Berlin: Olympische Spiele statt ernsthafter Politik

Berlin dreht gerade mal wieder am Rad. Ganz Berlin? Nein, vornehmlich Vertreter des Senats von Verbänden wie der IHK oder aber Unternehmen wie Air Berlin. Und,  warum tun sie das? Weil sie sich auf die Schultern klopfen wollen, am eigenen Vermächtnis basteln oder sich und ihrer Klientel die Taschen füllen wollen. Aber, der Reihe nach.

Es geht um nicht Geringeres, als das größte Sportereignis auf dem Erdball. Wer an den Super Bowl denkt, liegt falsch. Es handelt sich noch immer um die Olympischen Spiele – nicht zu verwechseln mit der Olympiade, die die vier Jahre zwischen den jeweiligen Spielen markiert. Eigentlich ist das ungenau formuliert. Es geht um die CHANCE auf die Ausrichtung Olympischer Spiele. Denn das, was momentan medial passiert, ist nämlich lediglich das Balgen zweier deutscher Großstädte um den nationalen Vertreter im Rennen um die Austragung 2024 oder 2028. Denn erst dann beginnt ja das eigentliche Vergabeverfahren. Für 2024 steht bereits die Ostküstenstadt Boston als US-Bewerber fest. Aber auch der Name Mailand war schon als potenzieller Bewerber zu hören. In jedem Fall ist ein Sieg beim deutschen Vorentscheid keinerlei Garantie für die Austragung, für keins der beiden genannten Jahre.

Aber, das ficht niemanden an. Alles soll, muss getan werden, um die Spiele nach Berlin zu holen. Da schwingen selbst Politiker, die bis dato absolut nicht durch Sportbegeisterung auffielen, große, pathetische Reden und werben wortgewaltig, als handele es sich um eine nationale Aufgabe, die es anzugehen gilt. Und ich glaube, die Zustimmung der Berliner Bevölkerung wäre ihnen gewiss. Denn wir sind zu einem großen Teil sportbegeistert – Hertha, Eisbären, Füchse, Alba, Union, Berlin-Marathon, Wassersport auf Havel und Spree, Spitzensport, Breitensport – diese Liste würde zu lang. Auch ich bin überaus sportbegeistert und grundsätzlich sehr für die Spiele in der Hauptstadt. Die Fußball-WM 2006 in Berlin werde ich niemals vergessen. Ein solches Highlight zu wiederholen, müsste ich sofort unterstützen. Dennoch tue ich es nicht. Das liegt zum einen daran, dass ich in den knapp neun Jahren seit der Fußballweltmeisterschaft um einiges klüger geworden bin, vor allem aber, dass ich sehe, welche Anstrengungen für vier Wochen unternommen werden, während die Probleme der Stadt an 365 Tagenbestehen – und eher zu- denn abnehmen.

Keine Angst, die Problematik BER wird hier nicht wieder von a bis z ausgewältzt. Den braucht es auch nicht, ist die Liste der Probleme doch lang genug. Natürlich ist der BER ein Symptom eines wichtigen Berliner Problems: verschleppte Großbauprojekte, besonders oft im Verkehrsbereich. Ich selbst habe mich dazu schon mal umfangreich ausgelassen – egal, ob U-Bahnlinie 5 (3 Jahre längere Bauzeit), die Bahnhöfe Ostkreuz (2 Jahre länger) und Warschauer Straße, die S-Bahn im Allgemeinen oder die achtjährige (!) Verspätung der Tram M5 zum Hauptbahnhof – die Probleme sind horrend, auch ohne BER. Aber, die Stadt benötigt einen funktionierenden ÖPNV – jeden Tag und für ein solches Großereignis sowieso. Wie wollen Politiker garantieren, dass bis dahin alles fertig ist und unterhalten werden kann? Wird alles, was für die Spiele entsteht, auch im Anschluss sinnvoll weitergenutzt? Braucht es immer erst ein Großereignis, um sich mal richtig hinter Projekte zu klemmen?

Wo wir bei den vielen zu erwartenden (und angepriesenen) Gästen sind, wo sollen die eigentlich alle hin? Berlin verzeichnete 2013 insgesamt 11,3 Millionen Besucher (+4,4 Prozent) und 26,9 Millionen Übernachtungen (+8,2 Prozent). Die Stadt boomt weiterhin und hat das größte Wachstum der wichtigsten europäischen Großstädte (Seite 18) in Sachen Tourismus. Warum sollte es ein Großereignis wie die Olympischen Spiele brauchen, damit noch mehr Touristen kommen? Nochzumal London erst vor zweieinhalb Jahren den Beweis erbrachte, dass sowohl während als auch nach den Spielen nicht mehr, sondern weniger Besucher in die Stadt kamen. Und die Unternehmen teils erhebliche Verluste erlitten. Tritt dieser Fall auch in Berlin ein, wo sollen die ganzen neuen Jobs herkommen, die als gewichtiges Argument der Befürworter ins Feld geführt werden? Tritt der andere Fall ein und die Spiele werden ein Erfolg und Berlin touristisch (mehr als sonst) überrannt, stellt sich eine andere Frage: Wo werden diese Touristen alle unterkommen? Wie verträgt sich die Behauptung, Berlin brauche noch viel mehr Touristen mit den erlassenen Zweckentfremdungsverordnungen? Wieso wird Kritik am Onlineportal Airbnb geübt, dieses würde die Wohnungsknappheit verschärfen? Macht sich der Senat nicht unglaubwürdig? Wie will er einerseits Wohnraum für jene schaffen, die bereits in der Stadt leben, für die rund 40.000 prognostizierten Zuzügler jedes Jahr (allein 360.000 bis inklusive 2023), für menschenwürdige Unterkünfte für Flüchtlinge sorgen (dieses Jahr könnten womöglich 15.000 in die Stadt kommen), wo jene aus dem Jahr 2014 noch nicht mal untergebracht werden konnten, und dann eben ein weiteres Wachstum bei den Touristenzahlen herbeiführen? Der Wohnungsmarkt in Berlin ist nach wie vor überhitzt. Ein kürzlich veröffentlichte Studie, die Berlin als „heißesten Immobilienmarkt Europas“ sieht, lässt nicht vermuten, dass sich daran so schnell etwas ändert. Denn, entgegen vieler Meinungen, ist Berlin die zweitteuerste Mietstadt Deutschlands. Mal ehrlich, liebe Pro-Olympioniken, schon ohne Olympische Spiele seid ihr kaum in der Lage, dieser Probleme Herr zu werden, wollt euch dennoch eine weitere, vielleicht sogar zum Scheitern verurteilte Aufgabe, auferlegen?

A Propos Flüchtlinge: Wer weiß, wie es in Sachen Flüchtlingen im Jahr 2024 oder 2028 in Berlin aussieht, aber ist es nicht auch ein wenig zynisch, ihnen keine echte Perspektive zu geben, aber Milliarden für ein vierwöchiges Sportspektakel zu verballern? Da kann man auch mal drüber nachdenken.

Womit wir auch bei den Kosten sind. Zu möglichen Summe will ich mich nicht äußern. Zum einen bin ich kein Experten, zum anderen haben sowohl die letzten Sommerspiele als auch die letzten Winterspiele in Sotchi gezeigt, dass die Ausrichtung letztlich immer ein Vielfaches dessen kostete, was bei der Bewerbung angegeben wurde. In London waren es 14,8 Milliarden Dollar, doppelt so viel, wie angenommen. In Sotchi sollen es gar 33,5 Milliarden Euro, statt der angegebenen 4,3 Milliarden gewesen sein. Die tatsächlichen Kosten sind sicherlich schwer zu beziffern. Aber, beide Fälle zeigen einen deutlichen Zuwachs und werden sicherlich einen wahren Kern haben. Und wenn jetzt zu lesen ist, der Deutsche Olypmische Sportbund rechnet mit einer schwarzen Null, dann schrillen doch längst alle Alarmglocken. Sonst werden doch in der Regel deutliche Gewinne in Aussicht gestellt. Wie sollen diese aber garantiert werden? Nochzumal die Landespolitik, sobald der Bürger zugestimmt hat, und man die Spiele erfolgreich nach Berlin hat holen können, doch im Prinzip einen Freifahrtschein hat. Wer interveniert denn dann bei Kostenexplosionen? Nochzumal der Prozess der Investionen sich über Jahre erstrecken würde und hockomplex dazu wäre. Und ein Zurück gibt es nicht. Steht die Bundeshauptstadt einmal als Austragungssort fest, dann finden die Spiele auch hier statt. Keine Metropole der Welt kann kurzerhand einspringen und einen solchen Megaevent stemmen. Und, an einen Ausfall ist sowieso nicht zu denken.

Wie kann es sein, dass durch die kürzlich bekannt gewordenen Überschüsse im Berliner Haushalt, rund 438 Millionen Euro in die Beseitigung vieler Mängel gesteckt werden, aber am Ende das 20- oder 30-Fache in ein vierwöchiges Spektakel fließen sollen? Wenngleich ich diese Investitionen sehr begrüße. Allerdings sind es ja eher verschleppte Aufgaben. Daraus erwächst ja nicht unbedingt etwas Neues, sondern werden eher Probleme angegangen, die über viele Jahre links liegen gelassen wurden. Noch immer sollen die Bezirksämter ihren Mitarbeiterzahlen drastisch senken, bei gleichbleibendem oder gar noch ausgeweitetem Angebot. 1500 Stellen sollen in den Berliner Bezirken bis 2016 abgebaut werden, wenngleich alle eigentlich schon jetzt mehr Mitarbeiter benötigen, als ihnen zur Verfügung stehen. Es gibt mehrere Bezirke, die 2014 bereits eine Haushaltssperre verhängen mussten. In Friedrichshain-Kreuzberg wird diese auch 2015 bestehen. Dort können nichtmal die nötigsten Aufgaben erledigt werden.

Aber das scheint die vielen Befürworten nicht wirklich zu interessieren. Nein, die plötzliche Sportleidenschaft überkam sie und lässt sie nun gebetsmühlenartig für Spiele werben, die in Berlin sicher toll wären, aber nicht zu diesem Preis. Nicht in einer Stadt, die so vieles sein will und noch mehr werden will, aber ihren Alltag nicht ansatzweise geregelt bekommt. Themen wie zu sanierende Schulen, Kitas, sterbende Bibliotheken, wachsende Zahlen von Obdachlosen und Hilfebedürftigen, die Einstellung immer mehr sozialer und kultureller Angebote habe ich an dieser Stelle noch gar nicht behandelt. Auch die gehören zum Alltag der Hauptstadt. Ich würde mich riesig über vier tolle Wochen mit Sportlern und Fans aus aller Welt freuen, aber nicht, wenn ich an die restlichen 48 Wochen im Jahr 2024 oder 2028 denken muss. Aktuell hoffe ich, dass Hamburg sich durchsetzt, wenngleich ich der Hansestadt, die auch ihre Sorgen hat, eine solche Belastung nicht wirklich wünsche. Im Duell um den deutschen Bewerber um die Olympischen Spiele, liegt die Alstermetropole im Moment in jedem Fall vorn.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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