PR-Profi Angela Merkel und der unpolitische Sport

Ja wie denn nun? Ist Sport, genauer der deutsche Fußball, unpolitisch oder nicht? Die Frage erzeugt gegenwärtig mehr Verwirrung, als es einige Schiedsrichterentscheidungen bei der seit gut zehn Tagen laufenden Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien taten. Was war passiert?

Da gewann die Deutsche Nationalmannschaft ihr Auftaktspiel gegen Portugal mit 4:0, spielte sehr ansehnlichen Fußball und strafte zumindest in diesem Spiel die Skeptiker Lügen. Ist doch alles gut, möchte man meinen. Ja, sportlich in jedem Fall. Warum jedoch Angela Merkel dem Spiel beiwohnen und sich anschließend in die Kabine begeben musste, um dort eine Ansprache zu halten, darf durchaus kritisch hinterfragt werden. Der Höhepunkt war jedoch ein Bild, das Merkel mit der gesamten Mannschaft zeigt sowie eines, welches die Kanzlerin mit Linksaußen und Spaßvogel Lukas Podolski zeigt. Das erste wurde dann direkt via Twitter durch Regierungssprecher Steffen Seibert verbreitet. Jeder, der einigermaßen klar denken kann, erkennt das Kalkül hinter dieser Aktion. So bedachte der Tagesspiegel den Auftritt Merkels am Dienstag im eigenen WM-Blog mit einem kritischen Kommentar („Was hat Angela Merkel in der Mannschaftskabine verloren?“), um sofort böse Reaktionen zu erhalten. Auf der eigenen Facebookseite reichten diese von Fragen, warum solche Artikel sein müssten, über „Die Deutschen meckern momentan über alles“, bis hin zu „Wenn wir schon nicht alle fahren können, soll wenigstens die Bundeskanzlerin uns vertreten“ oder „Wenn das unsere Probleme sind“. Mich überraschte, dass viele das PR-Manöver nicht wahrnahmen oder offenbar allesamt Fans unserer Kanzlerin sind. Es ist nämlich so, dass nicht nur die Bilder jeweils millionenfach gesehen (Das Selfie mit Poldi allein auf Facebook 13 Millionen Mal) wurden, sondern dass die am Spieltag übertragende ARD dem Kanzlerinnenbesuch auch 10-15 Minuten Sendezeit einräumte. Selbst im Fachmagazin Kicker, das politische Themen und Inhalte sonst eher nur am Rand behandelt, fehlten die Kanzlerin und ihr Auftritt nicht („ehrfürchtiger Joachim Löw“). Ja, aber ist Merkel nicht überparteilich und stellvertretend für ganz Deutschland vor Ort? Nein. Merkel mag der Ansicht sein, ganz Deutschland zu repräsentieren. Dem widerspricht jedoch das letzte Wahlergebnis und dem widerspricht auch ihre Position. Sie ist keine Bundespräsidentin, die zu Überparteilichkeit verpflichtet ist, sondern Regierungschefin und Bundesvorsitzende einer Partei. Damit repräsentiert sie auf den Bildern eben nicht vordergründig Deutschland, sondern sich selbst und ihre politischen Inhalte bzw. die ihrer Partei. Hätte man jemand überparteilichen schicken wollen, so wäre der Bundespräsident geeigneter gewesen. Aber dieser muss zum einen nicht um Wählerstimmen ringen und disqualifiziert sich womöglich auch mit Äußerungen zu mehr militärischem Engagement der Bundeswehr weltweit für einen solchen Auftritt.

Ja, aber was stört mich denn eigentlich so an der Verbindung zwischen Politik und Sport? Das ist doch alles halb so wild. Nunja, der DFB sorgte indirekt dafür, dass die Frage nach der Kanzlerinnen-PR aufs Tableau gerät. Vor rund einem Monat, im Zusammenhang mit dem Testspiel der deutschen Nationalmannschaft in Hamburg, hatte der Deutsche Fußball Bund nämlich selbst für seine vermeintliche Entpolitisierung gesorgt. Damals wurde im Stadion des FC St. Pauli in Vorbereitung auf den Kick gegen Polen trainiert. Am Millerntor hängt seit langer Zeit ein Banner mit der Aufschrift: „Kein Fußball den Faschisten“. Der Verein ist allgemein für sein Engagement gegen Rechts bekannt und vielfach dafür ausgezeichnet worden. Nun sah sich der DFB jedoch veranlasst, diesen politischen Spruch zu verhängen. Also zumindest den letzten Teil „den Faschisten“, so dass nur noch „Kein Fußball“ die Ränge zierte, was in einem Fußballstadion schon ein wenig zum Schmunzeln veranlasst. Die Reaktionen waren entsprechend heftig. Viele Fans und auch Spieler des FC St. Pauli reagierten mit großem Unverständnis auf diese Aktion. Der DFB hingegen machte es mit seiner Rechtfertigung eher noch schlimmer, als besser. Das Millerntor sei „neutralisiert worden“, sprich von Werbung und politischen Äußerungen jedweder Form frei gemacht worden, hieß es in der Erklärung des DFB. Dass der DFB jedoch zu jeder Zeit für Toleranz und gegen Diskriminierung wirbt und nicht müde wird, die inkludierende Wirkung des Sports zu betonen (also klar politische Themen bedient) scheint den Herren entfallen zu sein. Dass vor großen Turnieren durch die jeweiligen Mannschaftskapitäne Erklärungen verlesen werden, in denen man sich der Fairness verpflichtet und gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein Zeichen setzen wolle, scheint ebenso verblasst. Nein, der (Fußball)Sport ist unpolitisch heißt es.

Aber ist nicht gerade die WM in Brasilien auch eine hochpolitische? Gibt es nicht neben den hausinternen Problemen bei der FIFA außerordentliche soziale und wirtschaftliche Probleme im Gastgeberland? Doch, die gibt es. Und über diese darf man, anders als TV-Experte Oliver Kahn es gern hätte, auch reden. Und sowohl der DFB als auch deutsche Politiker kritisieren den Fußball Weltverband sowie den Gastgeber. Dabei müssten die Politiker sich eigentlich raushalten und die Verbände sich auf ausschließlich sportliche Belange fokussieren, so zumindest nach Selbsteinschätzung des DFB. Dass die beiden letzten Verbandspräsidenten parallel zu ihrer Funktionärstätigkeit Mitglieder einer Partei sein konnten, will auch so recht nicht ins Bild passen. Im Übrigen darf genau einmal geraten werden, welcher Partei Gerhard Mayer-Vorfelder (2001-2006) und Theo Zwanziger (2004-2012, zunächst als Doppelspitze mit seinem Vorgänger) angehören bzw. angehörten. So kommt nicht ganz von ungefähr, dass der DFB auf seiner eigenen Website vom Besuch Merkels in einem Sportcamp in Salvador berichtet und den Besuch des Spiels am Abend ankündigt. Der Sport ist nicht frei von Politik. Wer das glaubt ist reichlich naiv. Warum der DFB dies jedoch zu behaupten versuchte, bleibt sein Geheimnis.

Also scheint die Verknüpfung von Politik und Sport doch enger zu sein, als gedacht bzw. als seitens des DFB gern zugegeben wird. Dass eine Kanzlerin zu einem Spiel fährt, muss daher keinen Affront darstellen. Allerdings ist die Kanzlerin offenbar sehr wählerisch bei den Besuchen von Sportveranstaltungen. Immer wieder ist es der Fußball, dem sie von der Tribüne aus beiwohnt. Bei der EM 2012 besuchte sie die deutschen Kicker gar im Mannschaftshotel. Es ist nun aber nicht so, dass es nicht noch anderen erfolgreiche deutsche Athleten und Teams gibt, denen man mal einen Besuch abstatten könnte.  Jedoch stellt der Fußball noch immer den Volkssport Nummer eins in Deutschland und Auftritte der Mannschaft garantieren bei Turnieren Top-Einschaltquoten. Am Montag sahen 26,36 Millionen Menschen das Spiel Deutschland – Portugal. Dies entspricht einer Einschaltquote von 81,8 Prozent. Und in diesen Zusammenhängen nehmen die Fans sie als Vertreterin Deutschlands wahr, die „unseren Jungs“ die Daumen drückt und quasi „unser aller“ Glückwünsche überbringt. Sie zeigt sich mit erfolgreichen und in der Regeln auch beliebten Sportlern und hofft, dass ein wenig von deren Glanz auch an ihr haften bliebt. Liest man viele Kommentare in sozialen Netzwerken, scheint ihre Rechnung auch perfekt aufzugehen. So viel Unverständnis schlägt kritischen Nachfragen entgegen. So viel „Ist doch cool“ oder „Soweit ich weiß, ist Merkel Fußballfan“ oder „Angie mag die Nationalmannschaft und die Nationalmannschaft mag sie“ ist zu lesen. Vielleicht liegt es am erhöhten Bierkonsum während der WM. Vielleicht aber auch am mangelnden Verständnis von „Der Ökonomie der Aufmerksamkeit„. An Verständnis für diese Zusammenhänge mangelt es auf Seiten der Kanzlerin und ihres Trosses in keinem Fall. Kalkül bis ins letzte Detail lautet die Devise. Wie kann sonst erklärt werden, dass Merkel nicht mal bei der Leichtatlethik, dem Handball, Schwimmen oder dem Radsport auftaucht. Nunja, es sind aktuell keine Domänen deutscher Sportler und, wenn dort Erfolge vorzuweisen sind, generieren diese nicht denselben medialen Rummel, wie ein Fußballspiel der Nationalmannschaft. Und, anders als zu Helmut Kohls Zeiten, als das Betreten der Spielerkabine eingeführt wurde (Schröder tat es nicht), gibt es heute noch die Möglichkeit Schnappschüsse zu machen und diese sofort über Medienverantwortliche millionenfach verbreiten zu lassen. Von allem wird Gebrauch gemacht. Interessant war auch, dass sich unter den kritischen Kommentatoren bei Facebook Bundestags- und Abgeordnetenhaus-Vertreter der Union befanden, die natürlich ihren Unmut über den Artikel des Tagesspiegels äußerten, wenngleich einer von ihnen beteuerte, eigentlich total im Stress zu sein.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Viele findens OK, viele meckern über den Tagesspiegel, andere über die FIFA und wieder andere schwadronieren über die (Un)Politischkeit des DFB, wie der Autor dieser Zeilen. Alle vergessen ein wenig, worum es eigentlich geht: Eine Kanzlerin, der es wieder gelungen ist, alle positiven Effekte der medialen Präsenz abzugreifen und mit den kritischen Fragen, die daraus resultieren, kaum in Verbindung gebracht zu werden. Denn wie bemerkte ein Kommentator bei Facebook süffisant: „Und wenn Frau Merkel angeblich soein großer Fußballfan ist, warum hat sie dann keine Dauerkarte bei Energie Cottbus?“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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