Allgemeinwissen verzweifelt gesucht!

Oder: SEO, CMS und Photoshop schlagen Geografie, Geschichte und Literatur

Allgemeinwissen erlebt gerade eine Renaissance. Naja, eigentlich war es nie wirklich tot in Deutschland, das Allgemeinwissen bzw. der Durst danach. Nicht umsonst warten selbst Apotheken-Blätter mit Kreuzworträtseln auf, ebenso wie Politmagazine oder TV-Zeitschriften. „Wer wird Millionär“ gab vor beinahe 15 Jahren einen weiteren Schub und ist seither zur festen TV-Instanz geworden. Miträtseln ohne die Pein bei einer scheinbar einfachen Frage vor einem Millionenpublikum zu versagen, das finden Viele toll. Egal ob im Fernsehen oder in einer Zeitschrift.

Und nun gab es erneuten Auftrieb für all die Allgemeinbildungsinteressierten, eine sehr erfolgreiche App, die mittlerweile mehr als 16 Millionen Mal heruntergeladen worden ist. Diese macht es möglich, nicht nur gegen eine gesichtslose Zeitschriften-Redaktion oder aber gegen Günther Jauch und sein Team zu spielen, sondern gegen Familienmitglieder und Freunde anzutreten. Garniert wird das Ganze, zumindest in der kostenpflichtigen Version, um eine Statistik, in der man sehen kann, wie es im direkten Duell mit App-Freunden und allen App-Nutzern insgesamt steht. Niederlagen wurmen so sehr, dass nach den „errungenen“ Minuspunkten sofort die Revanche her muss. Siege werde ausgekostet und sofort wird geschaut, wie weit einen der Punktgewinn im Gesamtranking nach vorn katapultiert hat. Die Erzeugung dieser Gefühle war offenbar derart erfolgreich, dass sich die ARD dachte, daraus eine Fernseh-Show zu machen. Dieser Versuch ging bisher gründlich in die Hose, tut jedoch dem Rate-Fieber keinen Abbruch.

Ist Deutschland also doch wieder ein Land der Denker? Ist all das Gerede von den immer schlechteren Wissensleistungen deutscher Schüler einfach nicht wahr? Oder ist es einfach überzogen von der reinen Lust am Raten auf eine gute Allgemeinbildung zu schließen?

Zuerst einmal sollte vielleicht gesagt werden, dass es ungemein schwierig ist, Allgemeinwissen überhaupt zu definieren. Bei mancher „Quizduell“-Frage habe ich innerlich auch die Augen gerollt und mich gefragt, was denn diese nun mit „Wissen“ zu tun haben soll. Grundsätzlich finde ich die für die App gewählten Bereiche jedoch ganz in Ordnung. Da finden sich klassische Wissensbereiche wie Geschichte, Literatur, Philosophie, die Naturwissenschaften und Geografie, aber auch moderne Kategorien wie Sport oder Film oder eben, die offenbar beliebteste weil diffuseste Kategorie, „Medien und Unterhaltung“. Für das 21. Jahrhundert vollkommen OK.

Die Frage, die sich für mich daraus ableitete, war jedoch, ob dem Allgemeinwissen auch allgemein ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Der Grund dafür, dass ich ausgerechnet auf diese Fragestellung kam, ist meine bereits sehr lange andauernde Jobsuche und die Tatsache, dass unter den Anforderungen in Stellenausschreibungen die Formulierung „gute Allgemeinbildung“ sehr oft zu finden war. Nun fiel mir zuletzt auf, dass diese vermeintliche Notwendigkeit immer seltener auftauchte. Alles rät und quizzt, aber Arbeitgebern ist eine gute Allgemeinbildung egal? Ich muss gestehen, dass ich dieses „Must Have“ für einen Job schon immer hinterfragt habe. Eigentlich finde ich es im IMM-Bereich (Jaja, immer her mit den hämischen Kommentaren) sehr dienlich, über eine breite Allgemeinbildung zu verfügen. Diese sollte natürlich nicht ausschließlich angelesen sein, sondern auch durch persönliche Erfahrungen gewachsen sein. Wenn ich in den Ausschreibungen, im Anschluss an diese ach so wichtige „gute Allgemeinbildung“, dann jedoch las, über welches technische Know-How man doch bitte für den Job verfügen sollte, habe ich mich nicht selten gefragt, wozu für die beschriebene Tätigkeit Allgemeinbildung vonnöten ist. Oder gelten versierte Fähigkeiten in Photoshop, InDesign, Lotus, CMS (Content-Management-Systems), SEO (Search-Engine-Optimization), SEM (Search-Engine-Marketing), Affiliate Management, Keyword-Suche, WordPress und die unabdingbaren Social-Media-Skills nunmehr als Allgemeinbildung? Technische Aspekte wie MS-Office oder HTML-Kenntnisse lasse ich hier schon beflissentlich beiseite. Ebenso die geforderten Soft-Skills. Frage: Bei zwei Bewerbern auf diese fiktive Stelle, einem unglaublich gut (allgemein)gebildeten mit wenigen Kenntnissen der genannten Programme und einem, der das Gros der Programme gut bis sehr gut beherrscht, aber über kaum Allgemeinbildung verfügt – welchen wird der Personaler am Ende wohl einstellen? Auch wenn es Unternehmen, selbst im Medienbereich, ungern zugeben: Allgemeinwissen ist heutzutage ein Zusatz, ein Gimmick, aber nichts, was von fundamentaler Wichtigkeit für einen Job ist. Wer sich erst in die technischen Abläufe einarbeiten muss – offen gelassen, dass demjenigen dies gelingt – der kann so klug und breit gebildet sein, wie er will. Er zieht in Bewerbungsverfahren den Kürzeren. In Zeiten, in denen jedweder Webinhalt bzw. dessen Auffindbarkeit von Optimierungen abhängt, in denen ist doch egal, was der Text oder das Bild oder Video inhaltlich hergeben. Wähle ich eine knackige Überschrift für diesen Artikel und tagge ihn klug, lesen ihn am Ende womöglich 50% mehr Personen – was über meinen geistigen Erguss im Übrigen gar nichts aussagt. Erreiche ich viele Leser, dann war ich zuerst einmal technisch erfolgreich, nicht inhaltlich.

Und genau dieser Umstand scheint sich in immer größeren Teilen der Arbeitswelt niederzuschlagen. Die Sache ist die, dass bei den künftigen Arbeitnehmern die ersten, aus meiner Sicht verdorbenen, Früchte bereits zu erkennen sind. Und diese Leute sind nicht etwa 20 Jahre jünger als ich, sondern teilweise nur fünf. Wir entstammen quasi der gleichen Generation und dennoch sind die Unterschiede teils eklatant. Drei Beispiele:

1. In einem Studentenjob machte ich eine sarkastische Bemerkung zur ETA in Spanien. Daraufhin sah mich eine Kollegin (7 oder 8 Jahre jünger) an und fragte, was denn ETA sei. Ich stutzte und erklärte, dass es eine spanische Separatistengruppe sei. Sie habe davon noch nie gehört. Hm, sicher gehört der Name ETA nicht in die Top-Ten der weltweiten Gruppierungen oder Organisationen, aber gehört und mit Spanien in Verbindung gebracht hat man ihn doch schon, oder? Besonders pikant wurde die Sache jedoch als die Dame sagte, sie wäre kürzlich während des Studiums für ein halbes Jahr in Spanien – fairerweise gesagt: Südspanien – gewesen. Als ich mir mal ihr Facebook-Profil aufrief, las ich unter ihren Interessen „high education“. Hm, naja die Begrifflichkeiten sind eben schwammig. Bloggen kann die Dame aber sehr erfolgreich. Texte, Bilder, Videos – alles geht locker von der Hand bzw. über die Finger.

2. Anderer Job. Ich unterhalte mich mit einer Kollegin und benutze das Wort „Epen“. Ein andere Kollege schaut mich verdutzt an. „Epen?“. Ich schaue ebenso verdutzt zurück. Habe ich das Wort falsch ausgesprochen? Ich: „Der Plural von Epos.“. Er: „Heißt das nicht Eposse?“. Ich: „…“. Ich dachte, er würde mich veralbern. Spätestens als er googelte und mir sagte: „Achja, stimmt. Du hast Recht.“, wurden meine Augen immer größer. Sicher ist „Epen“ kein Wort, das in jedem dritten Satz fällt, aber es ist auch nicht seit gefühlten fünfzig Jahren ausgestorben – nochzumal es in diesem konkreten Job sogar recht häufig auftritt. Die Sache ist, dass besagte Kollege ein Abi in der Tasche hat und studiert. Außerdem hat er auf mich, auch danach, einen sehr cleveren Eindruck gemacht. Außerdem kann er er problemlos mit Photoshop umgehen, ist ungemein webaffin und beherrschte HTML offenbar im Schlaf. Klar, es ist total verkürzt, von diesem einen Fauxpas auf eine nichtvorhandene oder nur rudimentäre Allgemeinbildung zu schließen. Allerdings hat auch sein Tag nur 24 Stunden. Wenn ich einige Zeit benötige, um mir das Wissen über die ganzen Programme anzueignen, wo bleibt dann die Zeit, mal in die Zeitung (von mir aus auch haptisch) zu schauen oder ein Buch zu lesen? Denn mit der Aneignung von Photoshop, SEO oder wasweißichwas geht die Vermittlung von Allgemeinwissen in der Regel nicht einher.

3. Ein Redaktionsjob. Addition und Subtraktion. Kein Wissen in dem Sinne, aber nicht umsonst zählen die beiden zu den GRUNDrechenarten. Ein junger Mitarbeiter sollte um die Altersdifferenz von Schauspielern zu der durch sie porträtierten Filmfigur errechnen. Dies tat der Kollege, verrechnete sich bei der 50 Personen umfassenden Liste jedoch in rund 25% der Fälle. Er redete sich heraus, man wisse ja nicht, wie alt die Darsteller zum Zeitpunkt des jeweiligen Filmdrehs waren. Das ist grundsätzlich verständlich. Da jedoch keiner der Drehs länger als ein Jahr dauerte, konnte der Kollege sich auch maximal um ein Jahr vertun. In den genannten Fällen betrug die Differenz zum korrekten Ergebnis aber jeweils zwei Jahre. Der junge Kollege kam allerdings gerade frisch vom Abitur. Wenn bereits zu diesem Zeitpunkt die Grundrechenarten nicht mehr präsent sind, dann erklärt sich das ein oder andere PISA-Ergebnis womöglich von selbst. Der Kollege konnte aber programmieren, wie ein Gott. Auch die Festangestellte im Bereich Social Media konnte von ihm das ein oder andere noch mitnehmen. Die Liste der Programme, die er beherrschte, war wahrscheinlich länger, als die Schauspielerliste, die er zu bearbeiten hatte.

Nun mögen meine Ausführungen arrogant klingen, bis zu einem gewissen Punkt sind sie das vielleicht auch. Weder kann ich von mir behaupten beim Quizduell immer 18 von 18 möglichen Punkten zu erzielen (was mir bisher nicht ein Mal gelang), noch habe ich ein Einser-Abi in der Tasche. Es ist heutzutage auch schwer den Begriff „Allgemeinwissen“ zu definieren und, selbst wenn das möglich wäre, ihm zu genügen, weil die Wissensexplosion so rasant von Statten geht. Als Indikator wird immer wieder die so genannte „Verdopplung des menschlichen Wissens“ herangezogen. Um 1800 soll es rund 100 Jahre gedauert haben, bis sich das menschliche Wissen verdoppelt hat, heutzutage gehen Wissenschaftler davon aus, dass sich das kollektive Wissen binnen 5-7 Jahren verdoppelt. Die Optimisten spekulieren, dass dafür im Jahr 2050 nur noch ein Tag notwendig sein wird. Rasant ist offenbar eine maßlose Untertreibung. Wobei mit diesem Befund nichts über den Gehalt des Wissens ausgesagt wird. Auch ich bin ein Sammelsurium von „unnützem Wissen“, mit dem ich vielleicht einen Fremden in einem Gespräch, aber wohl keinen Arbeitgeber oder Quizmaster beeindrucken kann. Auch mir fällt es angesichts der Wissensredundanz schwer zu filtern, was wichtig ist und was nicht. Ich MUSS selektieren. Ein ganz wichtiger Aspekt ist nämlich auch – und der spricht sowohl für als auch gegen das Allgemeinwissen – dass der Zugang zu Wissen heute um ein Vielfaches leichter ist, als noch vor fünfzig Jahren. Das schafft zum einen noch größeren Überfluss, den man schwer handeln kann, zum anderen aber eigentlich auch die Möglichkeit, die Lücken der eigenen Allgemeinbildung leichter zu schließen. Nur, was die Arbeitswelt angeht, so ist dies offenbar nicht erwünscht. So lange es ein paar wenige kluge, allgemeingebildete Köpfe gibt, die Inhalte produzieren können, reicht es offenbar aus, dass das Gros der Arbeitnehmer nur in der Lage ist, diese Ideen, Texte, Visionen, Filme etc. so umzusetzen, dass sie auch ja wahrgenommen werden. Da diese Entwicklung erst wenige Jahre läuft, weiß ich nicht wie die Konsequenzen in fünfzig Jahren aussehen werden. Vielleicht bringt eine technologische Erfindung ja den Durchbruch, versorgt die gesamte Weltbevölkerung mit allem, ohne dass diese je wieder arbeiten muss. Vielleicht schwindet das Allgemeinwissen stetig und somit auch die Fähigkeit, Prozesse und Entwicklungen zu reflektieren und zu hinterfragen und macht den Spruch „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ (Marie von Ebner-Eschenbach) für jeden zur Realität. Ich werde auch künftig versuchen, mich auf einem breiten thematischen Spektrum auf dem Laufenden zu halten.

Anmerkungen: Alle drei genannten Kollegen waren mir sehr sympathisch und nicht doof. In meinen Augen sind sie nur ein Indikator dafür, welches Wissen in der heutigen Gesellschaft wichtig ist und welches nicht. Und, nein, ich bin kein verknöcherter Technikfeind und beherrsche auch Einiges des Genannten. Allerdings bin ich ein großer Anhänger einer breiten Bildung und finde den Zustand, dass Allgemeinwissen nur in den Köpfen Weniger vorhanden ist, hoch bedenklich. Und, ja, der Medienbereich ist nicht DIE Arbeitswelt. Aber, seien wir mal ehrlich: Wenn ich nicht polarisiere, dann lest ihr den Quatsch doch nicht, oder?

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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