Klum, González & Kretschmer erklären die Welt


„Jorge eröffnet ‚Chichas Walk Academy‘ ab Ende Juni“, heißt es in einem heute veröffentlichten Artikel. „Selbstbewusstsein“ und den „inneren Glam“ wolle man ab dem 24. Juni auf Vox vermitteln, liest man weiter. Wurde nicht kürzlich in Zusammenhang mit der Investigativ-Sendung „Team Wallraff“ noch betont, dass RTL (Vox gehört zur Sendergruppe) den Schwenk zu einem stärker inhaltlich orientierten Fernsehen vollziehen wollte? Wie passen „Jorge“ und das papierdicke Konzept seiner Sendung da hinein? Einen freien Sendeplatz will man offenbar nicht nur füllen, läuft die Sendung doch an sechs Dienstagen zur Primetime um 20:15 Uhr. Nein, so ganz möchte man sich vom Konzept der, ja was eigentlich… Welterklärer in Designerfummel und Pumps, offenbar nicht verabschieden. Da befindet sich Vox jedoch nicht nur in Gesellschaft des eigenen Muttersenders RTL, wo gerade Guido Maria Kretscher in „Hotter than my Daughter“ über den TV-Cat-Walk flanieren durfte, sondern auch von Pro7, wo man offensichtlich ohne Heidi Klums Lebensweisheiten nicht auskommt und ihr nach dem quotentechnisch schwachen Staffelende von „Germany’s Next Topmodel“ noch „Heidi ungeschminkt!“ nachschenken musste. Für diese Sendung hatten aber ebenfalls wenig Zuschauer ein Foto dabei. Warum auch?

Man muss ja nicht wie Jochen Malmsheimer die sechziger Jahre der Fernsehunterhaltung propagieren, aber ein bisschen mehr darf schon sein, oder? Man durfte anno 1984 durchaus froh sein, dass es Flimmerkisten-Konkurrenz zum angestaubten und teils drögen ÖR-Fernsehen gab. Das hat insgesamt das Geschäft, die Inhalte und die Präsentationsformen belebt. Davon ist zum dreißigjährigen Jubiläum des Privatfernsehens aber nicht mehr viel zu spüren. Ein Wallraff reicht nicht aus, um wieder als gehaltvolle TV-Ware gelten zu dürfen. Weiterhin konterkariert das in den genannten Shows Gezeigte ja jedweden Inhalt. Oder kann mir jemand erklären, warum das Verkleiden, Präsentieren, mit Äußerlichkeiten Konkurrieren letztlich Kern dieser und ähnlicher Formate ist? Warum nicht inhaltlich in Wettstreit treten – mit Wissen, Stimme, körperlicher Leistungsfähigkeit, Charakter? Achso, weil dann 99% der gezeigten Kandidaten kaum eine bis gar keine Chance hätten, aufzutreten – und am Ende einen Studien- oder Ausbildungsplatz ergattern müssten. Da ist eine Mode-, oder wenn dies nicht gelingt TV-Karriere, der leichtere Weg. Nochzumal man von Kretschmer, Heidi & Co. ja das Rüstzeug dafür erhält, worauf es in der Branche, ach, worauf es überhaupt im Leben ankommt. Ich wundere mich nicht mehr, wieviel affektierte junge Menschen es mittlerweile gibt, wenn das Fernsehen, unser aller Opium, solche Weisheiten verbreitet: Gut aussehen, sich gut kleiden können, schrill sein, ein Typ sein (äußerlich), Befehle ausführen, die Ellenbogen ausfahren, diszipliniert und pünktlich sein – STOP – die beiden letztgenannten Eigenschaften machen sogar für mich Sinn. Aber benötige ich dafür ein solches Format? Benötige ich dafür Heidi und Jorge? Natürlich soll kein müder, in einen Anzug gekleideter Erklär-Opi versuchen, jungen Menschen diese wichtigen Tugenden nahezubringen, aber ich denke zwischen beiden Extremen wird sich doch wohl eine Mitte finden lassen, oder? Nochzumal überhaupt zu klären ist, ob solcherlei „Anleitungen“ ins Fernsehen gehören. Für die beiden großen Privatsendergruppen ganz offenbar. Auf andere Formate wie beispielsweise „Catch The Millionare“, das gerade von Pro7 in eine zweite Staffel geschickt wird, möchte ich an dieser Stelle erst gar nicht eingehen. Da nun am Ende aber nicht jeder Top-Model, Shopping-Queen, Millionärsehefrau etc. werden kann, frage ich mich, was mit jenen ohne Foto passiert? Wenn deren Leben so lange von Plattitüden und Affektiertheiten bestimmt worden ist, wie legen diese dann den Schalter um und glänzen plötzlich mit anderen Qualitäten – nicht mit jenen, die im TV-Zirkus-Kokon als elementar bezeichnet werden?

Das politische Kabarett hat da durchaus eine Antwort. Der schätzenswerte Georg Schramm spannte den Bogen bereits 2008 vom TV-Programm über „vermittelte“ Bildungsinhalte zu Politik und Konsum – kurz, knackig, nachvollziehbar. Aber dies macht ja keine Quote, weder im TV, noch an der Ladentheke, noch zu den Wahlen – bzw. womöglich an falscher Stelle. Aber die soviel zitierte Nachhaltigkeit (in der Bildung beispielsweise) steht eben doch nur auf dem Papier. Und dieses ist, soviel weiß man, mehr als geduldig.

Ich wünsche ein schönes Wochenende!


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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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2 Antworten zu Klum, González & Kretschmer erklären die Welt

  1. Ullrich schreibt:

    Schöner Beitrag. Nicht zu lang (man denke an die sehr lesenswerte Serie über den Generationskonflikt), verständlich und präzise. Weiter so, ich möchte mehr davon!

    Gefällt 2 Personen

    • Alexander(s)platz schreibt:

      Hallo Ullrich. Vielen Dank für deinen Kommentar. Natürlich sollte nicht jeder Artikel 2000 Wörter umfassen, aber bei einigen muss ein wenig mehr Text sein, will man dem eigenen Anspruch einer fundierten Analyse gerecht werden. Darüber hinaus gibt es leider nicht zu jedem Thema solch gute Videos, die ihrerseits einen Teil der Argumentation bereits übernehmen. Leider. Aber ich werde versuchen, mich künftig kürzer zu fassen.

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