Lärm – Die Geißel Berlins

Fehlender Wohnraum, stete Gewalt auf öffentlichen Plätzen und im Nahverkehr, der schlechte Arbeitsmarkt und das geringe Lohnniveau? Alle genannten Aspekte hätten eine Anwärterschaft auf den Titel „Problem Nummer eins in Berlin“. Glaubt man dem aktuellen Artikel im Tagesspiegel, dann gewänne jedoch keines von ihnen die fiktive Trophäe. Nein, Lärm bzw. die Belästigung durch denselben, scheint viel wesentlicher zu sein und viel eher einer Bekämpfung zu bedürfen. Immer wieder im Fokus was die Produktion von Lärm betrifft sind die lieben, teuflischen, Kleinen. Die Kinder, von denen wir doch eigentlich viel zu wenige haben und die doch irgendwie unser aller Zukunft sein sollen. Oder wenigstens für unsere Rente aufkommen möchten. Nein, alles Gewäsch. Laut sind sie und eine Bedrohung für unser aller Erholung.

So sehen es offenbar die Investoren des wohlklingenden Bauprojektes „Fünf Morgen Dahlem Urban Village“. Es handelt sich um ein Bauprojekt der Stofanel-Gruppe. Luxuswohnungen selbstverständlich. Aber eben jener Luxus ist durch spielende Kinder offensichtlich derart bedroht, dass jetzt eine fünf Meter hohe Mauer gegen eben jenen Luxus-Zerstörer Kinderlärm errichtet wird. Entgegen der ursprünglichen Planung einer Mauer entstehen nun weitere. Auch Rampen für Moutainbiker, die sich an der Straße befanden, wurden demontiert. Mitarbeiter einer Kita und eines Kinderhauses sind entsetzt über die Pläne und bringen ihre Kritik daran zum Ausdruck. Dabei ist das „Problem Lärmbelästigung“ nicht neu. Auch wurden Kinder bereits früher als eine der Hauptwurzeln dieses Übels entlarvt. So wollte die Senioren-Union, in Gestalt ihres Bundes-Vize Leonhart Kuckart, 2011 den damaligen Bundesumweltminister Norbert Röttgen dazu bringen, den Bau von Kitas in Wohngebieten unterbinden zu können. Von der „Selbstaufgabe älterer Menschen“ war zu lesen. Auch, dass Kinderlärm mit dem „Hämmern von Pressluftbohrern“ zu vergleichen ist. Letztlich scheiterte die Senioren-Vertretung der Union mit ihrer Forderung und erntete einige Kritik,wenngleich Politikvertreter sich sehr moderat zu diesen Plänen äußerten. Allerdings war das Problem der Lärmbelästigung durch Kinder aufs Tableau gehoben worden. Ebenfalls 2011 versuchten Anwohner eines Spielplatzes in Lankwitz juristisch gegen dessen Erweiterung vorzugehen, scheiterten aber ebenfalls.

Beim Bau der Luxussiedlung sollen es nun also erneut die Kleinsten sein, die mit ihrem Spielen und Tollen eine Unerträglichkeit kreieren. Interessant ist, dass die beiden Investoren, Ludwig Maximilian Stoffel und Giovana Stefanel-Stoffel 2008 noch ganz anders über ihre Pläne in der Bundeshauptstadt sprachen. „Mediterranes Lebensgefühl“ und „möglichst ohne Gartenzäune“ liest man im Artikel der Welt. Weiterhin hieß es, dass die Projekte in Berlin keinerlei Bedrohung für die jeweiligen Kieze, in denen sie entstehen sollten, darstellen werden. Der Marthashof, der im Prenzlauer Berg entstanden ist, sollte, so hieß es damals, tagsüber allen offen stehen. Beim gegenwärtigen Projekt in Dahlem gilt dieses Versprechen offenbar nicht.

Allerdings befinden sich die Investoren in guter Gesellschaft jener, die gegen Lärm zu Felde ziehen. Und es müssen nicht immer Kinder oder Kitas sein, gegen die es vorzugehen gilt. Nein, auch die für Berlin so wichtige Gastronomie ist seit vielen Jahren vielerorts ein Ärgernis. So bildete sich in einem Schöneberger Kiez die Bürgerinitiative „Lärmfreier Nollekiez“, nachdem dort zwei orientalische Bars eröffnet hatten. Nach dem Lesen des Artikels kann man auch den Eindruck gewinnen, dass vielen Anwohnern eher die Klientel ein Dorn im Auge ist und Ressentiments eine nicht ungewichtige Rolle bei ihrer Initiative spielen. Andererseits waren die Wohnungen zuerst am Platze und die beiden Bars siedelten sich nachträglich an. Und, Anwohner dürfen natürlich erwarten, dass ein wenig Rücksicht auf sie genommen wird. Allerdings ist die Zahl von Beschwerden und Klagen gegen gastronomische Betriebe oder Klubs auch dort in die Höhe geschnellt, wo die Wohnungen oder Häuser nachträglich entstanden bzw. zu Eigentumswohnungen umgebaut wurden. Nur so lassen sich die Schließungen so vieler Klubs in Berlin erklären, die zuvor Jahrzehnte in Wohngebieten angesiedelt waren und offenbar keinerlei Ärgernis darstellten. Aber, das scheint seit einiger Zeit auch wissenschaftlich belegt, es ist nicht vordergründig der Schall, der die ungewollte Lautstärke erzeugt, sondern dessen Verarbeitung. Letzte stellt bei der Wahrnehmung von Lärm 70 Prozent, der Schall an sich nur 30. Aber, das ist im selben Artikel zu lesen, der Kampf gegen Lärm ist in Berlin offenbar zur Obsession geworden, die nicht selten auf eine veränderte Anspruchsrolle der Anwohner zurückzuführen ist. Allerdings auch auf die gestiegenen finanziellen Mittel. Denn Klagen kostet und es ist davon auszugehen, dass nicht jene Klage einreichen, die dafür den Jahresurlaub opfern müssten, weil beides nicht zu bezahlen ist.

Und was macht die Berliner Politik? Wie immer nicht viel. So wie es der Bundesunion Schwierigkeiten bereitete, offene Kritik an der eigenen Senioren-Vertretung zu äußern, so bereitete es den Senats- und Bezirksvertretern jetzt Probleme, klar Stellung zu beziehen. Immer wieder wird ausweichend reagiert, wird sowohl der einen als auch der anderen Seite in Teilen Recht gegeben. Wenn beispielsweise der jugendpolitische Sprecher (!) der SPD sagt, die Mauer (in Dahlem) sei „nicht schön“, aber wenn damit gerichtliches Vorgehen der Anwohner gegen die Einrichtungen für Kinder und Jugendliche verhindert werden könne, sei die Wand das kleinere Übel. Oder anders: Freie Fahrt für Investoren.

Was in diesem Zusammenhang wie Hohn anmutet, ist die Tatsache, dass Bezirkspolitiker von Union und SPD vor nichtmal einem Jahr markige Worte gegenüber Stofanel erklingen ließen, weil beim Bau eines Geschäftsgebäudes (ebenfalls in Dahlem) die Absprachen über die Fassadengestaltung nicht eingehalten wurden. Statt hellem Naturstein wurde damals grauer Werkstein verwendet. In diesem Zusammenhang sprachen die Bezirksverordneten von „schwerer Täuschung“ durch den Investor. Allerdings konstatierte man auch, dass der Bezirk ein gewisses Drohpotenzial gegenüber Stofanel besäße, da ja weitere Bauprojekte geplant seien, die der Zustimmung des Bezirkes bedürften. Es ist schon wirklich interessant, wie die Fassade eines Geschäftsgebäudes für die Politik zum ernsten Ärgernis werden kann und die Androhung von Konsequenzen nach sich zieht, der Bau von fünf Meter hohen Mauern zum Schutz vor Kinderlärm bzw. die Demontage von Anlagen für Mountainbiker zu kaum einer Reaktion führen. Allerdings scheint sich einmal mehr die Priorisierung der Berliner Bezirks- und Landespolitik zu offenbaren. Das so dringend benötigte Kapital in der Stadt rechtfertigt am Ende eben auch einen solchen Schritt. Denn, nur dass keine Zweifel entstehen, es sind wiederum Eigentumswohnungen, die dort entstehen und nicht etwa Allerwelts-Domizile. Denn die liquide Käuferschaft ist das Ziel der Investoren, wie sie ausdrücklich im Welt-Artikel (siehe oben) betonten.

Damit wird ein Weg beschritten, der künftige Klagen gegen Lärm jedweder Couleur eher noch begünstigt, als diese einzudämmen. An kaum einer Stelle hat sich die Politik klar und dauerhaft auf die Seite von Kindern, Kinder- und Jugendeinrichtungen oder Gastronomie und Klubs geschlagen – von Gerichtsurteilen abgesehen; aber Gerichte werden auch nicht vom Bürger direkt besetzt. Beschränkungen des Draußensitzens in Kneipen und Bars, Schließungen von Klubs oder deren teure Schallschutznachrüstung, der Bau von Mauern sind die Realität und zeigen weiteren Genervten, dass ein Vorgehen gegen diese Quellen von Lärm oft von Erfolg gekrönt ist. Ich finde es vollkommen OK, wenn man gegen wirkliche Belästigung vorgeht, aber es drängt sich der Verdacht auf, dass die Schwelle des Ertragbaren in Berlin deutlich gesunken ist. Und, auch wenn dies ein extremer Fall ist, die Schwelle nicht nur juristisch gegen Lärmverursacher vorzugehen, ist offenbar auch deutlich geringer geworden, wie folgender Artikel zeigt.

Ein wenig mehr Entspanntheit und Verständnis für einander wären angebracht. Lösungen, die versöhnen und nicht spalten sollten her. Bedenkt man jedoch, dass diese Forderung von Leonhart Kuckart, dem Vize der Senioren-Union stammt, dann zeigt sich allerdings die ganze Verlogenheit in dieser Debatte.

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Über Alexander(s)platz

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