Wann steht der Fußball wieder im Zentrum?

In einer Woche geht es los. Dann rollt der Ball und 32 Nationalteams versuchen in Brasilien den begehrtesten aller Titel zu erringen und Fußball-Weltmeister zu werden.

Als großer Fußballfan freue ich mich auf das Turnier, wenngleich es aus deutscher Sicht einige Dämpfer zu verkraften gilt: Verletzungssorgen (Gündogan, Gomez, Badstuber) vorab, Verletzungssorgen in der direkten Turnier-Vorbereitung (Neuer, Lahm, Khedira), der wachsende Zweifel, dass Jogi mit seiner Nominierung richtig lag oder Verletzte bei einem Promo-Deal mit Mercedes, die die Frage nach zu großem Marketingeinfluss im Sport wieder auf den Plan rufen. Ein wenig vorbildlicher Bundestrainer, der den Führerschein abgeben muss und dann durch Sportdirektor Oliver Bierhoff auch noch auf peinliche Art und Weise gestützt wird. Von den bis dato unterirdischen WM-Songs hierzulande will ich erst gar nicht anfangen.

Jedoch sollte, aller Euphorie zum Trotz, dieser Tage die Zukunft des professionellen Fußballs allgemein den Fans Sorge bereiten. Die WM 2022 in Katar steht derzeit im Fokus der Debatte und befeuert die Frage nach Korruption und Bestechung im Weltverband FIFA erneut. Die Sunday Times veröffentlichte vor wenigen Tagen einen Artikel, in dem sie Mohammed Bin Hammam bezichtigt, insgesamt rund 3,7 Millionen Euro Schmiergeld gezahlt zu haben, damit Funktionäre ihre Stimme bei der Vergabe an Katar geben – mit Erfolg, wie wir wissen. Unter anderem aus vielen E-Mails wolle man dies herausgefunden haben, schreibt die britische Zeitung. Bin Hammam wurde eigentlich 2011 auf Lebzeiten gesperrt und hatte angeblich nichts mit der Kampagne seines Heimatlandes zu tun.

Dass jedoch die Fifa, der moderne Fußball und Ethik überhaupt nichts mit einander zu tun haben, scheint schon länger der Fall zu sein. Es geht um Milliardenbeträge und um Macht. Folgende Übersicht zeigt beispielweise die Umsätze der FIFA seit 2003. Binnen zehn Jahren konnte der Umsatz des Weltverbandes mehr als verdoppelt werden, wenngleich bezweifelt werden darf, dass es nicht noch weitere Einnahmen über dubiose Kanäle gibt. Dass sich nun vor allem in Ländern, die viel Geld haben, auch viel Geld für die Fifa verdienen lässt, ist naheliegend. Und zu diesen gehören ganz sicher auch Russland, Gastgeber in vier Jahren und eben das Emirat Katar, obwohl letztes über keinerlei Fußballtradition verfügt. Aber solche Faktoren scheinen auch eine immer geringere Rolle zu spielen, wenngleich es sicher unfair wäre, Turniere nur in südamerikanischen und europäischen Ländern stattfinden zu lassen, wo die Tradition am ausgeprägtesten ist. Traditionen können sich ja durchaus entwickeln. Außerdem sollen, so die Theorie, doch diese großen Turniere die Wirtschaft des jeweiligen Austragungslandes befördern, durch erweiterte Infrastruktur der Tourismus einen Aufschwung erleben und der Sport den Menschen eine Perspektive geben. Dass all dies eher Lippenbekenntnisse sind, zeigt die erst vier Jahre zurückliegende WM in Südafrika. Hohe Arbeitslosigkeit nach dem damaligen Bauboom und verwaiste Stadien sowie Schulden für den Staat und eine frustrierte Bevölkerung sind heute Realität. Die Fifa jedoch hat ihren Schnitt gemacht und zieht zum nächsten Land. Und dieses nächste Gastgeberland ist eben Brasilien. Ein fußballverrücktes dazu, was erfreulich ist. Allerdings auch eines, das durch massive Korruption auf der Ebene der Sportfunktionäre geprägt ist. Angesichts der aktuellen Enthüllungen rund um die WM in Katar, scheinen viele vergessen zu haben, dass es am Zuckerhut in großem Stile dubiose Geschäfte gab. Ein kurze Zusammenfassung findet sich hier. Sowohl der in Brasilien zurückgetretene Verbandschef Ricardo Teixeira, als auch der jetzt beschuldigte Bin Hammam weisen eine Gemeinsamkeit auf: Beide waren enge Vertraute von Fifa-Chef Sepp Blatter. Bin Hammam brach jedoch vor Jahren mit ihm. Die sehr interessante Dokumentation zeigt unter anderem das Verhältnis Blatters zu Bin Hammam und zum brasilianischen Verband auf.

Allerdings werden auch weitere dubiose Funktionäre, vor allem aber Praktiken seziert. Und es sind gar einige Verantwortliche zu sehen, die recht offen über illegale Vorgänge sprechen. Das Problem ist jedoch, dass diese allesamt zwar Insider sind, Auskünfte jedoch erst gaben, nachdem sie schon länger keinem Fifa-Gremium mehr angehörten. Bis dahin haben sie jedoch allesamt über Jahre das System gestützt und davon profitiert. Die Wenigen, die den Mund öffnen, noch während sie Posten im Fußball-Weltverband bekleiden, sind in der Regel Gegenkandidaten Blatters oder aber Personen, die ihm in den Rücken fallen oder denen er in den Rücken fiel, wie Bin Hammam. Die Positionen werden stetig gewechselt, Bündnisse geschmiedet und wieder gebrochen, Verleumdung kann morgen bereits Loyalität sein. Dort durchsehen zu wollen, würde dem Versuch gleichen, alle Ameisen eines Ameisenhaufens zu zählen. Zieht man sich auf die überschaubarere Perspektive des Fußballs zurück und fragt „Inwieweit profitiert der Sport?“, so lautet die Antwort schlicht: „Gar nicht!“. Macht, Geld, Einfluss und Ruhmsucht sind die Triebfedern der meisten Funktionäre. Sie bilden eine abgeschlossene Kaste. Nicht von ungefähr sind viele Funktionäre über Jahrzehnte Mitglied der Fifa-Exekutive bzw. nationaler Fußballverbände. Dafür wird von ihnen allerdings auch Loyalität gefordert. Wer sich Blatter widersetzt, findet sich alsbald mit dem Vorwurf konfrontiert, gegen den Ethik-Code verstoßen zu haben. Jenen ominösen Code den vor allem Blatter stetig bemüht, sich jedoch selbst am wenigsten daran zu halten scheint. Nochzumal, das zeigt die Dokumentation auch, Korruption und Bestechung nicht mal ausschließlich im Stillen stattfinden, wie die Aussagen einiger Funktionäre vor laufender Kamera verdeutlichen („Sie mögen das Korruption nennen“, Mohammed Bin Hammam). Aber, es gibt eben niemanden, der über der Fifa steht und diese kontrolliert bzw. Fehlverhalten sanktioniert. Blatter und seine Getreuen scheinen das Gesetz zu sein und dessen Einhaltung zu „überwachen“. Warum jedoch die mächtigen Verbände sich nicht auf einen Gegenkandidaten einigen können oder aber Initiativen zu tatsächlichen Reformen einbringen, bleibt ein Rätsel. Warum der Deutsche Fußball Bund (DFB), der noch immer der größte Einzelsportbund der Welt ist, es nicht schafft, andere Vertreter für Reformen zu gewinnen, will mir nicht in den Kopf. Ein möglicher Grund ist jedoch, dass auch Deutsche Fifa-Funktionäre wie aktuell Theo Zwanziger oder Franz Beckenbauer und Gerhard Mayer-Vorfelder früher kein Interesse an Veränderungen haben bzw. hatten. Konflitkscheu sollten die Funktionäre eigentlich nicht sein. Offenbar profitieren sie bzw. der eigene Verband von den gegenwärtigen Bedingungen, dass diese nach Möglichkeit auch so bleiben sollen. Selbst nachdem Blatter offen eine Manipulation der WM-Vergabe 2006 nach Deutschland ins Spiel brachte, brach kein Sturm seitens deutscher Funktionäre los, wenngleich die Anschuldigungen zurückgewiesen wurden.

Es ist einfach schwer darstellbar, dass in großen Stil Korruption und Vetternwirtschaft vorherrschen, aber die deutschen Vertreter davon über Jahre nichts mitbekommen. Aber vielleicht verspricht sich auch der ein oder andere irgendwann Läuterung und plaudert offen in Mirkofone. Blatter dürfte dann in seiner achten Amtszeit und die Fifa um viele Milliarden reicher sein. Der Fußball hingegen wird sich kaum verändert haben, zumindest nicht in der Kreisliga. Aber um Fußball geht es bei dem ganzen Theater ja auch gar nicht.

 

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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