Ein Drittel der Gesellschaft wird nicht gebraucht

„Sie sind ein Flop, würde ich sagen.“, las man kürzlich in einem Artikel von Mohamed Amjahid, in dem dieser von seinem Termin bei der Berliner Ausländerbehörde berichtete. Gesagt haben soll ihn eine Sachbearbeiterin. Der Satz bezog sich auf die Qualifikation des jungen Mannes. Und die liest sich wahrlich mäßig: Politikwissenschaften erfolgreich studiert, ein Volontariat beim Tagesspiegel, sechs Sprachen erlernt. Das war es?

Genug der Flachserei. Wenn jemandem diesen Formates ein solcher Satz an den Kopf geworfen wird, muss es in Deutschland mehr als rosig aussehen. Wenn er allerdings ergänzt wird, um: „Wir brauchen Ingenieure in Deutschland, keine Journalisten.“, dann wird der Fokus bereits verändert. Auch Amjahid führt die sooft beschriebene schwierige Suche vieler Arbeitgeber nach Fachkräften an, um seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen. Fachkräfte sind demnach nicht gleich Fachkräfte. Ich frage mich, warum die Politik nicht per Dekret sämtliche geisteswissenschaftliche Studiengänge einstampft. Die werden, glaubt man gängigen Witzen, am Ende eh alle Taxifahrer. Nochzumal Geisteswissenschaftler per se kritischer und reflektierter – und damit gefährlicher – sind, als Kollegen aus den Ingenieurswissenschaften – was nicht an intellektueller Überlegenheit liegt, sondern einfach daran, dass die Welt der Ingenieure aus Konstanten und teils unwiderlegbaren Gesetzen besteht, die der Geisteswissenschftler hingegen nahezu vollständig aus Auslegungen. Physikalische und chemische Gesetze bleiben gleich, ganz egal welcher Ingenieur sie erlernt; ob nun Demokratie richtig oder falsch ist, darüber darf gestritten werden.

Die eigentlich Frage ist jedoch: Wenn bereits Akademiker mit beeindruckender Vita beinahe unnötig für den deutschen Arbeitsmarkt sind, wie steht es dann erst um die Nichtakademiker hierzulande? Nur wer ungemein naiv ist, nimmt an, dass aus einem Schulabbrecher ein Ingenieur wird (bis auf ganz wenige Ausnahmen) oder dass jemand, der mit Ach und Krach die Hauptschule absolviert hat, irgendwann mal einen Jahres-Bruttolohn von mehr als 40.000 Euro vorweisen wird. Was tun Politik und Wirtschaft mit dieser nicht kleinen Gruppe, dem so genannten Prekariat? Sind sie wirklich darum bemüht, diese, wenn schon nicht an Hochschulen und in gutbezahlte Jobs, dann doch wenigstens in sinnvolle und würdige Arbeit, zu bringen? Wie passen die nicht wirklich sinkenden Zahlen von Langzeitarbeitslosen zum vermeintlichen Boom, den Deutschland gegenwärtig auf dem Arbeitsmarkt erlebt? Eine erste Idee, warum es sein könnte, wie es offenbar ist, liefert Christoph Sieber, unter den jüngeren politischen Kabarettisten einer der besten.

Wollte die Politik ersthaft gegensteuern, hätte sie Möglichkeiten en masse. Mit klugen Investitionen in Bildung könnte man frühzeitig einem Fachkräftemangel vorbauen. Warum der Anteil des Sozialbudgets, der in Bildung fließt aber nur bei 20 Prozent liegt, wo hingegen die Leistungen für ältere Menschen doppelt so hoch sind, kann keinem einleuchten. Dass, wie ich schon vor einiger Zeit berichtete, die Zahlen armer Rentner medial so häufig ihren Niederschlag finden, wenngleich deren Armutsgefährdung um ein Vielfaches geringer ist, als die von Kindern, macht die krude Sichtweise perfekt. Kann es wirklich sein, dass wir in Deutschland den Bereich der Hochqualifizierten soweit möglich mit den eigenen Besten abdecken, die restlichen Stellen mit sowetwas wie Greencardlern abdecken, aber auf die unteren 20 Prozent oder gar das untere Drittel eigentlich nicht mehr angewiesen sind und daher höhere Investitionen in Bildung gar nicht gewünscht sind? Georg Schramm kommt in den beiden folgenden Videos genau zu diesem Ergebnis. Unverblümt beschreibt er seine Sicht auf die Dinge, die in Teilen elitäre Oberschicht, Distinktionsmechanismen und die politische Intention von Verarmung und Verblödung eines Teils der Gesellschaft. Da fällt mir irgendwie nur noch der erste Artikel des Deutschen Grundgesetzes ein, der da zu Recht lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

 

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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