Jan Delay zeigt „Bio-Eltern“ den Mittelfinger

 

Jan Phillip Eißfeld a.k.a. „Jan Delay“ sorgt im Moment nicht nur mit seinem aktuellen Album für Furore, sondern macht mit musikfernen Äußerungen von sich reden, indem er die so genannten „Bio-Eltern“ und ihre Erziehungsmethoden kritisiert. Zu „Weicheiern“ würden die heute überbehüteten Kinder, meint der Hamburger in einem Interview mit der Zeitschrift „Freundin“, von dem der Tagesspiegel aktuell berichtet. Seine erst ein paar Monate alte Tochter solle sich später im Dreck wälzen und auch mit ausländischen Kindern spielen. So würde sie nicht zu einem verwöhnten Gör meint Eißfeld und feuert eine Spitze gegen die von ihm kritisierten Eltern ab.

Der Künstlername „Delay“ bedeutet bekanntlich „Verzögerung“ oder „Verspätung“. Trifft die Übersetzung auch auf diese Debatte zu? Ist der Rap-Soul-Rocker mit seiner Kritik völlig hinterher, weil diese „Bio-Eltern“, bekannter sicherlich unter der Bezeichnung „Helikopter-Eltern“, doch längst wissenschaftlich und küchenpsychologisch auf den Kopf gestellt und von oben bis unten analysiert worden sind? Oder trifft er damit tatsächlich ein aktuelles Phänomen von großer Relevanz? Hat er sich aufgrund seiner jüngsten Vaterschaft dieses Thema einfach nur ausgewählt, um zusätzliche PR für sein aktuelles Album zu machen? Interessanterweise sind die Reaktionen auf seine Kritik aber sofort da, die einen wie die anderen. Das Thema ist, selbst wenn nicht aktuell, zumindest immer Aufreger wert. Überhaupt fällt auf, dass es wenig moderate Positionen zu geben scheint. Oder aber deren Vertreter sich online weniger stark äußern. Die extremen Positionen dominieren. Das liegt daran, dass die beiderseits gemachten Vorwürfe teils extrem sind.

Was wird diesen „Helikopter-Eltern“ überhaupt zur Last gelegt? Sie würden ihren Kindern die Kindheit rauben, da sie sie frühzeitig fördern und bereits mit vier Jahren lieber ein Instrument lernen, als mit Gleichaltrigen in den Buddelkästen der Republik tollen zu lassen. Das Kind-Sein wird ihnen verwehrt und mehr noch, ihr gesamtes Leben durch jene Eltern geplant und strukturiert. Da werden selbst die Viertklässler noch bis zum Schulgebäude gebracht, ob sie wollen oder nicht. Kinder werden stetig zur Leistung angetrieben, sollen dies und sollen das machen: Literatur, Kunst, Sport – möglichst breit aufgestellt sein, um die Zahl der Misserfolge, wenn schon nicht auf Null zu senken, so doch wenigstens massiv zu minimieren. Das nimmt dann gar solche Züge an, dass Eltern sich auf Workshops für Fragen bezüglich Hochschule und Studium fit machen lassen, damit sie ihren Kindern auch dabei noch den Weg weisen können.

Aber ist diese Entwicklung und die sie begleitende Kritik wirklich neu, wenn der Kinderpsychiater Michael Winterhoff (ebenfalls im Tagesspiegel) sagt, dass die Gefahren von „Helikopter-Eltern“ und partnerschaftlicher Erziehung seit Jahren Bestandteil wissenschaftlicher Untersuchungen sind? Nein, könnte man meinen. Wenn man sich jedoch die Dokumentation „Generation Weichei„, die am 6. März 2014 auf 3Sat lief, ansieht, dann stehen wir in Deutschland womöglich erst am Anfang einer Entwicklung und belächeln einige aktuelle Kritikpunkte in wenigen Jahren mild. In Nordamerika scheinen die Verhältnisse bereits viel krasser zu sein, wie der zusammenfassende Artikel in der Süddeutschen Zeitung nahe legt. Die dort genannten Beispiele lassen einem teils den Atem stocken. Dass der Einfluss, den Eltern vor allem im schulischen Bereich auf die Entwicklung der Kinder nehmen, allerdings auch in Deutschland deutlich zunimmt, zeigt die insgesamt sehr sehenswerte Dokumentation „Lehrerzimmer – Ein Schuljahr„. Wenn da ein stellvertretender Direktor von Elterngesprächen mit Juristen (Minute 32:30) oder von Gesprächsprotokollen die die Eltern anlegen berichtet, dann wird einem schon Angst und Bange. Auch die Tatsache, dass die Leistungen der Kinder von den Eltern häufig überhöht werden, um nur ja die bestmögliche Schulempfehlung zu erhalten oder bessere Noten für die Kinder herauszuschlagen, ist schon bedenklich. Und es wird deutlich, dass tatsächlich eine Entwicklung stattfindet, die auch in der wissenschaftlichen Analyse hierzulande offenbar erst in ihren Anfängen steckt. Insofern müsste Jan Delay schon eher ein Prophet sein, wenn er die Eltern bereits Anno 2014 so extrem geißelt – oder aber er hat die Dokumentation „Generation Weichei“ gesehen.

Es zeigt sich zwar, dass vor allem die USA (wie leider sooft) auch in dieser Hinsicht extremer sind, aber auch hierzulande die Eltern immer größere Anstrengungen unternehmen, ihren Kindern die bestmögliche Perspektive zu eröffnen. Wobei die Frage, ob es tatsächlich das vielbeschworene „Beste“ für das Kind ist, oft nicht beantwortet wird. Sehr oft erhält man nämlich den Eindruck, als ginge es nicht vordergründig um die Sprösslinge, sondern um einen selbst. Kein stolzer Akademiker gibt wohl gerne zu, dass das eigene Kind „nur“ eine Realschul-Empfehlung erhalten hat. Der Soziologe spricht in diesem Fall von Distinktion, dem Versuch sich gesellschaftlich abzugrenzen und den eigenen sozialen Status zu erhalten oder gar auszubauen.

Ich kenne eine ganze Menge junge Eltern und bin froh, dass sie zumindest jetzt solcherlei Anwandlungen nicht zeigen. Allerdings gilt für sie wie auch für den Neu-Pädagogen Jan Delay, dass die kommenden Jahre zeigen werden, welchen Weg sie in Sachen Erziehung einschlagen und noch einige Jahre später zeigt sich, ob die Kinder damit tatsächlich Erfolg haben.

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Über Alexander(s)platz

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