Die Sache mit der Altersamut

Grundsätzlich verbietet es sich, Armut, Elend und Leid gegeneinander aufzuwiegen, jedoch sollten Fakten immer als solche benannt werden und nicht, nur um Stimmungen von Mehrheiten zu bedienen, verfälscht dargestellt werden.

Worum gehts? Die Zahlen der so genannten Armutsgefährdung in Deutschland, die kürzlich in einer vergleichenden Studie veröffentlicht wurden, haben dem ein oder anderen womöglich die Augen geöffnet. Auch wenn Angela Merkel versuchte, die aktuellen Lebensverhältnisse in Deutschland in ihrer ganz eigenen Sichtweise darzustellen, sollte nunmehr klar sein, dass diese sich mit den realen Verhältnissen kaum deckt. Offensichtlich ist das Mantra des „Noch nie gab es so viele sozialversicherungspflichtige Jobs in Deutschland wie jetzt.“ entzaubert. Nun zeigt sich vielmehr, dass dieser Fakt nichts über die Qualität dieser Jobs aussagt. Auch sozialversicherungspflichtige Jobs können in Armut führen. Leider haben viel zu viele Menschen der alten wie neuen Bundeskanzlerin geglaubt. Deutschland geht es offenbar bei weitem nicht so gut, wie es von der Politik so oft verkauft worden ist. Aber, wem geht es besonders schlecht?

Da kurz vor Veröffentlichung dieser vergleichenden Studie eine ausschließlich auf Deutschland bezogene Analyse zur aktuellen Altersarmut veröffentlicht wurde, die genauso erschreckende Zahlen bereithielt, kann man glauben, dass es vor allem Rentner sind, die zu der oben genannten Entwicklung beitragen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen berichtete umfassend über das Thema, viel intensiver als über die erstgenannte Studie. In der Mediathek des ZDF kann man eine ganze Reihe Artikel lesen und Videos zum Thema Altersarmut schauen.  Auch in der ARD gibt es umfassende Darstellungen. Da werden zu Beginn absolute Zahlen in den Raum geworfen: 465.000 Menschen über 65 Jahren bewegen sich auf dem Niveau der Grundsicherung, 30.000 mehr, als ein Jahr zuvor. Andere Quellen (VdK) sprechen gar von 55.000 und beziffern den Anstieg im Vergleich zu 2011 auf 6,6%. Versteckter erfolgt dann die relative Einordnung dieser Zahlen. Der Anteil der Rentner auf Grundsicherungsniveau liegt bei 2,7%, gegenüber 2,5% im Vorjahr. Ein Anstieg, aber auf enorm geringem Niveau. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass über 97% der Rentner über der Grundsicherung liegen. Viel zu selten wird dieser Umstand klar benannt. Im Gegenteil: Sofort werden Zahlen über mögliche Dunkelziffern aufgeführt. Da heißt es dann, dass viele aus Scham ja gar kein Geld vom Staat beantragen würden bzw. gar nicht wüssten, was ihnen alles zusteht. Die Rentner sind die von Armut Gebeutelten hierzulande? In „Deutschland einig Rentnerland“ wo das Durchschnittsalter des ARD- und ZDF-Zuschauers bei 60 Jahren liegt, wird dieser Eindruck in den Öffentlich-Rechtlichen Sendern intensiv erweckt.

Bereits für das Jahr 2000 gab es eine Studie, die die Armutsgefährdung verschiedener Länder miteinander verglich. Schon damals lag diese in Deutschland über dem Niveau von Schweden, Finnland und Frankreich, weshalb die aktuelle Verwunderung über dieser Umstand ebenso verwundet. Was schon damals auffällig war ist die Tatsache, dass Deutschland das einzige der genannten Länder war, in dem die Armutsgefährdung der über 65-Jährigen unter dem Durchschnittswert der Gesamtbevölkerung lag. In allen anderen Ländern waren Kinder und die arbeitende Bevölkerung weniger von Armut bedroht, als die Gruppe der Rentner.

Und dies ist auch zwölf Jahre später so. Zwar haben sowohl die tatsächliche Armut als auch die Gefährdung davon betroffen zu sein, in allen Altersgruppen in Deutschland seither zugenommen, nur will die mediale Präsenz der Altersgruppen nicht so recht zu deren tatsächlicher Betroffenheit passen. Warum gibt es Diskussionsrunden und Sondersendungen bzw. eine deutlich intensivere Berichterstattung über die Armut der jetztigen Rentner, wenn es doch in der aktuellen Studie heißt, dass die am stärksten armutsgefährdete Gruppe die der Alleinerziehenden ist (neben den Arbeitslosen natürlich)? 38,8% dieser Gruppe gehören zu den von Armut Gefährdeten. Bei den Senioren sind es 13,3% der Männer und 16,6% der Frauen. Vielleicht sollte zur besseren Einordnung der Zahlen noch gesagt werden: Sowohl die Armutsgefährdung Minderjähriger (14,8% Jungs; 15,7% Mädchen), als auch die der 18 – 64-Jährigen (15,5% Männer, 17,7% Frauen) liegen über dem Niveau der Rentner. Das heißt, dass die Gruppe der deutschen Rentner (15,1% von ihnen sind armutsgefährdet) den Durchschnittswert (Gesamtdurchschnitt: 16,1%) nach unten drückt und ihn nicht, wie man bei der medialen Darstellung glauben könnte, nach ober zieht. Hätte es nicht in den 50er und 60er Jahren das Ernährermodell gegeben, welches heute für nicht wenige Frauen sehr kleine bis keine Rente nach sich zieht, so wären die Zahlen der Senioren von heute noch deutlich besser. Heute ist es so, dass Frauen trotz Kindererziehung viel öfter arbeiten gehen als sie es in früheren Generationen taten, am Ende dennoch viel stärker von Armut betroffen sein werden, als die heutige Rentnergeneration.

Es ist nach wie vor so, dass die älteren Bevölkerungsgruppen (56-65-Jährige, Rentner) mit Abstand das größte Vermögen besitzen und, im Vergleich zu kommenden Generationen, auch noch die höchsten Renten kassieren. Das durchschnittliche Nettovermögen der 56-65-Jährigen lag 2007 bei 145.000€, das der 18-25-Jährigen bei unter 7.000€. Natürlich stehen Letzte erst am Anfang des Arbeitslebens, aber derartige Vermögen, wie heutige Rentner und die Rentner der kommenden zehn Jahre werden sie nicht ansatzweise erreichen: Nicht bei der Lohn- und Preisentwicklung, bei brüchigen Erwerbsbiographien, dem stetigen Absenken des Renten-Niveaus bei gleichzeitiger Finanzierung von immer mehr Rentnern.

Wann finden diese Umstände endlich Niederschlag in der medialen Darstellung? Jeder arme oder von Armut bedrohte Mensch ist einer zu viel, jedoch sollte endlich begonnen werden, die tatsächlichen Verhältnisse in Deutschland auch in den Medien abzubilden. Ebenso sollte die Politik beginnen diese in aller Klarheit zu benennen und sich viel stärker der Schaffung vernünftig bezahlter Jobs zu widmen, als über Mütterrente oder Rentenzuschüsse für die aktuelle Seniorengeneration zu debattieren.

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Über Alexander(s)platz

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