Junge Generation löst Demographieproblem!

Vor einiger Zeit saß ich mit vier Freunden zusammen. Wir sprachen über die Generationen-Problematik und waren uns bei einigen Dinge nicht einig, auch wenn wir allesamt im gleichen Alter, also Anfang dreißig und alle berufstätig sind. Im Großen und Ganzen stellten wir jedoch fest, dass wir selbst bei guten Jobs und der Verschonung von Arbeitslosigkeit mal viel weniger Rente kassieren werden, als die Vorgänger-Generationen und uns auch viel weniger davon werden leisten können, weil die Preis-Entwicklung bei Mieten, Strom, Essen etc. nicht gerade günstig verlaufen wird. Eng damit verknüpft ist die demographische Entwicklung von heute sowie in der Zukunft. Mit Blick darauf, keimte ein Gedanke in mir. Allerdings formulierte einer meiner Freunde diesen noch vor mir: „Wenn wir mal alt sind, wird das Demographie-Problem nicht mehr so massiv sein, ganz einfach weil wir nicht mehr so alt werden wie unsere Eltern-Generation und nicht so lange Rente kassieren!“. Meine Generation wird das Problem der Demographie in Deutschland also nicht aktiv lösen, sondern die Bedingungen um uns herum werden zur Folge haben, dass wir im Durchschnitt nicht mehr so alt werden, wie unsere Eltern und nicht mehr so lange von den Berufstätigen versorgt werden müssen.

Was ist wichtig, um alt zu werden? Da lassen sich sicher eine ganze Reihe Faktoren nennen und diese sind bei jedem verschieden. Dennoch gibt es einige Gesichtspunkte, bei denen wohl so gut wie jeder, dem diese Frage gestellt würde, zustimmt. Und genau diese sind es, die sich in den letzten Jahren nicht zum Vorteil entwickelt haben und sich in Zukunft noch verschlechtern werden.

Zuerst ist der Job zu nennen. Je nachdem, wie wir diesen ausüben, verbringen wir Deutschen zwischen 15 und 50 Stunden in der Woche auf der Arbeit. Im Schnitt lag die Wochenarbeitzeit von Vollzeit-Kräften 2012 in Deutschland bei 40,7 Stunden. Dies bedeutet einen deutlichen Anstieg gegenüber den Jahren zuvor. Natürlich führte die weltweite Rezession ab 2008 zu Arbeitszeitverkürzung, aber der Rückgang der Wochenarbeitszeit schreitet seit Jahrzehnten voran. 1950 gab es in Westdeutschland die 6-Tage-Woche, mit insgesamt 48 Arbeitsstunden. Aufgrund der wirtschaftlichen Prosperität ging die Arbeitszeit über die Jahrzehnte immer weiter zurück, bis einige Branchen gar die 35-Stunden-Woche einführten, bei steigenden Löhnen wohlgemerkt (Historischer Abriss Seite 4./5.) . Erst Mitte/Ende der 90er Jahre konnten Gewerkschaften keine weiteren Reduzierungen mehr erzielen. Die durchschnittliche Arbeitszeit aller Branchen sank dennoch auf 38,05 Stunden im Jahr 2005, also vor der Finanzkrise. Nur sechs Jahre später liegt sie wiederum mehr als 2,5 Stunden höher. Einzurechnen ist auch noch, dass eine deutliche Zunahme von Zweitjobs zu verzeichnen ist, was sich bereits vor 2013 abzeichnete. Bei einigen Arbeitnehmern bleibt es nämlich nicht bei etwas mehr als 40 Wochenstunden.

Weiterhin nahm auch die Belastung auf der Arbeit in den letzten Jahren deutlich zu. Viele Tätigkeiten sind komplexer geworden, in vielen Branchen hat Technik noch größeren Einzug gehalten und mussten sich Arbeitnehmer verstärkt mit neuen Anforderungen auseinandersetzen. Auch Phänomene wie Mobbing haben in den letzten Jahren enorm zugenommen und zu stärkeren Belastungen an den Arbeitsplätzen geführt. Ein ganz wesentlicher Unterschied zu früher besteht auch in der besseren Erreichbarkeit von Arbeitnehmern durch ihre Arbeitgeber. Smart-Phones und Tablets sind eine tolle Sache, sorgen jedoch auch dafür, dass die klare Trennung von Berufs- und Privats-Sphäre eigentlich nicht mehr gegeben ist. Da wird auch abends nochmal schnell in die Mails geschaut, Kollegen oder Vorgesetzten geantwortet, vielleicht nochmal telefoniert. Oder aber ein früheres Erscheinen im Büro vorgenommen, weil man sieht, dass Wichtiges liegengeblieben ist. Viele nutzen ihre Tablets auch auf dem Weg nach Hause. Sicherlich konnten auch früher Dokumente auf dem Heimweg gelesen und durchgearbeitet werden, aber so umfänglich wie mit Tablets ließ sich mitnichten arbeiten. Das bedeutet, dass die tatsächliche Arbeitszeit noch über 40,7 Stunden bei den Vollzeitbeschäftigten hinausgeht. Und viele Experten warnen davor, dass die permanente Erreichbarkeit sowie die häufige Nutzung von Smart-Phones und Tablets gesundheitsschädlich sind. Im Gegenzug verringert sich die Zeit, die man für Erholung, Regeneration, Familie, Freunde oder schlichtweg sich selbst hat. Denn selbst das heilige Wochenende ist vor Arbeit nicht mehr gefeit. 2011 arbeiteten 24,5% aller Erwerbstätigen am Samstag, 1996 waren es gerade einmal 18,8%. Auch hier geht wieder Zeit zum Auftanken verloren.

Einige Änderungen treffen die junge Generation im Besonderen, was die als These formulierte Überschrift leider Realität wird werden lassen. Wie Anita Blasberg in ihrem brillanten Artikel „Die schon wieder!“ feststellte, wurde nämlich die Lebensarbeitszeit der jungen Generation durch die Abschaffung von Wehr- und Zivildienst sowie die schrittweise Anhebung des Rentenalters einfach mal flugs um drei Jahre verlängert. Und viele Arbeitgeber argumentieren bereits, dass die Rente mit 67 gar nicht ausreiche, sondern wir uns auf weitere Steigerungen werden einstellen müssen. Bei den jungen Leuten die studieren, wurde die Lebensarbeitszeit durch die Einführung des Bachelor-Master-Systems an den Unis und die damit einhergehende Straffung des Studiums, ebenfalls erhöht. Das heißt, die jungen Menschen starten perspektivisch früher ins Arbeitsleben und verlassen dieses später.

Summiert man diese Aspekte, sieht eine Prognose für die aktuelle Jugend sowie die kommenden Generationen düster aus. Bereits aktuell sind die ersten Auswirkungen der Veränderungen in der Arbeitswelt zu spüren, voll zum tragen kommen sie erst in ein paar Jahren. Umso wichtiger ist es gegenzusteuern. Gesundheit wird noch wichtiger, als sie es bisher war. Erholung, Zeit für sich, die Familie und das soziale Umfeld nehmen einen noch zentraleren Platz ein, will man nicht bereits mit Mitte vierzig völlig ausgebrannt sein. Erholung und Regeneration kosten allerdings Zeit und Geld.

Der Umstand, dass die Zeit, die nicht mit Arbeit verbracht wird, sondern für Erholung genutzt werden kann, abnimmt, wurde bereits genannt. Jedoch nehmen auch die finanziellen Möglichkeiten, um sich Freizeit und Erholung leisten zu können, stetig ab. Von der Nachkriegszeit bis in die 90er Jahre hinein war der Trend so, dass die Arbeitszeit stetig sank, die Arbeitnehmer im Schnitt jedoch immer mehr Geld im Portemonnaie hatten. Aktuell kehrt sich der Trend um. Freizeit und Erholung sind heute umgemein teuer. Ein Spaziergang oder Bummeln in der Stadt mag nichts kosten, ich kann auch das gesamte Wochenende mit Lesen zubringen, aber wenn man auch nur irgendein Freizeit-Angebot (Schwimmen, Theater, Kino, Massage) nutzen möchte, dann legt man dafür eine ganze Menge Geld auf den Tisch. Vor allem die junge Generation hat mit immer schlechteren Löhnen auszukommen und kann im Umkehrschluss weniger Geld für Regeneration und Freizeit ausgeben.

Ein ganz zentraler Teil der Erholung stellt der Jahresurlaub dar. Früher galten die Deutschen als Reise-Weltmeister, die neusten Zahlen hingegen lassen an der Titel-Verteidigung in den kommenden Jahren zweifeln. 25% der Deutschen können es sich nicht mehr leisten, auch nur ein Mal im Jahr für eine Woche zu verreisen. Die Hälfte der Daheimgebliebenen argumentiert, dass es an Geld für einen Urlaub mangelt, obwohl die Deutschen besonderen Wert auf diesen legen und in Befragungen angeben, dass sie lieber den Gürtel im Alltag enger schnallten, als auf ihren Jahres-Urlaub zu verzichten. In erster Linie sind Geringverdiener und Allein-Erziehende davon betroffen. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung sowie aus meinem Umfeld, dass selbst unter den Gut- bis Top-Qualifizierten immer seltener Geld für einen Urlaub vorhanden ist. In meiner Call-Center-Zeit hatte ich einige Male Personen am Telefon, die mir erzählten, sie würden die nächsten Monate nicht in Deutschland sein, weil sie diese wegen Urlaubs anderswo auf der Welt verbrachten. Soetwas wird in meiner Generation die absolute Ausnahme bleiben. Und so wird immer öfter der Urlaub zu Hause verbracht, was nachgewiesenermaßen nicht denselben Erholungs-Effekt hat, als wenn man das vertraute Umfeld auch einmal hinter sich lässt.

„Vertrautes Umfeld“ ist ein weiterer wichtiger Punkt wenn es um Erholung geht, der in der jungen Generation völlig anders läuft, als in den Jahrzehnten zuvor. Alle behaupten, dass durch das Internet, E-Mails, Messenger, Chats etc. die Kommunikation heute deutlich erleichtert wird. Dies trifft absolut zu. Allerdings wird auch gern verschwiegen, dass dies bei den heutigen Rahmenbedingungen auch absolut notwenig ist, möchte man nicht irgendwann ohne soziales Umfeld dastehen. Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes brachte häufigere Wohnortwechsel mit sich. Dies trifft nicht auf alle Umzüge zu, da viele Menschen ihre Heimat gern verließen, um andere Regionen, Städte und Länder kennenzulernen, aber bei der Mehrzahl der Fälle war dies der Grund. Wiederum kenne ich viele Beispiele aus meinem Umfeld: Ich habe Freunde in Hamburg, Dresden, München, Mainz, Düsseldorf oder Bayreuth, in meiner Arbeitsstelle hingegen stammt kaum jemand aus Berlin, sondern ist von anderswo hierher gezogen. Eine ganze Reihe von Freunden lebt nicht mal mehr in Deutschland, sondern in der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden oder den USA. Auch bei ihnen waren es zwei Gründe die zum Umzug führten: Das Studium oder der Job. Und nicht wenige blieben nach dem Studium, weil sie vor Ort direkt eine Anstellung fanden. So ist die Zahl der Umzüge auch deutlich gegenüber früheren Dekaden angewachsen. Nach Angaben von TNS Emnid im Jahr 2011 zogen die Deutschen pro Kopf lediglich 3,4 Mal im Leben um. Diesen Wert betrachte ich ein wenig ungläubig und prognostiziere, dass er in den kommenden Jahren deutlich anwachsen wird und bereits heute in der jungen Generation erheblich darüber liegt. Ich bin beispielsweise bereits acht Mal umgezogen und ich bin Anfang Dreißig. In meinem Umfeld liegen die Zahlen ebenfalls deutlich jenseits des genannten Durchschnittswertes. Das heißt, die Jungen müssen sich viel öfter als es früher der Fall war, in ein neues Sozial-Gefüge einpassen und immer wieder aufs Neue Kontakte knüpfen. Wenn sie die alten Kontakte jedoch nicht abreißen lassen wollen, müssen sie viel größere Anstrengungen unternehmen, als je zuvor. Und dies kostet enorm viel Zeit und erfordert Konsequenz. Ich selbst habe nicht wenige Freunde, denen ich vielleicht ein oder zwei Mal im Jahr eine E-Mail schicke, obwohl es gute Freunde sind. Aber, es ist zeitlich einfach kaum anders zu regeln, ganz einfach weil die Zahl derer, die nicht mehr in Berlin und Umgebung wohnen deutlich angestiegen ist. Mit der Zahl der Wohnortwechsel stieg auch die Zahl von Fernbeziehungen in den letzten Jahren. Ich selbst kenne dies auch, wenngleich die Distanz in meinem Fall noch überschaubar ist, aber es gibt ganz andere Fälle. Nicht selten zerbrechen Beziehungen an dieser Belastung. Aber ein intaktes soziales Umfeld ist wesentlich, wenn es um Erholung geht. Familie und Freunde können einen aus dem Trott herausreißen und auf andere Gedanken bringen. Man kann ebenso gemeinsamen Hobbies nachgehen oder einfach zusammen die Seele baumeln lassen. Nicht immer ist dafür viel Geld notwendig, aber es vergrößert die Möglichkeiten erheblich, Zeit und Muße hingegen sind in jedem Fall vonnöten, eben diese jedoch in der jungen Generation ein Luxusgut, weil immer seltener.

Ein letzter, nicht minder wichtiger Punkt ist die Ernährung. Gesunde Ernährung kostet mehr Geld, als ungesunde. Als es die Fälle verdorbener Lasagne gab, fragten viele, wie die Konsumenten glauben könnten, dass eine Lasagne die im Supermarkt 1,50€ kostet, qualitativ gut und gesund sei. Diese Frage ist berechtigt, denn gutes Essen kostet mehr Geld. Aber es zeigt sich eben auch, dass immer weniger Menschen in der Lage sind, sich auch qualitativ hochwertige Produkte zu leisten (Das klare Bekenntnis zu gesunder Ernährung hat abgenommen). In meinem Umfeld ist nahezu allen das hohe Gut Gesundheit sehr wichtig und daher wird auf qualitativ gute Ernährung geachtet. Dies geht allerdings wieder zu Lasten anderer Dinge, da für diese dann das Geld fehlt.

Kombiniert man alle genannten Faktoren, dann erscheint die zynisch anmutende Überschrift nicht mehr völlig unwahrscheinlich. Vor allem, da wir noch am Anfang vieler Entwicklungen stehen. Die Wochen-Arbeitszeit kann weiter steigen, Erholung, Regeneration und Urlaub werden perspektivisch eher teurer, ebenso werden die starke Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und die damit verbundenen Wohnortwechsel sich weiter fortsetzen. Im Bezug auf das Renteneintrittsalter ist das letzte Wort mit Sicherheit noch nicht gesprochen und ob die Löhne derart massiv ansteigen, dass wieder deutlich mehr Menschen sich einerseits wenigstens eine Woche Urlaub im Jahr, andererseits eine vollwertige und gesunde Ernährung werden leisten können, ist stark zu bezweifeln. Und so werden wir die erste Generation sein, in der die durchschnittliche Lebenserwartung wieder sinkt und die demographische Wende eine Korrektur erfahren wird. Wir werden das demographische Problem Deutschlands lösen… ungewollt.

Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Junge Generation löst Demographieproblem!

  1. Gizmo schreibt:

    Interessante These – da könnte was dran sein. Wenn man mal schaut, wieviele Menschen heute unter Stress leiden, Burnout-Syptome zeigen und wegen psychiologischer Probleme in therapeutischer Behandlung sind… das kann auf Dauer nicht gesund sein.

    Gefällt mir

Schreib etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s