Generation ohne Lobby (5) – Die Analyse

Repräsentation der Jugend

Nachdem im vorherigen Artikel festgestellt wurde, dass die Jugend von heute zwar (theoretisch) enorme Möglichkeiten besitzt, diese jedoch mit noch deutlicher gestiegenen Risiken einhergehen, widme ich nun der Partizipation bzw. der Repräsentation der Jugend in unserer Gesellschaft. Letztlich ist es ja nicht Ziel, nur über Missstände zu sprechen und mit dem Finger auf Andere zu zeigen, sondern selbst etwas daran zu ändern. Dazu bedarf es allerdings einer Interessenvertretung der Jugend. Die Alten mögen in Sachen Repräsentanz zwar meckern, können sich jedoch eigentlich nicht beschweren. Neben ihren Lobbyverbänden hat die Politik in den letzten Jahren einen starken Schwenk hin zu den Interessen der älteren Generation vollzogen. Sie fällt, obwohl sie eigentlich Vertretung aller Bürger sein sollte, als Repräsentant der Jugend aus, zumindest weitestgehend.

„Aber, es gibt doch die jeweiligen Jugend-Ableger der großen Parteien!“, mögen nun einige entgegnen. Ja, die gibt es. Allerdings ist fraglich, inwieweit diese tatsächlich Politik für die Jugend machen. Letztlich steigen deren Vertreter ja mal in die Mutter-Organisation der jeweiligen Partei auf bzw. verfolgen dieses Ziel. Galt bei den Jusos oder Julis womöglich noch inhaltliche Narrenfreiheit, was bereits zu bezweifeln ist, dann gelten in der SPD oder der FDP andere Gesetzmäßigkeiten. Beispiele gefällig?

Die 2009 beschlossene Rentengarantie, die die Entwicklung der Renten von der der Löhne in Deutschland abkoppelte und, nach Expertenangaben, bis 2015 zwischen 10 und 12 Mrd.€ extra kosten wird, wurde bereits erörtert. Von der damaligen großen Koalition beschlossen, gab es wenig Kritik aus der Parteienlandschaft. Ebenso war es im Jahr zuvor, bei der außerplanmäßigen Rentenerhöhung um 1,1%. Lediglich die Linke echauffierte sich damals. Allerdings nicht, weil ihr die Jugend am Herzen lag, sondern weil die im Durchschnitt älteste Partei im Bundestag die Erhöhung für die Rentner als zu gering erachtete. Selbst wenn man bei solchen Entscheidungen die Macht der Jungvertretungen sicherlich als sehr beschränkt einordnen muss, so hätte man aus Sicht der Jugend, eigentlich aus Sicht aller Beitragszahler, erwarten können, dass es zumindest zu einem Aufschrei oder wenigstens zu einer kritischen Begleitung dieser Vorgänge kommt. Pustekuchen!

Die Jugendvertretung der Sozialdemokraten zeigte sich nicht nur nicht kritisch, sie verteidigte gar die von ihrer Mutterpartei mitbeschlossene Rentengarantie! Und wählte noch dazu ein fragwürdiges Vokabular. Eine „panische Debatte um die Rentengarantie“ würde es geben, sagte die Juso Bundesvorsitzende Franziska Drohsel. Mehr noch, sähen sie (die Jusos) keinen Generationenkonflikt, sondern erachteten die Frage, ob auch ältere Menschen in unserer Gesellschaft menschenwürdig leben können, als soziale. Letzte Fragestellung ist sehr richtig und gewichtig, allerdings drängt sich der Eindruck auf, als hätte bis zu dieser Rentengarantie kaum jemand die Interessen der Rentner vertreten bzw. wahrgenommen. Die Krone in Sachen Verbal-Entgleisung setzte sich allerdings, qua Amt, der damalige Kanzlerkandidat und stellvertretender SPD-Chef, Frank-Walter Steinmeier auf, als er sagte: „Wir dürfen keine Gruppe unserer Gesellschaft gegen eine andere ausspielen: Das ist ein zutiefst sozialdemokratischer Gedanke.“. „Ja!“, möchte man ihm zurufen, „Und warum tun Sie es dann?“. Aber genau an dieser Stelle zeigt sich das Deutungsproblem in diesem vermeintlich nicht gewollten Konflikt. Den Älteren, denen es, wie bereits gezeigt, im Vergleich zu den Jüngeren noch deutlich besser geht, etwas mehr zu geben, ist demnach generationengerecht. Ihnen dieses Mehr an Rente nicht zu gewähren oder aber einen außerordentlichen Schritt wie die Rentengarantie kritisch zu hinterfragen, ist im Hinblick auf Generationengerechtigkeit ungerecht. Logik verstanden?

Wenn doch mal jemand den Mund aufmacht

Aber, weiter im Text. Die Jusos wie auch andere Jungvertretungen hielten damals die Füße still und setzten sich eben nicht für die Interessen der Gleichaltrigen und der kommenden Generationen ein. Interessanterweise kam Gegenwind, konkret bei der Abstimmung zur Rentengarantie, von sechs Vertretern der Union im Bundestag. Unter ihnen auch Jens Spahn. Er deutete die Rentengarantie entsprechend anders. So stellte er fest, dass die Regierung mit ihrer Rentenpolitik den Kompromiss zwischen jung und alt verlassen habe. Natürlich fanden, abgesehen von Spahn, die Oppositionellen in der Regierung wenig Gehör. Denn, viele weitere junge Vertreter hielten sich aus taktischen Gründen bei dieser Abstimmung mit Kritik zurück. Der damals 32jährige Marco Wanderwitz gab an, dass man gegen die mächtige Senioren-Union bzw. gegen die gesamte Partei keine Politik machen könne, zumindest nicht, wenn man sich oder die weitere Karriere nicht beschädigen wolle. Das ist ehrlich und fragwürdig zugleich, sind doch Parlamentarier ihrem Gewissen verpflichtet.

Zurück zu Jens Spahn. Sein Hinterfragen und öffentliches Äußern seiner Skepsis sollte nämlich noch hohe Wellen schlagen und die Feststellung von Marco Wanderwitz mehr als bestätigen. Spahn gab infolge der außerplanmäßigen Rentenerhöhung an, dass nach seiner Meinung die Rentner auch mit 1,1% mehr nicht zufrieden seien. Im Zusammenhang mit der Rentengarantie äußerte er sich wiederum kritisch. Die Konsequenz waren Beleidigungen, Drohungen, anonyme Briefe. Ein „Rotzlöffel“ sei er, der „jung und alt gegeneinander ausspielen“ würde. „Unerträglich“ seien seine Äußerungen, er solle lieber die „Fresse halten“. Soweit die kurzen Gedanken. Es gibt jedoch auch Menschen, die sich inhaltlich tiefer in die Materie begaben und Sätze wie: „Hör mal, Du Hosenscheißer, Du Rotzlöffel, geh erst einmal 45 Jahre Deiner Arbeit nach, um dann evtl. Deine große Schnauze aufmachen zu können. Wir Rentner haben Deutschland mit den Händen wieder aufgebaut und Du hast Dich mit Deiner großen Fresse nur ins gemachte Nest gesetzt“ oder „Wissen Sie eigentlich, dass Sie ein Arschloch sind?“ zu Tage förderten. Hier finden wir wiederum das Totschlag-Argument des Wiederaufbaus Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg durch die heutigen Rentner! Nicht mindern „schön“ ist auch: „Sie sollten sich als Christ, was ich annehme, wenn sie in der Partei mit dem „C“ sind, schämen!“. Jedoch nicht nur Bürger zeigten sich massiv beleidigt, auch der bereits erwähnte Bundesvorsitzende der Senioren-Union Kuckart sagte, dass ein Mann, der mit seinen Ansichten die Gesellschaft zu spalten versuche, nicht in die Union passe. Schlimmer noch versuchten die Unions-Senioren in NRW eine erneute Kandidatur Spahns für den Bundestag zu verhindern. Und das, obwohl der Gesundheitsexperte 2002, 2005 und 2009 als direkt gewählter Kandidat in das gesamtdeutsche Parlament einzog. Spahn gab zu, dass die Heftigkeit der Reaktionen nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sei, vor allem, da Unterstützung für seine Position fast vollständig ausblieb. Es wird allerdings gemutmaßt, dass Spahn eben kein echter Vertreter der Interessen junger Menschen sei. So wären ihm die jungen Abgeordneten nicht beiseite gesprungen, da er sich mit Blick auf die Gesundheitsreform zu wenig für die Interessen junger Menschen eingesetzt hätte. Überhaupt zeigt sich, dass es falsch ist, Spahn zu einer Ikone der Interessenvertretung junger Menschen zu erheben. Zu unstet sind seine politischen Entscheidungen, zu oft hat er gezeigt, dass persönliche Haltungen sich nicht zwangsläufig in politischen Entscheidungen niederschlagen müssen. Nicht anders kann es gedeutet werden, dass Spahn, der sich 2012 offen zu seiner Homosexualität bekannte, zwar lange für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften einsetzte, am Ende im Bundestag jedoch geschlossen mit der Unions-Fraktion gegen diesen Antrag stimmte. Von daher scheint seine Selbsteinschätzung: „Ich sage, was ich denke, ehrlich und offen.“ nicht immer zuzutreffen oder aber an der Abstimmungsurne zu enden. Wenn er es aber doch tat, wie im Falle der Rentenerhöhung von 2008 oder der Rentengarantie, dann waren die Reaktionen sehr heftig. Spahn scheint jedoch kein Einzelfall zu sein. Die Angaben von Wanderwitz, sowie das Auftreten der Jusos im Zusammenhang mit der Rentengarantie können als weitere Belege angeführt werden. Nun muss nicht wieder die Schrödersche Basta-Politik reanimiert werden, um diese Vorgäng treffend zu beschreiben, aber es scheint deutlich, dass die Politik einerseits wenig auf die Interessen der Jungen Rücksicht nimmt, und andererseits, dass Politiker, die dies zu tun versuchen, entweder nichts werden oder aber sich letztlich doch auf Parteilinie bringen lassen. So ist im Hinblick auf den Veränderungswunsch junger Menschen Frau Albsteigers Einwurf, nicht zu heulen, sondern in Politik und Parlamente zu gehen, zwar nicht falsch, aber in seinem Ergebnis doch zu hinterfragen. Vor allem Albsteiger, die einerseits die Möglichkeiten von Frauen in der heutigen Arbeitswelt preist, sich dann aber vehement gegen eine Frauenquote ausspricht und das Betreuungsgeld verteidigt, zeigt, dass sie nun wahrlich nicht als Speerspitze moderner Politik, gemacht für junge Menschen, taugt. Politik machen wird sie, das dürfte als gesichert gelten. Aber, ob sie tatsächlich als Vertreterin junger (moderner) Interessen gelten kann, ist höchstfraglich.

Politik weiß alles besser – sogar besser als Experten

Im politischen Alltag führen Parteien gern und häufig Experten und deren Erkenntnisse ins Feld, um die eigenen Forderungen oder Entscheidungen argumentativ zu stützen. Nun haben sich jedoch viele dieser Experten sehr kritisch zu den Rentenentscheidungen der letzten Jahre geäußert. Ihre (Gegen)Argumente, die zumeist eher den Interessen der jungen Generation entsprechen, liefen jedoch ins Leere. Die Politik ging relativ konsequent den jeweils gegenläufigen Weg. So verhallte die Frage Martin Werdings, warum bisher kein Politiker erklärt habe, dass man sich momentan intensiv der Frage nach Altersarmut widme, wenngleich die Situation der Jugend viel akuter sei, ungehört. Die Zahlen stützen seine Position: 2,6% der heutigen Rentner gelten als arm, weitere 15,3% als armutsgefährdet. Der Anteil der Armutsgefährdeten unter den heute 18 – 25jährigen liegt aber bereits bei 22,4%. Die politische Priorisierung hingegen sieht ganz anders aus. Selbst die kritischen Worte des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, der einst für seine „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen!“-Rede hochgelobt wurde, hierzulande sei man auf dem Weg in eine Art Rentnerdemokratie, fanden kaum Gehör. Expertenmeinungen zählen nur dann, wenn sie der eigenen Linie dienlich sind. Im Hinblick auf eine generationengrechte Politik zeigt sich dies stärker als anderswo.

Keine BAGSO für die Jugend in Sicht

Aber gut, es gibt ja nicht nur die großen Parteien und ihre Jugendorganisationen oder eben Experten, die die Politik stärker auf die Interessen der jungen Generation ausrichten können. Es existieren eine ganze Reihe weiterer Verbände, die lobbyistisch tätig sein könnten: Jugendorganisationen der Gewerkschaften, des Sports, für Umwelt- und Naturschutz oder aber konfessionelle Verbände. Jedoch weisen diese hohe Segregationsmechanismen auf. Denn der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen Senioren- und Jugendlobby ist der, dass es bei Senioren nur ein Kriterium gibt, um repräsentiert zu werden: das Alter. Bei der Jugend hingegen treten andere hinzu. Kurz: Ein Dachverband wie dir BAGSO vertritt einen Rentner, unabhängig vom Parteibuch, der Zu- oder Abneigung zur Natur und der konfessionellen Bindung. Wenn ich Rentner bin, werde ich vertreten. Als junger Mensch hingegen muss ich zumeist Mitglied einer Partei, einer Gewerkschaft oder einer Konfession sein, um durch die jeweilige Jugendorganisation vertreten zu werden. Segregation und ein damit verbundenes Aufsplitten von Interessensbekundungen gibt es bei Rentnern nicht. Einzig und allein ihr Status als Rentner zählt. Das ist bei jungen Menschen anders. So können sie natürlich nicht mit einer Stimme sprechen, sondern repräsentieren jeweils nur einen kleinen Teil der Jugend. Damit haben die vorgebrachten Forderungen dann vermeintlich weniger Gewicht. Des Weiteren sind die Forderungen von Sport- oder Umweltschutzverbänden natürlich nicht so umfänglich, wie die einer Rentnerorganisation, die sich um alle Belange des Alltags zu kümmern versucht. Eine Organisation, vergleichbar mit der BAGSO, existiert im Bereich der Jugend nicht. Jugendinteressen sind damit immer Partikularinteressen. Oder kann sich noch jemand an die Forderungen der Europäischen Jugendwoche erinnern? Oder haben diese den politischen Prozess in irgendeiner Form beeinflußt? Andere Verbände, wie der „Ring politischer Jugendlicher“ bündelt keine politischen Forderungen junger Menschen und artikuliert diese gegenüber Entscheidungsträgern, sondern er versucht „nur“ die Bildung freier Staatsbürger voranzutreiben und bei der Jugend ein politisches Interesse zu wecken. Diese Ansprüche sind als Grundlage enorm wichtig, jedoch sollte bei den jungen Menschen schnell Ermüdung eintreten, wenn sie feststellen, dass sie sich zwar politisch interessieren können, am Ende jedoch ungehört und unrepräsentiert bleiben.

Auch in Räten fehlt die Jugend völlig

Die Jugend ist auch in vielen, der Politik anhängigen, Räte nicht vertreten. Anita Blasberg konstatierte in ihrem Artikel zum Beispiel, dass im Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung 15 Personen vertreten sind, jedoch keine von ihnen unter 45 Jahre alt ist. Das heißt, dass die politisch nachhaltige Entwicklung Deutschlands nicht von der künftigen Generation gestaltet wird, sondern von Menschen, die spätestens 1968 geboren worden sind – viele Babyboomer also. Oder nehmen wir den deutschen Fernsehrat. Er hat 77 Mitglieder und ist darauf bedacht, die Geschlechter, aber auch alle gesellschaftlichen Gruppen, wie Parteien, Religionen oder Gewerkschaften gleichermaßen zu vertreten. Es heißt gar, dass der Fernsehrat eine Art Querschnitt der Gesellschaft abbilden solle. Anita Blasberg bemerkt völlig zu Recht, dass keines der Mitglieder jünger als 35 Jahre ist. Die Jugend scheint demnach keine gesellschaftlich relevante Gruppe zu sein. Auch im deutschen Ethikrat ist keines der 25 Mitglieder jünger als 44 Jahre. Wenn man sich die gängigen Klischees über die heutige Jugend einmal anschaut, ist es natürlich nur korrekt, dass eine verkommene Jugend nicht in die Position gehievt wird, ethische Grundlagen für die Bundesrepublik zu schaffen. Würde man etwas tiefer graben, fände sich sicher noch der ein oder andere Rat, in dem die Jugend kaum bis gar nicht vertreten ist. Wer bleibt dann noch als Repräsentant junger Interessen?

Jugend repräsentiert sich selbst – und bekommt dafür den Polizeiknüppel zu spüren

Die Occupy-Bewegung fällt einem da vielleicht direkt ein. Ein loser Zusammenschluss mehrheitlich junger Menschen, der im Zuge der Finanzkrise das Gebaren der Banken-, aber auch Politikwelt kritisch hinterfragt. Denn, für die Verfehlungen einiger müssen nun viele Menschen bluten. Viele verloren das Haus über dem Kopf, viel Geld, vor allem eine Perspektive. Und die Politik rettete viele Banken. Banken, die kurz nach dem Ausbruch der Krise schon wieder hochspekulativ unterwegs waren und ihren Mitarbeitern teils horrende Prämien zahlten. Dieses Geld fehlt jedoch an anderer Stelle, zum Beispiel in den Bereichen Bildung und Innovation oder dem Ausbau von Infrastruktur und erneuerbaren Energien. Aber, vor allem erste scheint für die Politik nachrangig zu sein. Nicht anders sind die Forderungen des ehemaligen Ministerpräsidenten Hessens, Roland Koch, zu deuten, als dieser 2010 sagte, er wolle höhere Investitionen in Hochschulen und Forschung aufschieben. Auch den Ausbau von Krippenplätzen stellte er in Frage. Viel drängender wäre es doch, die Banken und somit den gesamten Finanzsektor zu stützen. Ein Schlag ins Gesicht für junge Menschen! Es hagelte, zum Glück, damals Kritik für Kochs Äußerungen. Aktuell haben alle Parteien für die anstehenden Bundestagswahlen jedoch Investitionserhöhungen in den Bereichen Bildung und Forschung auf die Agenda gehoben. Das ist sehr zu begrüßen, jedoch im Ergebnis zu hinterfragen. Schon heute sind viele, selbst hochqualifizierte, junge Menschen ohne Job oder nur befristet oder prekär beschäftigt. Wenn am Ende dieser Investitionssteigerungen dann noch mehr gut Qualifizierte stehen, sich die Situation am Arbeitsmarkt jedoch nicht bessert, wird dieser Trend eher noch verstärkt. Mehr Bildung, nur um der Bildung willen, läuft ins Leere. Wer will denn noch viele Jahre die Unibank drücken, wenn seine Berufs- und Verdienstaussichten sich dadurch nicht erhöhen? Kaum einer.

Zurück zur Occupy-Bewegung. Zum einen versuchte die Politik, die Forderungen dieser jungen Menschen, in Gänze als antikapitalistisch zu brandmarken. Eine klassischen Schwarz-Weiß-Malerei. Wer nicht für die soziale Marktwirtschaft ist, ist automatisch gegen sie, also Antikapitalist. Mit dieser Labellung konnte man alle kritischen Fragen der gesamten Bewegung als realitätsfern abtun. Nicht zuletzt das deutsche Staatsoberhaupt, Joachim Gauck, reihte sich in die Phalanx dieser Argumentateure ein, als er die Antikapitalismusdebatte als unsäglich albern bezeichnete. Ich wage mal zu bezweifeln, dass alle Occupy-Anhänger oder -sypathisanten antikapitalistisch seien. Aber gut, die Politik hatte ihr Urteil gefällt. Die Jugend war erneut als aufrührerisch und realitätsfern stigmatisiert. Dies kulminierte gar in der gewaltsamen Auflösung von Blockupy-Kundgebungen vor einigen Monaten in der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main. Diese hatte zum einen die Folge, dass der Durchschnittsbürger den Eindruck gewann, da seien nur Chaoten am Werk, zum anderen wurde im Nachgang über die Polizei-Brutalität (zu Recht) gesprochen und debattiert und nicht mehr über die Forderungen der Bewegung an sich. Auch wenn die Politik sich kritische Fragen gefallen lassen musste, hatte sie letztlich einen Sieg über die Demonstranten errungen.

Keinen Bock mehr auf Politik? Nein, keine Zeit!

Da frage ich mich, wie man der heutigen Jugend noch ernsthaft mangelndes Interesse oder Politikverdrossenheit attestieren, gar vorwerfen kann, wenn junge Menschen die Bilder aus Frankfurt am Main zu sehen bekommen. Ist es nicht zu begrüßen, wenn junge Menschen, trotz aller Schwierigkeiten der heutigen Zeit, sich noch mit politischen und gesellschaftlichen Inhalten befassen und diese dann auf Demonstrationen bekunden? Dabei fällt es kaum einer Generation seit dem zweiten Weltkrieg so schwer, Zeit dafür zu finden, wie der heutigen. Die arbeitsmarktlichen und gesellschaftlichen Erfordernisse – permanente Bildung, Auslandserfahrung, zeitliche und räumliche Flexibilität, permanente Erreichbarkeit, die allgegenwärtige Bedrohung von Job- und Perspektiv-Verlust – lassen vielen jungen Menschen heute doch kaum noch Zeit, sich zu belesen, Nachrichten zu schauen, sich weiterführend zu informieren und all dies am Ende in Demonstrationen, sprich der spür- und hörbaren Artikulation von Interessen, gipfeln zu lassen. Nicht von Ungefähr kamen Erkenntnisse im Zusammenhang mit Stuttgart 21, dass das Gros der Demonstranten eher im gesetzten Alter, gut gebildet und gut situiert war. Menschen, von denen nicht permanente Flexibilität bei gleichzeitiger Prekarität im Beruf gefordert wird, haben viel eher die Möglichkeiten, demonstrieren zu gehen. Nicht unerwähnt möchte ich an dieser Stelle noch die Forderung an die Jugend lassen, endlich mehr Kinder zu bekommen, ungeachtet der heutigen Bedingungen. Kinder, die die Babyboomer, trotz deutlich besserer gesellschaftlicher Verhältnisse früher schon nicht mehr bekamen. Ich verweise an dieser Stelle darauf, dass die geringste Geburtenrate der BRD (1,28 Geburten/Frau) nicht etwa irgendwann in den letzten Jahren erreicht wurde, sondern 1985! Aber bereits zehn Jahre zuvor lag die Geburtenrate der BRD schon nur noch bei 1,45 Kindern pro Frau, also nur knapp über dem heutigen Niveau. Und dies unter viel besseren Bedingungen.

Schrot und Gründinger – Ernüchterung tritt ein

Wie, bei all den an junge Menschen gestellten, Aufgaben, sollen diese sich noch mit politischer Meinungsbildung oder -artikulation befassen? Nochzumal mit ihnen, wenn sie es denn tun, umgegangen wird, wie in Frankfurt am Main. Nur so ist zu verstehen, wie der Gewinner der Fernsehshow „Ich kann Kanzler!“, Jacob Schrot, zu der Einsicht gelangt: „Die Sendung hat meiner Generation ein Podium geboten, auf dem wir endlich zeigen konnten, was politisch in uns steckt. Das ist eines der größten Probleme, die wir haben: Wir werden nicht gehört, da es keine bundesdeutsche Interessenvertretung für die Rechte der Jugend gibt. Dabei haben wir in Deutschland eigentlich für alles einen Lobbyverein, aber keinen für die Interessen meiner Generation.“. Oder etwa Wolfgang Gründinger, Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, der sinngemäß sagt: Wann immer in der Hauptstadt um die alternde Gesellschaft und die Verteilung ihrer Lasten gerungen würde, säßen ausgerechnet diejenigen nicht mit am Tisch, die das ganze irgendwann zu schultern haben. Er ergänzt noch: „Die Jungen sind bei solchen Veranstaltungen nur die Praktikanten. Man spricht über uns, nicht mit uns.“. Ein Ende dieses Trends scheint nicht in Sicht. Gerade, da wir uns in Zeiten des Wahlkampfes befinden. Zu schwer wiegt das Rentnerpotential im Hinblick auf die Stimmabgabe. Die Frage ist nur, wann, wenn überhaupt, mit einem Wandel der politischen Priorisierung zu rechnen ist. Ich gewinne den Eindruck, dass dies erst passieren wird, wenn die Weichenstellungen der heutigen Zeit nicht mehr umkehrbar sind. Weder das Gros der heutigen Entscheidungsträger, noch die überwiegende Zahl heutiger Wähler werden diese Konsequenzen zu spüren bekommen. Die Politik wird einen Scherbenhaufen hinterlassen, den kommende Generationen aufkehren müssen. Und dies, unter sich weiter verschlechternden Bedingungen.

Im abschließenden Artikel zu meiner Reihe „Jugend ohne Lobby“ will ich mich den Forderungen der jungen Menschen zuwenden. Was muss geschehen, damit der Weg in die Gerontokratie nicht weiter fortgesetzt wird?, soll dabei die zentrale Fragestellung sein.

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Über Alexander(s)platz

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