Politik machen heißt nicht nur demonstrieren gehen

Da demonstrieren sie nun, die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, kurz: PEGIDA. Seit Monaten und in großer Zahl.

„Sie verteidigen religiöse Werte, an die sie selbst nicht glauben, gegen Menschen, die es bei ihnen nicht gibt, von denen aber in Medien berichtet wird, die sie wiederum für Lügner halten. Irre.“ (Christian Ehring, Extra3 vom 22.01.2015)

Ohne mich jetzt hier tiefer in die Materie zu begeben, ist nunmehr zahlreich belegt worden, dass es vielen Menschen überhaupt nicht um den Islam geht, teils ja nicht mal um religiöse oder weltanschauliche Themen. Neben der Angst vor (Alters-)Armut sind es zu geringe Löhne, marode Schulen, die Politik im Allgemeinen sowie die Medien, ebenfalls nahezu allgemein. Nicht ernst genommen fühlten sie sich, allein gelassen mit ihren Sorgen, kurz: hilflos, beinahe ohnmächtig. Man wolle ja lediglich alle paar Jahre ihre Stimmen bei Wahlen zum Bundes- oder dem Landtag oder zum Europaparlament. Darauf beschränken sich ihre Möglichkeiten nach eigener Ansicht dann aber auch schon.

Aber, ist dem tatsächlich so? Kann man politisch tatsächlich nur aktiv werden, wenn man wählen oder wahlweise demonstrieren geht? Die Antwort lautet nein. Es gibt derart vielfältig Möglichkeiten Politik zu machen. Politik heißt nämlich noch immer, den Menschen in einem Ort, einem Bundesland oder ganz Deutschland zu helfen; das Leben für sie etwas besser zu machen. Das kann natürlich große Themen wie Gleichberechtigung oder faire Löhne, eine gesicherte Altersvorsorge oder gute Bildungschancen bedeuten. Es kann aber ebenso heißen, dass man als freiwilliger Feuerwehrmann da ist, wenn es brennt. Dies kann auch bedeuten, dass man Nachbarn unterstützt, Kindern vorliest, Senioren pflegt oder ihnen Zeit widmet. Das kann genauso die Arbeit in einem Sportverein sein oder aber der Schutz von Umwelt, Natur und Tieren. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die Maßnahmen sind in ihrer Wirkung natürlich räumlich und zeitlich begrenzt. Aber, sie werden dennoch von vielen getätigt. Von Menschen, die neben Job, Partnerschaft, Familie und Hobbies noch die Kraft aufbringen, sich für andere einzusetzen.

Neben der Tatsache, dass man im Kleinen auf Dinge aufmerksam machen kann und Verbesserungen anstößt, erhält man neben Dank (hoffentlich) auch einen wichtigen Einblick. Nämlich, wie politische Prozesse funktionieren. Denn längst läuft es nicht immer alles harmonisch und reibungslos ab. Auch dort gibt es unterschiedliche Ideen, Wege ihrer Durchführung. Auch dort sind Menschen am Werk. Und wo Menschen am Werk sind, gibt es unterschiedliche Positionen. Aber, oft gelingen Vorhaben, zahlen sich Mühen aus. Und dann ist diesen Menschen gelungen, Politik zu machen. Politik mit Streit, mit Fort- und Rückschritten, mit nicht immer perfekten Lösungen, teilweise gar mit Scheitern. Viele lassen sich aber nicht unterkriegen, machen weiter, werben, diskutieren, packen an. Um eben die Welt, ihre Welt, ein klein wenig besser zu machen.

Nach den bisher drei veröffentlichten Studien bzw. deren wesentlichen Ergebnissen, hätte mich vor allem interessiert, ob denn die Befragten engagiert sind. Ob ihre Enttäuschung aus stetem Scheitern zum Beispiel in Vereinen, Initiativen, Gewerkschaften etc. herrührt. Dann würde ich das Gefühl der Ohnmacht durchaus nachvollziehen können. Ich glaube jedoch, dass viele dieser Menschen, die in Dresden und anderen Städten demonstrieren gehen, bisher nicht oder kaum einen solchen Weg eingeschlagen haben. Glaubt man der Statistik, ist die Quote ehrenamtlichen Engagements in Sachsen beispielsweise unterhalb des Deutschen Durchschnitts (Soziales Engagement nach Bundesländern). Dabei gibt es Möglichkeiten zu Hauf, suchen Vereine in Zeitungen händeringend nach Unterstützern, gibt es mittlerweile Ehrenamtsbörsen für ganz Sachsen oder Übersichten, wobei man helfen kann für die Landeshauptstadt Dresden. Warum wählt man also nicht diesen Weg? Nochzumal die Veränderungen in der eigenen Straße, dem eigenen Kiez oder der eigenen Stadt für einen selbst doch viel spürbarer, jeden Tag erlebbar, sind und nicht unbedingt Auswirkungen auf Menschen haben, die weit weg leben.

Und, glaubt man den nicht repräsentativen Studien, sind die Dresdner Demonstranten ja keine Dummen, keine Menschen, die nichts auf die Reihe bekommen. Es sind Menschen, die im Berufsleben stehen, einen gewissen Bildungsgrad haben, Menschen, die sich äußern und etwas anpacken können. Natürlich kann nicht jeder alles leisten. Die einen können mehr, die anderen tragen ein bisschen weniger bei, aber jeder kann sich involvieren. Der eine kann dies bieten, der andere das. Der eine hat Kraft, der andere Mut, ein Dritter gute Kontakte. Als Kind der DDR weiß ich, was es heißen kann, geringe Möglichkeiten zu haben, materiell, finanziell, aber auch politisch. Und, so habe ich viele Menschen vor 1989 kennengelernt, dies hat nicht zum Kampf gegeneinander, sondern zu Unterstützung, der so genannten abendländischen Nächstenliebe geführt. Warum vergessen Menschen, in diesem Falle in Dresden, dies so schnell? Warum diese ganze Missgunst? Warum die Annahme, dass man anderen immer etwas wegnehmen muss, damit es einem selber besser geht. Warum nicht das, was man hat oder kann, teilen, damit es allen ein stückweit besser geht? Verstehen kann ich dies nicht. Im Gegenteil, ich bin verwundert. Warum lassen sich Menschen vor einen Karren spannen, für Dinge, die sie gar nicht wollen. Warum sehen sie dabei zu, wie in der großen Masse, ihre individuellen Sorgen untergehen, ungehört bleiben, wenn es doch Möglichkeiten gibt, Dinge selbst anzupacken?

Die Bürger Dresdens sind mündig. Sie haben etwas zu sagen und sollen dies auch tun können. Sie haben Probleme und Sorgen. Jedoch kann nicht jede Sorge von höchster Stelle aus genommen werden, kann nicht alles in Dresden von der Bundes- oder Landespolitik geregelt werden. Aber, sie haben die Chance, und zwar jeden Tag, ihr Leben und das Leben von Menschen um sie herum, zu bereichern, zu verbessern. Dafür muss man sich aber Zeit nehmen, muss sich Gedanken machen, sich organisieren, mit Menschen sprechen, überzeugen, auch Kritik aushalten und Rückschläge einstecken – wie jeder Politiker im Übrigen auch.

Also, PEGIDA, warum also nichtmal ein paar Ideen sammeln, nach Unterstützern suchen, auf Probleme aufmerksam machen und Dinge angehen? Warum nur einmal in der Woche demonstrieren gehen und denken: „So, das war jetzt Politik!“? Die Dinge im Kleinen angehen und selbst erleben wie sie sein kann, die Politik – mit allem Positiven und allem Negativen. Nochzumal man sich die Zeit nimmt, Facebook mit Kommentaren zu fluten. Warum nicht diese kostenlose PR-Maschinerie für die eigenen, teils kleinen, Anliegen nutzen, statt gegen andere, Schwächere, zu pöbeln? Die Notwendigkeit zu ehrenamtlichem Engagement wird künftig weiter wachsen. Die Möglichkeiten, dort aktiv zu werden, sind immens. Jeder kann seinen Beitrag leisten, den eigenen Möglichkeiten entsprechend. Deshalb ist die Frage „Was kann ich für mein Land tun?“ genauso wesentlich wie „Was kann mein Land für mich tun?“. Und beantworten kann sie jeder selbst. Aktiv. Jeden Tag. Das wäre patriotisch.

Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement

Advertisements

Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
Dieser Beitrag wurde unter Politik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreib etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s