Nach „Wetten, dass…?“-Ende: Deutsches „Breaking Bad“ oder „Tatort“ aus Hintertupfingen?

1dpa/Tom Maelsa

Nach beinahe 34 Jahren findet die große Spiel-Show „Wetten, dass…?“ ein Ende. Über die Gründe wird nach wie vor gestritten. Da der Fernsehklassiker jedoch bereits vor vielen Jahren jegliche Innovation einbüßte und nicht mehr mit Superstars wie Michael Jackson oder aber Take That aufwarten und 15 Millionen Zuschauer begeistern konnte, gilt es jetzt den Blick in die Zukunft zu richten und zu schauen, mit welchen neuen Ideen die Verantwortlichen die deutsche TV-Landschaft bereichern werden. Das Problem ist nämlich, dass es genau daran mangelt – am Blick in die Zukunft. Das deutsche Fernsehen zeichnet sich nämlich durch „Durchhaltevermögen“ im negativen Sinne und eben nicht durch Innovation aus. Unter dem folgenden Link gibt Oliver Kalkofe seine Sicht auf das deutsche Fernsehen in einem Video-Interview zum besten. Leider zeigt sich, obwohl das Interview bereits knapp drei Jahre zurückliegt, dass seine Kritik aktueller denn je ist.

Interview: Oliver Kalkofe über die TV-Serie

Die Sache ist nämlich die: Die 34-jährige Fernsehpräsenz von „Wetten, dass…?“ ist in Deutschland nichts Außergewöhnliches. Krimis wie „Tatort“ oder „Polizeiruf“ laufen seit mehr als 40 Jahren, „Der Alte“ schlägt mit 37 Jahren ebenfalls noch das von Frank Elstner geschaffene Show-Format. „Lindenstraße“, „Großstadtrevier“, „Ein Fall für Zwei“ etc. haben allesamt mehr als ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel. Und selbst „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ vom Privatsender RTL flackert bereits 22 Jahre über unsere Bildschirme. An Ausdauer mangelt es dem deutschen Fernsehen offenbar nicht, denn es ließen sich noch viele weitere Shows und Serien finden, die zehn Jahre und länger laufen oder gelaufen sind. Die „Deutschen“ klammern sich offenbar an Bewährtes und scheuen das Neue. Als einzige Innovationen der letzten Jahre würde ich die „ZDF Heute Show“, „Mord mit Aussicht“, „Neues aus der Anstalt“ bzw. „Die Anstalt“ und „Stromberg“ bezeichnen, wenngleich letzte eine (sehr gelungene) Adaption von „The Office“ aus England ist. Viele nennen noch „Im Angesicht des Verbrechens“ oder „Weißensee“, die ich bisher nicht gesehen habe. Das war es dann aber auch schon. „Stromberg“ ist bereits beendet, „Im Angesicht des Verbrechens“ lief überaus schlecht (Gründe nennt Kalkofe im Interview) und wie es mit „Mord mit Aussicht“ nach dem angekündigten Aus von Bjarne Mädel nach Staffel drei weitergeht, steht im Moment in den Sternen. Wie sieht die kommende Programmgestaltung der Öffentlich-Rechtlichen aber aus?

Nach den Einstellungen von Marathon-Serien wie „Forsthaus Falkenau“ oder „Der Landarzt“ keimte kurzzeitig Hoffnung, dass man, in diesem Falle beim ZDF, verstanden hatte, dass nach 2010 niemand mehr mit Serien, die ihren Ursprung in den 80er Jahren hatten, hinter dem Ofen vorzulocken ist. Aber dann? Keine Experimente! Da man nach wie vor einen (un)bunten Blumenstrauss von Albewährtem in der GEZ finanzierten Hand hält, lässt man einfach weitere „Tatort“-Blüten sprießen. Auf über 20 Ermittlerteams ist die Krimi-Serie angewachsen. Neu ist daran nichts. Alexander Gorkow schrieb, dass tagein, tagaus Ermittler nur auf die jeweils regionale Wasserleiche starren würden, das ist es dann auch schon. Also wie weiter? Der RBB hat „Liebling Kreuzberg“ wieder reanimiert und sendet die kultige Serie mit Manfred Krug seit geraumer Zeit zur Primetime. Neulich stolperte ich beim Zappen in einem der dritten Programme über „Der Fahnder“ mit Klaus Wennemann, eine Serie die eigentlich 2001 eingestellt wurde, nun aber doch wieder laufen darf. Sicherlich ist nicht gerade von den dritten Programmen der große Innovationsschub zu erwarten, aber auch dort einfach die alten Bänder wieder einzulegen und auf „Play“ zu drücken, ist doch sehr dürftig.

Wundert es da, dass die deutschen Fernsehzuschauer mit den Serien mitaltern? Überrascht es, dass die Deutschen im Schnitt 43 Jahre alt, der Durchschnitts-TV-Gucker jedoch 52 Jahre alt ist? Und bei den Öffentlich-Rechtlichen liegt der Schnitt noch deutlich höher. Wundern sich deutsche Intendanten, Produzenten und Redakteure, dass vor allem junge Deutsche den Blick nach Dänemark, Großbritannien und in die USA richten und im Internet „ihr“ Medium entdeckt haben? Beim Portal FILMSTARTS.de liegen (Stand: 08. April 2014) vier deutsche Serien unter den Top-100 nach Bewertung der Nutzer. „Doctor’s Diary“ ist die bestplatzierte deutsche Serie – auf Rang 66.!!! Viele, vor allem US-Formate, die seit einiger Zeit nicht mehr laufen, liegen deutlich davor. Die Gründe sind offenbar dreierlei: Erstens versuchen die deutschen Fernsehmacher noch immer Geschichten für die ganze Familie zu erzählen, wie wiederum Oliver Kalkofe dem Stern gegenüber bekannte, und scheitern damit anno 2014 krachend. Versuche gegenzusteuern endeten bisher damit, dass Programme für junge Menschen in Kleinst-Sparten-Kanäle verfrachtet wurden, sich am Programm von ARD und ZDF hingegen nichts änderte. Zum Zweiten pocht man noch immer auf die Quote, die bereits vielfach überführt wurde, lediglich eine Scheinwirklichkeit abzubilden. Das große Problem ist jedoch, dass die älteren Bundesbürger „ihren“ Öffentlich-Rechtlichen treu sind und deutlich mehr Zeit vor den Bildschirmen verbringen, wie die FAZ feststellte. Sie rechtfertigen das weichgespülte Programm, welches Innovationen lähmt und teils im Keim erstickt. Wenn die Senioren nach den Tagesthemen zu Bett gehen, dann beginnt oft das Programm was man sich auch tagsüber wünscht. Der dritte Grund, dies beklagt auch Kalkofe im Video-Interview, sind die Verantwortlichen. Kalkofe macht vor allem die Redakteure als „Schuldige“ aus (der Tagesspiegel pflichtet ihm bei), liest man jedoch das Interview mit Oliver Berben, der altbackene Familiengeschichten und redundante Historienstoffe wie „Die Krupps“, „Das Adlon“ oder der „Wagner Clan“ auf die Fernsehschirme bannte, dann scheinen auch die Produzenten nicht ganz unschuldig am deutschen TV-Einerlei. Ergänzt man das Bild noch um den Artikel auf DWDL.de über eine Diskussion von Kalkofe, „Spiegel“-Redakteur Georg Diez und ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler zur Zukunft des deutschen Fernsehens, dann zeigen die Reaktionen des Letztgenannten, dass es auf Ebene der Senderverantwortlichen einen großen Unwillen gegen umfassende Veränderungen gibt.

Als Indiz dafür kann man einfach auf die anlässlich der fünfte Jahreszeit gezeigten Prunksitzungen bei ARD, ZDF und den dritten Programmen schauen. Trotz sinkender Quoten und neunzig Prozent Zuschaueranteil über 50 Jahren, wurde beispielsweise im 59. Jahr „Mainz wie es singt und lacht“ übertragen und gerechtfertigt. Oder es läuft, im erst zwölften Jahr, das biedere „Um Himmels Willen“, was Schauspieler Ralph Herforth auf die Palme brachte und zu einem Rundumschlag veranlasste. Oder es wird ein Tatort aus Hintertupfingen am Sonntagabend gezeigt, der 1,4 Millionen Euro verschlingt, wo eine (Kino-)Filmperle wie „Oh, Boy!“ gerade einmal 300.000 Euro kostete. Ein großes Problem ist offenbar, dass die GEZ-Gebühren, die nunmehr noch gesicherter fließen, jeden Druck von den Verantwortlichen nehmen, etwas zu ändern. Nach dem KEF-Bericht erhalten die Öffentlich Rechtlichen zwischen 2013 und 2016 rund 31,6 Milliarden Euro durch die Abgabe. Die beschlossene Senkung des Beitrages um 48 Cent je Monat dürfte so erheblich nicht zu Buche schlagen. Da muss man sich nicht rechtfertigen, warum man sieben Talk-Shows (ARD + ZDF) unterhält, die immer wieder Diskussionen zu denselben Themen mit nahezu austauschbaren Gästen zu keinem Ergebnis führen. Auch die Fragen, warum eine Sendeminute bei „Günther Jauch“ 4705 Euro kosten muss und Talk-Shows gute Sendeplätze erhalten, kritische Dokus oder Serien wie „Mad Men“ hingegen erst nach 23 Uhr laufen, perlen an den Verantwortlichen offensichtlich ab. Warum ein mehr als kränkelnder Patient wie „Wetten, dass…?“ noch so lange am Leben erhalten und gegen Kritik verteidigt wird, auch wenn das Niveau teils auf dem von RTL II. liegt, will einem auch nicht einleuchten.

Nun soll ja alles besser werden und beispielsweise eine Art deutsches „Breaking Bad“ kommen, so der ZDF-Programmdirektor. Die Frotzeleien einiger Kommentatoren auf diese Ankündigung – da würde dann einer mit Blähungen Kartenabreißer im Pornokino oder ein pensionierten Beamter würde anfangen Krankenhausrechnungen zu fälschen – mögen zwar erstmal witzig klingen, sind jedoch leider nicht unwahrscheinlich. Der Mut es skandinavischen Serien wie „Borgen“ oder „Wallander“, britischen Formaten wie „The Office“, „Misfits“, „Sherlock“ oder „Dowton Abbey“ oder eben den US-Hits wie „Breaking Bad“, „The Wire“, „House of Cards“, „Game of Thrones“, „The Walking Dead“ und, und, und gleichzutun, scheint nicht vorhanden. Was mich bei aller Qualität die vor allem vom US-Markt in den letzten 15 Jahren zu uns herüberschwappte, skeptisch macht, ist die Tatsache, dass die Wiederauferstehung des Formats Serie in den USA nach meiner Meinung ihrem Ende entgegengeht und somit der Druck auf die deutschen TV-Macher abnehmen wird. Denn viele Erfolgsformate sind beendet oder stehen kurz vor ihrem Ende („Lost“, „Breaking Bad“, „24“, „Californication“, „The Wire“, „The Sopranos“), einigen einst gehypten Formaten wurde ein erheblicher Qualitätsverlust bescheinigt („Homeland“, „Dexter“, „Simpsons“, „Two and a Half Men“) und die nächsten Jahre scheinen, bis auf Ausnahmen wie „True Detective“ von sehr vielen Spin-Offs („Better Call Saul“, „How I Met Your Dad“) und Remakes bzw. Reboots von Filmen oder Serien vergangener Jahrzehnte („Mord ist ihr Hobby“, „Remington Steele“, „Rosemary’s Baby“, „Scream“, „Gotham“ oder „Eine schreckliche nette Familie“) bestimmt zu sein. Das heißt nicht, dass die Serien qualitativ schlecht sein müssen, es scheint nur so, dass die Phase der massenhaft neuen Ideen mit ungewöhnliche Figuren (Dexter Morgan, Hank Moody oder Walter White) und Plots womöglich ein Ende findet und sich das Format Serie auch in den erfolgsverwöhnten USA neu formieren muss. Und diese Entwicklung wird den Druck etwas zu ändern, will man nicht noch mehr (vor allem junges) Publikum verlieren, auf die Sendeanstalten hierzulande nicht erhöhen, sondern eher senken. Da jedoch in den Erfolgsjahren der Serie in anderen Ländern sich im deutschen TV nicht wirklich viel bewegte, ist leider davon auszugehen, dass wir auch zukünftig mehr vom immer Gleichen serviert bekommen. Wahrscheinlich folgt eher ein „Wetten, dass…?“-Reboot mit Joko und Klaas, als ein deutsches „Breaking Bad“.

Ab Mitte Mai läuft auf RTL II. wenigstens „Dexter“. Allerdings nicht etwa die vor einigen Monaten in den USA gelaufene finale achte Staffel, sondern die fünfte. Soviel dazu.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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2 Antworten zu Nach „Wetten, dass…?“-Ende: Deutsches „Breaking Bad“ oder „Tatort“ aus Hintertupfingen?

  1. K-to-the-Nut schreibt:

    Das hast du wirklich schön ausgebreitet, dargelegt und kleingerieben. Wenn einem nicht ohnehin schon Angst und Bange wäre angesichts der Lernfähigkeit der Öffentlich-Rechtlichen, dann spätestens jetzt. Einzig deiner Analyse der amerikanischen Tendenzen kann ich nicht zustimmen: Serien wie „Breaking Bad“ oder „Man Men“ sind ja auch nicht mit einem großen Hype gestartet, sondern wurden erst während ihrer jahrelangen Produktion zum Massenphänomen, während gleichzeitig erfolgreiche und weniger erfolgreiche Serien mit 08/15 Rezept liefen. Und ich sehe nicht, was sich daran ändern soll: Es werden weiterhin die Nummer-Sicher-Produktionen gefahren wie „How I Met Your Dad“, doch das wahre nächste „Breaking Bad“ ist jetzt schon in der Mache – wir wissen es nur noch nicht.

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    • Alexander(s)platz schreibt:

      Hallo K-to-the-Nut,

      danke für deinen Kommentar. Ich schließe nicht aus, dass es auch weiterhin Serien-Perlen geben wird, ich wollte nur darauf hinaus, dass die letzten anderthalb Jahrzehnte en-bloc viele Serien, Figuren und Plots hervorbrachten, die neu und zumeist gut waren. Abgesehen von „Fringe“, was man als „Akte X 2.0“ bezeichnen kann und „How I Met Your Mother“, was immer als „Friends“-Version des 21. Jahrhunderts galt, gab es die meisten Geschichten und Erzählstile (z.B. „24“) zuvor nicht. Ich habe den Eindruck, dass jetzt eher wieder eine Zeit der Konsolidierung anbricht, die nicht so viele gute Geschichten und Figuren parallel auf den TV-Markt schwemmen wird. Allerdings ist dies normal, denn die letzten 15 Jahre haben schon wirklich verwöhnt und man wusste gar nicht recht, was man zuerst schauen sollte. Deutschland hinkt da, trotz vorhandener Möglichkeiten, massiv hinterher. Das ist sehr schade.

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