. So, keine zehn Minuten nach dem posten kam die erste Anfrage. Nach zwei Stunden waren es zwölf. Dann ging es gen Mittag und das Interesse flaute ab. Auf den Immobilienseiten auf Facebook schlugen weitere Angebote auf. Das eigene rutscht weiter nach unten. Nach dem Mittag zogen die Anfragen wieder an. Am Nachmittag waren es rund 30. Man bat die eigenen Freunde bereits, das Angebot nicht mehr zu teilen. Es stellte sich auch noch heraus, dass das Angebot auf zweien der vier Immobilienseiten auf Facebook noch gar nicht freigeschaltet war. Mein Gott, was soll da noch alles kommen. Also bereits nach elf Stunden die eigene Wohnung schon wieder überall rausnehmen. Am nächsten Tag kamen dennoch weitere Anfragen. Summa sumarum waren es knapp 40. Und man wurde bestürmt: Wenn das Amt zahlt, geht das auch? Wann kann ich mir die Wohnung angucken? Gibts du mir deine Nummer? Ich habe alle Unterlagen. Wie ist das mit einer Bürgschaft? Etc. pp. Eine Studentin aus Heidelberg wollte sie gar blind nehmen, da sie erst Ende März nach Berlin käme. Das fand die Hausverwaltung nicht so prima. Woraufhin sie ein wenig gefrustet war. Ja, Wohnungssuche in Berlin ist eben kein Zuckerschlecken. Eine Interessentin, die erste, die sich gemeldet hatte, fand zwischendrin eine andere Wohnung. Glückwunsch. Ein weiterer Interessent konnte am nächsten Tag den Mietvertrag für eine andere Wohnung unterzeichnen, fragte, ob er sich meine angucken kommen könnte. Heute passt es nicht. Nimm die andere Wohnung. Schlag die nicht aus und hoffe, meine zu bekommen! Er tat es offenbar. Nun ja, eine Besichtigung gibt es natürlich. Hm, wieviele Bewerber gibt es denn? Ich habe bestimmt keine Chance. Das denken aktuell alle, viele schreiben es auch. Ich schreibe ihnen, dass alle glauben, die Wohnung nicht zu bekommen und die Chancen erstmal für alle gleich sind.

Ich schreibe alle Interessenten, die noch im Rennen sind und nicht aus verschiedenen Gründen absprangen an. Ich schicke ihnen das Selbstauskunftsformular der Hausverwaltung mit. Ich schreibe, an wen sie sich wenden sollen, biete an, welchen Mailbetreff man am besten verwendet, um Missverständnisse zu vermeiden. Ich mache klar, dass nicht ich die Entscheidung über den Nachmieter treffe, dass wahrscheinlich nicht mal die Hausverwaltung dies tut, sondern das letzte Wort beim Eigentümer liegt. Sonntag, 10.30 – 12 Uhr öffne ich die Pforte. Es soll schönes Wetter werden. Da kann man eh mal vor die Tür. Zeitig? Ja. Es kann passieren, dass der ein oder andere direkt aus dem Club zur Besichtigung kommt. Das ist dann halt so. Und keineswegs ungewöhnlich in Berlin. Allerdings erinnere ich mich auch an Besichtigungen, die Samstag oder Sonntag früh um 9 Uhr stattfanden und dennoch total überlaufen waren. Da stand man dann halt zeitig auf. Aber, man wollte ja schließlich die potenzielle eigene Wohnung in Augenschein nehmen. Und vielleicht die ein oder andere Frage stellen. Diese hätte ich auch nicht in jovialer Maklermanier beantwortet, sondern offen und ehrlich. Ich freue mich ja auch, wenn jemand die Wohnung erhält, der mir grundsätzlich sympathisch ist und gebe gern Auskünfte. Ich ziehe ja eh aus.

Ich würde zumindest die Wohnung wenigstens einmal gesehen haben wollen, bevor ich mich bewerbe. Einige Wohnungen, die man besichtigte, waren in einem desolaten Zustand, dass ich keine Wohnung mehr blind nehmen würde. Ich schreibe noch, dass die Klingel zuletzt kaputt war, ich aber dafür sorgen werden, dass die Türen – ich wohnte im Hinterhaus – offen stehen würden und die Leute einfach reinkommen sollen. Es wird schon klappen. Und, wem 10.30 Uhr zu zeitig ist, der kommt halt um 11.45 Uhr. Ich laufe nicht weg. Ich bitte darum, mir Bescheid zu geben, ob man kommt. Drei Zusagen. Nur. Naja, der ein oder andere hat die Bitte bestimmt überlesen oder will noch zusagen und vergisst es. Allerdings beginne ich schon zu zweifeln. War es unklug, den Leuten den Selbstauskunftsbogen bereits zuzusenden und ihnen zu sagen, dass sie sich vorab bereits bewerben können? Aber, ich weiß ja, wie beschissen die Wohnungssuche ist, wieviel Aufwand man betreibt und wieviel Frust am Ende dabei herauskommt. Ich betreibe den Aufwand, alle wesentlichen Infos zusammenzuschreiben, ein Mal und blase dann nur noch Mails raus. Das ist nicht viel. Das kann man machen. Man weiß ja selbst, welchen Aufwand man als Suchender betreiben muss.

Sonntag. Es wirklich tolles Wetter. Nicht wie gestern. Da nieselte es und war den ganzen Tag grau. 10 Uhr in der Wohnung. Der Wasserhahn an der Spüle muss nochmal festgezogen werden. Die Türen werden wie angekündigt geöffnet. Die Klingel und der Türöffner funktionieren sogar. Dann geht ja nichts schief. Ein bisschen Musik anmachen und auf den Ansturm warten. 10.30 Uhr. Nix. Naja, die ersten kommen wohl erst nach elf. Aber auch dann schweigt die Klingel, bleibt der Hausflur stumm. Man geht runter und prüft, ob die Türen noch immer offen stehen. Sie tun es. Diesen Vorgang wiederholt man später erneut. Man schaut aufs Handy, ungefähr alle fünf Minuten. Facebook ist sonntäglich stumm. Man schreitet die eigene sonnendurchflutete Wohnung ab. Groß ist sie ja nicht. Dann: Schritte im Hausflur. Falscher Alarm. Nur ein Mieter, der nach unten geht. Weiter schreiten, weiter warten. Hm, 11.30 Uhr. Noch dreißig Minuten. Galgenhumor. „Es werden noch Wetten angenommen, dass am Ende keiner kommt.“ 30 Minuten später steht fest, dass man die Wette gewonnen hätte. Tatsächlich. Wirklich. For real. Keiner. Zero. Niemand war zur Besichtigung erschienen. Mit einem Ansturm war nicht unbedingt zu rechnen, aber das ist schon ein wenig überraschend. Keine Clubgänger, keine Verpeiler, die vergaßen, sich anzumelden, keiner, der zugesagt hatte. Offenbar waren zwischenzeitlich alle fündig geworden. Wurden in der letzten Woche ein paar hundert Wohnungen bezugsfertig – zum 1.4. April? Wohl eher ein Scherz. Nun ja. andethalb Stunden umsonst in der eigenen Bude gestanden. Offenbar ist das Blindnehmen von Wohnungen zum Trendsport in Berlin geworden. Offenbar sind Fragen zur Wohnung unnötig. Vielleicht bewarben sich einige, vielleicht alle – und schauten sich Sonntag eine andere Wohnung an, die parallel zu meiner um einen Mieter warb. Vielleicht. Dennoch ist der Umstand trotz der vergleichsweise überschaubaren Bewerberzahl (es geht ja deutlich schlimmer), sehr überraschend. Es waren doch viele „extrem interessiert“, fanden „die Wohnung passt von der Lage, dem Preis und dem Einzugstermin perfekt“. Tja, ist dies eine Konsequenz aus der Entwicklung des Berliner Wohnungsmarktes? „Massenbesichtigung. Ich habe eh keine Chance. Dann versuche ich es erst gar nicht.“ Oder ist es Faulheit? „Sonntag. Und dann noch fast in der Nacht. Meh. Lieben pennen. Oder brunchen gegen den Kater.“ Ich weiß es nicht. Ich werde nicht fragen. Ich rufe Montag die Hausverwaltung an und frage mal nach, ob es Bewerber gibt und diese auch tatsächlich in Frage kommen. Ich werde die Wohnung bestimmt los. Vorzeitig. So denke ich jetzt. Am sonnigen Sonntag.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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5 Antworten zu Wohnung in Berlin: Alle suchen, keiner kommt

  1. Alexander(s)platz schreibt:

    Künftig scheint die Wohnungssuche auch ganz anders zu laufen. Jeder, der eine Bleibe hat, sollte froh darüber sein.
    http://www.berliner-zeitung.de/wohnen/mietersuche-per-online-auktion-bietest-du-noch-oder-wohnst-du-schon-,22227162,30210118.html

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  2. Alexander(s)platz schreibt:

    Um es auch hier kund zu tun: Aktueller Stand der Bewerbungen ist null. Wer den Berliner Wohnungsmarkt als angespannt bezeichnet, scheint aktuell erheblich an der Realität vorbeizuschlittern.

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  3. Gizmo schreibt:

    Hat dies auf Reisehunger rebloggt und kommentierte:
    Berlin – da erlebste wat…

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  4. tikerscherk schreibt:

    Wer hätte das erwartet.
    Klar wirst Du die Wohnung los, aber ein Besichtigungstermin ohne Bewerber ist schon bizarr, wenn man die Wohnungmarktlage in Berlin kennt.
    Alles Gute in der neuen Wohnung!

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    • Alexander(s)platz schreibt:

      Das stimmt. Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Allerdings ist es auch für mich ein Lernprozess. Bisher war ich noch nicht in der Situation, in einem solch angespannten Wohnungsmarkt, einen Nachmieter zu suchen. Naja, mal schauen, was der Anruf bei der Hausverwaltung morgen bringt. Danke fürs Daumen drücken.

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