Berliner Clubs: Der Jedermann stirbt aus

„Berliner Clubs nur noch für Reiche!“, klingt erstmal ein wenig plakativ, ist jedoch die Quintessenz der aktuellen Aussagen von „Weekend“-Betreiber Marcus Trojan. Dieser hatte den Club vor einigen Jahren mit zwei weiteren Gesellschaftern übernommen und unter anderem für die mittlerweile sagenumwobene Dachterasse gesorgt. Der Club lief gut, Trojan widmete sich gar noch weiteren Etablissements in Berlin und versuchte diese aufzubauen. Nun will er jedoch das Image des „Weekend“ ändern, indem er es auf andere Altersgruppen ausrichtet – die Menschen über 40 (Ü40). Studenten und Leute mit wenig Kohle sollen künftig offenbar draußen bleiben.

„Fünf-Sterne-Club“ und „Niveau, Aussehen und Zahlungskraft“ – dies sind Attribute, die Trojan künftig mit seinem Club verbunden sehen will. Denen, die dort bisher auch feiern durften, nun jedoch nicht mehr zum gewünschten Klientel gehören, „empfiehlt“ er das Berghain oder „die Bretterbuden“ an der Warschauer Straße. Ob der Sinneswandel damit zusammenhängt, dass der gebürtige Ulmer selbst mittlerweile 40 ist bleibt offen. Ein Sinneswandel ist es in jedem Fall, denn 2009 hörten sich viele Aussagen Trojans zur Clubkultur noch anders an. Damals plante er beispielsweise – allerdings in Dortmund – eine Großraumdiskothek „richtig Ibiza-mäßig“, was nach meiner Meinung nicht als Synonym für „zahlungskräftige Kundschaft“ gilt.

Es kann natürlich auch sein, dass immer mehr Clubbesitzer Berlins erwachsen werden und ihre Prioritäten, wenn sie dem Metier Club überhaupt treu bleiben, anders setzen. Zuletzt wurde Berlin ja bereits bescheinigt, nicht mehr die coolste Stadt der Welt zu sein. Ein gewichtiger Grund sei, dass die Feierkultur, die bis dato Weltrang hatte, vor allem durch die vielen geschlossenen oder ständig umziehenden Clubs stark gelitten hätte. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Segregation der Clubgänger, nicht nur im „Weekend“, auch ihren Teil dazu beiträgt. Ich verstehe die Sorgen mancher Besitzer, wenn Horden Volltrunkener sich in ihren Clubs rumtreiben und dabei über die Stränge schlagen. Ob man dem erfolgreich entgegentritt, wenn man alle, die über keinen dicken Geldbeutel verfügen, als solche Leute abstempelt und an der Tür abweist, weiß ich allerdings nicht. Waren nicht die After-Work-Partys, die sich um die Jahrtausendwende vermehrt etablierten, bereits ein Versuch, etwas gehobenere (After-WORK) Klientel in die Berliner Clubs zu bekommen? Nach meinem Empfinden hat sich diese spezielle Club-Kultur nie wirklich umfassend durchgesetzt, so dass durchaus Zweifel am neuen „Weekend“-Konzept angebracht sind. Natürlich gab es in Berlin bereits zuvor Clubs, in die man ohne Anzug gar nicht reinkam, das „Weekend“ würde da jetzt keinen neuen Trend kreieren, aber es macht den Eindruck als würden jene Clubs, in die ein Jedermann hineinkäme in Berlin immer seltener. Die Liste der geschlossenen Clubs wird stetig länger und gerade jene, die nicht mit verschiedenartigen „Eintrittsbeschränkungen“ aufwarten, sind in ihrer Existenz bedroht oder entgehen ihrem Ende nur durch stete Ortswechsel.

Wenn man nun liest, dass die schwule Party GMF, die ebenfalls im „Weekend“ beheimatet war, den gegenwärtig stattfindenden Umbau zum Anlass nimmt, an einen anderen Standort zu ziehen und mehr heterosexuelles Programm anzubieten, mag das erstmal positiv klingen. Ich frage mich allerdings, warum man überhaupt „heterofreundlicher“ werden will? Warum hat denn bis dato auch auf dieser Party Segregation gegriffen? In jedem Club ist es mir völlig egal, ob der- oder diejenige neben mir schwul, bi oder sonstwas ist. Es spielt für mich schlichtweg keine Rolle und ich wünsche solcherlei Einschränkungen auch nicht. Der „Sinneswandel“ bei GMF scheint nicht unbedingt selbstgewählt, sondern den schwierigeren Rahmenbedingungen geschuldet. Das finde ich persönlich sehr schade und hoffe, dass die große Berliner Gay-Szene insgesamt vielleicht ein wenig offener ist.

Ich frage mich ernsthaft, in welche Clubs ich denn noch darf, wenn ich nicht reich und/oder schwul bin? Kann es vielleicht sein, dass Berlin nicht weniger hipp oder erwachsen, sondern einfach konservativer geworden ist? Hat es noch vor zehn Jahren eine Rolle gespielt, wer man war oder wieviel Geld man hatte? Ich hatte nicht den Eindruck. Offenbar gilt jetzt auch für die Clublandschaft, was für die Berliner Immobilien-Landschaft zu gelten scheint: „Soziale Durchmischung? Nein, danke!“ Letztlich darf jeder Clubbetreiber selbst entscheiden, wen er in seinem Hause haben will, ich habe jedoch den Eindruck, dass die aktuelle Entwicklung nicht mehr viel mit dem weltoffenen Berlin zu tun hat, das ich kenne und schätze. Im Moment scheinen sich verstärkt klischeebehaftete Wahrnehmungen, Jovialität und Arronganz durchzusetzen.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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