Generation ohne Lobby (4) – Die Analyse

Die Situation der Jugend

Europa

Wie geht es denn den Jungen heute? Stehen uns tatsächlich alle Türen offen, weil wir händeringend von der Wirtschaft gesucht werden? Können wir nahezu alles werden, was wir wollen, Wohlstand anhäufen, in der gesamten Welt herumreisen, Familien gründen, wenn wir mögen?

Die Behauptungen Einiger gehen genau in diese Richtung. Wenn vor dem Hintergrund der Krise der europäischen Jugend (vor allem Südeuropas) dann noch darauf verwiesen wird, dass in Deutschland nur 8% der unter 25-Jährigen ohne Job sind, in Spanien oder Portugal jedoch rund 50%, dann macht sich tatsächlich das Gefühl breit, in Deutschland wäre es toll für junge Menschen.

Aber, gehen wir schön der Reihe nach. Zuerst einmal wurden die, aus deutscher Sicht nur zu gern verbreiteten Arbeitslosenkennziffern junger Menschen in Europa, mittlerweile längst entzaubert. So musste erst von Seiten einiger Medien darauf verwiesen werden, dass bei der, nicht mehr zeitgemäßen, Betrachtung von Jugend als Menschen unter 25 Jahren, viele Schüler oder Studenten gar nicht mitgezählt werden, da sie ihre Ausbildungen bis zum 25. Lebensjahr in der Regel nicht beendet haben. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass in der Gruppe der unter 25-Jährigen im Durchschnitt die Gut- oder Hochgebildeten so gut wie gar nicht vertreten sind. Dies gilt jedoch nicht nur für Südeuropa, sondern genauso für Deutschland. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es niemanden, der mit 25 bereits sein Studium beendet hatte. Berücksichtigt man nun, dass über die Hälfte der unter 25-Jährigen in Südeuropa eine Ausbildung machen oder studieren, dann belaufen sich die tatsächlichen Arbeitslosenquoten dieser Gruppe auf 20% (Spanien), 16% (Griechenland) und 10% (Italien). Auch wenn diese Zahlen deutlich zu hoch sind, fällt das Bild von Südeuropa, welches im Hinblick auf seine Jugend nahezu alles falsch gemacht hat, ein wenig zusammen. Dennoch ist das Problem gravierend und scheint sich eher zu verschärfen, als zu verbessern. Aus diesem Grund sind die von der Europäischen Union in Aussicht gestellten 6 Mrd.€ für die Jobgarantie junger Europäer auch ein blanker Hohn. Der Anteil jener Jobgarantie am gesamten EU-Haushalt (rund 142 Mrd.€ jährlich bis 2020) beträgt 2%. Den Briten wird, da sie angeblich nur wenig von der europäischen Agrarpolitik profitieren, seit 1984 ein Rabatt auf ihre Zahlungen an die EU gewährt. Dieser betrug zuletzt 3,6 Mrd.€ jährlich (!) und wird nun um 200 Mio.€ aufgestockt. Das bedeutet, dass die Briten bis 2015 (bis dahin gilt die Finanzierung besagter Jobgarantie) nun 7,6 Mrd.€ erlassen bekommen, nur aufgrund vermeintlich geringeren Profites hinsichtlich der Agrarpolitik. Des Weiteren ist unklar, wohin das Geld konkret geht. Denn die arbeitslosen Jugendlichen erhalten es nicht. Rechnet man die Summe pro Kopf herunter, entfallen auf jeden arbeitslosen Jugendlichen (schätzungsweise 6 Mio.) 1000€, in zwei Jahren. Soviel zu den Verhältnismäßigkeiten und dem Wert der jungen Menschen.

Katrin Albsteiger: „Es geht uns gut!“

Aber gut, mit diesen Probleme haben wir in Deutschland, glaubt man den Darstellungen der Politik, zum Glück nichts zu tun. Die immer wiederkehrenden Generationen-Labels „Generation Praktikum“ „Altersarmut“ oder „Burnout“ werden, zumindest für die deutsche Jugend, nur allzu gern ins Reich der Fabeln verbannt. So argumentiert beispielsweise die junge, aufstrebende CSU-Politikerin Katrin Albsteiger (geborene Polescher). In ihrer Reaktion auf die Piraten-Politikerin Katharina Nocum („Meine Generation hat keine Lobby„) beklagt Albsteiger, dass die dort geäußerte Sichtweise verstörend und beängstigend ideenlos sei. Sie vermisse die Unbekümmertheit der Jugend und die Fähigkeit, die Ärmel hochzukrempeln, statt zu meckern. Belege für ihre These „Es geht uns gut!“ sieht sie unter anderem in den Chancen junger Frauen in der Arbeitswelt – diese sind ungleich größer, als in der Mütter- oder Großmüttergeneration – sowie in den Bereichen Bildungsdurchlässigkeit, Aufstiegschancen und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der heutigen Zeit. Des Weiteren kann ihr eigener Karriereweg als Beleg angeführt werden. Seit 2003 Mitglied der Jungen Union in Bayern, bekleidete sie in den folgenden Jahren eine ganze Reihe wichtiger Positionen, bis sie 2011, als erste Frau überhaupt, zur Landesvorsitzenden der JU Bayerns gewählt wurde. Insofern könnte man ihr bescheinigen, dass ihre Ansichten und Forderungen zumindest ihre Entsprechung im eigenen Lebenslauf finden. Bei solcherlei Dingen bohre ich natürlich gerne nach und hinterfrage die Möglichkeiten, die jemand hat. Frau Albsteiger stammt aus Bayern, einem der reichsten Bundesländer, mit sehr geringer Arbeitslosigkeit. Beide Eltern haben Jobs, offenbar sehr gute, so dass existenzielle Fragen aller Voraussicht nach selten auf der Tagesordnung standen. Auch wenn Frau Albsteiger selber jobbte, ihren Auslandsaufenthalt zum Studium in Australien, wird sie sich kaum selber finanziert haben – zumindest nicht in Gänze. Was auch gern verschwiegen wird, ist dass ihr Vater Mitglied der CSU ist und über gute und langjährige Kontakte in die Partei verfügt. Selbstverständlich führen all diese Bedingungen nicht zwangsläufig zu einer derart exponierten Position, wie Albsteiger sie sich über Jahre erarbeitet hat. Aber, sie begünstigen eine solche Biographie ganz massiv. Von daher habe ich immer meine Schwierigkeiten, wenn junge Aufsteiger die eigenen Möglichkeiten und Verhältnisse als Maßstab anlegen und, im Umkehrschluss zu suggerieren versuchen, die Chancen wären für alle gleich, zumindest aber ähnlich. Ich schätze Albsteigers Ansichten, rufe ihr jedoch zu, sich mit der Lebenswirklichkeit ihrer Altersgenossen außerhalb des reichen Bayerns zu befassen. Ich bin sicher, dass ihr Bild einige Korrekturen erführe.

Nicht ganz der Realität entspricht auch Albsteigers Wahrnehmung der heutigen Bedingungen hinsichtlich Aufstiegschancen, Bildungsdurchlässigkeit oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Offensichtlich verdrängt Albsteiger Studien, die Deutschland im europäischen Vergleich immer wieder auf einen der letzten Plätze verweisen, wenn es um Aufstiegschancen im Beruf oder hinsichtlich der Bildung geht. Auch der Soziologe Michael Hartmann hat in seinen Schriften häufig nachgewiesen, wie sich Eliten in Deutschland immer wieder aus sich selbst rekrutieren und, Elitenfremden den Zugang verwehren, zumindest aber massiv erschweren. Auch die Behauptung der kinderlosen CSU-Politikerin, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei besser denn je, geht an der Realität vorbei. Als man den Ausbau der Kita-Betreuung beschloss, lag die Versorgung für unter 3-Jährige in den alten Bundesländern bei 8% (!), in den neuen, aufgrund der gänzlich anderen Geschlechterrollen in der ehemaligen DDR, bei rund 40%. Als man erkannte, dass der gesetzlich fixierte Anspruch auf einen Betreuungsplatz nicht im Ansatz für alle gewährleistet werden kann, erfolgte die Kehrtwende, vor allem befeuert durch die CSU, hin zu den Verhältnissen vor 50 Jahren, nämlich zum so genannten Betreuungsgeld. Auch hier decken sich Albsteigers Ansichten und die realen Bedingungen nicht. Gerade sie, deren Mutter offensichtlich seit jeher tätig war, müsste wissen, wie es tatsächlich darum bestellt ist. Aber, entweder hatten die Großeltern Zeit zur Betreuung, die Familie ergatterte einen der offensichtlich wenigen Kita-Plätze oder aber konnte sich eine private Betreuung leisten, da sie über die ökonomischen Möglichkeiten verfügt.

Nicht ohne Häme ergänze ich meine Antwort auf Frau Albsteigers Formulierungen noch darum, dass sie die „sozialromantischen Vollversorgungsphantasien“ vieler junger Menschen kritisiert, sich jedoch kürzlich vor allem ihre Parteigenossen in diesem Metier als besonders geschickt und erfolgreich erwiesen, wenngleich Albsteiger persönlich nicht betroffen ist.

Die Ausbildungssituation

Aber, bevor wir uns der beruflichen Situation der Jugend in Deutschland zuwenden, will ich noch einen Schritt zurückgehen und mich der Ausbildung widmen.

Im Jahr 2012 blieben in Deutschland insgesamt 33.000 Lehrstellen unbesetzt, weshalb nun unter anderem überlegt wurde, perspektivlosen südeuropäischen Jugendlichen, hier eine Chance zu geben. In Zeiten der Globalisierung grundsächtlich kein falscher Gedanke – Auslandsaufenthalt, das Lernen einer weiteren Sprache, dazu eben die Berufsausbildung. Aber, haben wir in Deutschland so wenig Jugendliche, dass derart viele Stellen unbesetzt bleiben? Oder sind, wie in der Darstellung der Jugend geschildert, einfach zu viele zu dumm oder faul, als dass sie für eine Ausbildung taugen? Die Gewerkschaften und die SPD kritisieren den Vorschlag der Bundesregierung, die Plätze mit spanischen Jugendlichen zu füllen. Zum einen heißt es, diese seien nur billige Lückenbüßer, deren Notlage ausgenutzt würde, zum anderen befänden sich in Deutschland rund 270.000 junge Menschen im Übergangssystem (z.B. Berufsvorbereitungen) und 76.000 weitere hätten im letzten Jahr keine Ausbildungsstelle finden können. Die Behauptung, diese könnten nicht alle ausbildungsunfähig sein, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Ein großes Problem scheint zu sein, dass sich die Bedingungen im Ausbildungssystem völlig verschoben haben – zu Ungunsten der Jugend. Konnte man früher noch (relativ) problemlos mit einem Haupt- oder Realschulabschluss eine Lehrstelle ergattern, wird heute für viele bereits das Abitur vorausgesetzt. Die Abiturienten sollen aber eigentlich, der Mangel an Hochqualifizierten wird ebenfalls permanent kritisiert, studieren. Und zwar möglichst immer mehr von ihnen. Da stellt sich dann die Frage, was mit den anderen Schulabgängern geschieht. Dürfen sie sich am Ende um die wenigen Ausbildungsrichtungen kabbeln, die nicht von Abiturienten besetzt werden oder gehen sie von der Schule direkt in die Langzeitarbeitslosigkeit über? In diesem Zusammenhang muss auch über die Entlohnung gesprochen werden. Wenn die Hartz-IV-Sätze ähnlich hoch oder höher, als Ausbildungsvergütungen sind, ist es wenig verwunderlich (wenngleich fragwürdig), dass viele Junge den Gang zum Amt vorziehen. Solche Fragen müssen beantwortet werden! Des Weiteren garantiert eine absolvierte Ausbildung, im Gegensatz zu früher, schon längst keinen Job mehr, schon gar keinen vernünftig entlohnten. Wer aus der Babyboomer-Generation hätte (bei vergleichbaren Lebensverhältnissen) sich früher für unter 4€ Stundenlohn als Frisörin anstellen lassen; wer wäre für unter 5€ in der Stunde putzen gegangen oder hätte für einen ähnlichen Lohn, womöglich seine Gesundheit im Wachschutz aufs Spiel gesetzt. Kaum einer!

Die Jobsituation

Nun gut, ich gebe zu, dass die Arbeitswelt nicht nur aus Frisören, Putzkräften und Wachleuten besteht. Aber, geht es den höher Gebildeten denn deutlich besser? Dieser Eindruck entsteht häufig, auch Frau Albsteiger versuchte diesen zu erwecken. Gute Bildung = guter Job = gute Perspektive. So könnte der Dreiklang lauten. Und tatsächlich, 2009 ergab eine Studie zu Einstiegsgehältern von Uni-Absolventen, dass diese im Schnitt bei 38.000€ brutto jährlich liegen. Knapp 40.000€, das klingt doch nicht schlecht. Und, es sind nur die Einstiegsgehälter! Schaut man jedoch auf weitere Kennziffern, erhält dieses positive Bild einige Risse. So geben 14% (!) der Befragten an, weniger als 30.000€ (Grenze für Grundsicherung im Alter) zu verdienen. Des Weiteren stößt man auf ein massives Ungleichgewicht hinsichtlich der einzelnen Branchen. Ich möchte diese nicht en detail darlegen, verweise jedoch darauf, dass die Bereiche Unternehmensberatung, Banken, Pharmazie und Chemie zu den Topbranchen gehören, die den Durchschnittsverdienst deutlich in den Höhe treiben, wenngleich die Branchen Gastronomie, Bau, Marketing oder Tourismus deutlich unter den Durchschnittswerten liegen. Die Gastronomie gehört im Übrigen auch zu jenen, die im Bereich der Berufsausbildung große Schwierigkeiten haben. Auch wenn Anita Blasberg feststellte, dass die 20-30-Jährigen im Schnitt rund 50% weniger verdienen, als die Babyboomer derselben Branchen, geht es einigen Akademikern finanziell also noch recht gut.

Generation Praktikum gibt es nicht? Doch!

Vor diesem Hintergrund werden selten Zahlen publik, über Akademiker, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln oder, trotz sehr guter Abschlüsse, die Bekanntschaft mit dem Arbeitsamt oder Zeitarbeitsfirmen machen. Ein Phänomen, dass es zu früheren Zeiten in dieser Form nicht gab. Da wird allerorten nach gut qualifizierten Fachkräften gerufen und dann ein großer Teil von ihnen prekarisiert. Denn, selbst wenn man einen Job findet, ist dieser einerseits zu 50% befristet, andererseits immer schlechter bezahlt. Auch wenn sowohl Frau Albsteiger als auch Frau Stephan die Generation Praktikum verleugnen, es gibt sie. Das ist Fakt. Ein großer Spiegel-Artikel, der besagter Generation 2010 zum 5. Geburtstag „gratulierte“, enthielt noch eine ganze Reihe Zahlen (zumeist von 2005 oder 2007), die belegten, dass sich die Absolventen zwar ausgebeutet fühlten, die Prekarität jedoch eher ein Randphänomen darstellte. Nur wenige Jahre später sehen die Zahlen jedoch anders aus. Die Boeckler-Stiftung fand heraus, dass 40% der Absolventen nach dem Studium mindestens ein Praktikum absolvierten, obwohl Praktika bereits Bestandteil des Studiums sind. 2005 hieß es in einer anderen Studie noch, dass nur 15% der Absolventen dies nach dem Studium taten. Entscheidend bei einem Praktikum ist jedoch letztlich, dass man etwas lernt, dass die Entlohnung stimmt und vor allem, dass man eine Perspektive hat. Auskunft über diese Aspekte gibt unter anderem der Praktikumsreport 2012 (Berliner Zeitung vom 17./18.11.2012). Danach waren zwar zwei Drittel der Befragten mit ihrem Praktikum zufrieden und äußerten sich positiv über das Unternehmen, aber einerseits lag der Durchschnittsverdienst der Befragten bei 290€(!) im Monat, was bei 22 Arbeitstagen einem Stundenlohn von 1,69€ entspricht, und andererseits wurden nur 22% von ihnen im Anschluss vom Arbeitgeber übernommen. Bei allen Durchschnittswerten ist zu betonen, dass 43% der Praktika unentgeltlich waren.

Ungleiche Bedingungen

Selbst wenn junge Absolventen am Ende einen Job ergattern, ist dieser in 50% der Fälle zunächst befristet. Eine Sicherheit ist dies nicht. Es kann ebenso bedeuten, dass man nach einem oder zwei Jahren wiederum auf Jobsuche gehen muss. Überall findet man die Einschränkung, dass es erhebliche Unterschiede zwischen den Branchen gibt, sowohl was die Häufigkeit von Praktika angeht, als auch im Hinblick auf Lohn, Perspektive (Befristungen) und Aufstiegschancen. Die klassischen Branchen scheinen von negativen Tendenzen noch relativ unberührt zu sein. In der Politik, dem Öffentlichen Dienst, der Industrie, Medizin, Juristerei, Unternehmensberatung oder der Pharmazie kann man als Akademiker noch gute bis sehr gute Gehälter kassieren und feste Anstellungen finden. Erst langsam, so sind viele Jobs in den Bundesagenturen für Arbeit zunächst auf ein oder zwei Jahre befristet (bei allerdings knapp 3000€ brutto, selbst für Quereinsteiger), finden auch dort zaghafte Flexibilisierungen statt. Auch im Bereich der Ingenieure, die ja angeblich in großem Stile fehlen, gibt es extreme Schwankungen in Lohn und Perspektive. Geisteswissenschaftler hingegen kommen kaum in den Genuss, perspektivisch zu planen, da ihre Stellen zu noch größerem Teil befristet und enorm prekär entlohnt werden. Ähnlich sieht es im Bereich der Dienstleistungen aus. Insgesamt verschlechtert sich die Lage für Akademiker auf breiter Front. Arbeitslosigkeit oder Zeitarbeit sind keine Fremdwörter mehr. Das hat es zu Zeiten der Babyboomer nicht gegeben. Was es seit 1970 auch nicht gab, waren Studiengebühren (siehe oben), wenngleich ich rund 250€ im Semester hingelegt habe (entspricht den damaligen Hörgeldern), Studenten anderer Bundesländer gar den doppelten Betrag. Viel mehr für Bildung zahlen und im Gegenzug viel weniger Sicherheit haben – so könnte die Quintessenz dessen lauten.

Verschärfte Anforderungen

Aber, wir zahlen nicht nur mehr für unsere Bildung und die, nach Möglichkeit, daraus resultierenden Jobs, sondern wir müssen heute weit mehr leisten, als dies früher der Fall war. Neben räumlicher und zeitliche Flexibilität, sind Fremdsprachen heute unabdingbar. Nur Englisch zu können, ist heute beinahe schon zu wenig. Auslandsaufenthalte sind in vielen Branchen nahezu Pflicht. Ein Freund von mir sagte einmal, dass er an sein Chemiestudium auf jeden Fall den Doktor anhänge, da „nur“ ein Diplom mit eins heute nicht ausreiche. Er ist bald fertig mit dem Doktor, wurde aber vor kurzem 33. Allein den technischen Bereich betreffend haben sich die Verhältnisse massiv geändert. Da will ich, beispielsweise Journalisten, noch nicht einmal mit Social Media behelligen, allein die Tatsache, dass man neben Office-Programmen (Grundvoraussetzung) vielleicht auch die Bildbearbeitung beherrscht und, das findet man heutzutage in jeder Online-Redaktion, den Begriff Content-Managment-System nicht exklusiv in die Informatik verweist, zeugen davon, was sich in den letzten Jahrzehnten alles verändert hat. Auch Lehrer sollen beispielsweise heute nicht mehr nur lehren, sondern teils Funktionen, die früher in der Familie situiert waren, übernehmen. Lehrer sind Sozialarbeiter, die immer seltener tatsächlich zu ihrem eigentlichen Auftrag kommen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ich plädiere dafür, den Babyboomern einiger Branchen mal Stellenausschreibungen von heute vorzulegen und sie zu fragen, welche der Anforderungen sie erfüllen würden. Ich behaupte, dass nicht selten ein Kopfschütteln die Antwort sein wird.

Und was ist das Ergebnis?

All diese Erkenntnisse haben letztlich Konsequenzen. Konsequenzen für unsere Gesundheit, auf unsere Familienplanung, auf unsere Konsummöglichkeiten, aber eben auch auf unsere Rente. Denn, wir erhalten, verglichen mit den Babyboomern, im Schnitt nicht nur geringere Löhne (bei größerer Brüchigkeit der Erwerbsbiographien), sondern wir müssen (die Preisentwicklungen lasse ich an dieser Stelle außen vor) von diesen geringeren Löhnen auch noch einen deutlich größeren Teil für unsere private Altersvorsorge investieren – und dies eben nicht erst mit Mitte 40, sondern nach Möglichkeit von Beginn des Berufslebens an. Das Faktum, dass die Armutsgefährdung bei den 18-25-Jährigen heute schon deutlich über der der Rentner liegt, habe ich bereits benannt. Die große Zahl der Senioren und ihre, nicht abklingen wollenden, Forderungen nach mehr Rente, führen nebenher noch dazu, dass die junge Generation dreifach belastet wird: 1. geringere Löhne, brüchigeres Erwerbsleben 2. größere Anstrengungen bzgl. privater Vorsorge 3. höhere Belastungen (z.B. Einzahlungen in Rente und Pflege) für die heutige Rentnergeneration.

Wie wir dies schultern sollen, erklärt uns niemand. Überhaupt entbrennen um die Fragen der Jugend selten solche Debatten, wie um die der Rentner. Bei der Anhebung des Rentenalters liefen viele Sturm, als Wehrpflicht und Zivildienst ausgesetzt, die Schulzeit verkürzt und die Studiengänge gestrafft wurden, so Anita Blasberg, also die Lebensarbeitszeit der Jungen um zwei bis vier Jahre verlängert wurden, war fast nichts zu vernehmen. Gegen den Vorwurf, wir bekämen zu wenige Kinder, vermeintlich, weil wir dies nicht wollten, wird viel zu selten ins Feld geführt, dass wir viel häufiger Fernbeziehungen führen als früher und, dass wir Jungen zu einem Drittel prekär beschäftigt sind. Was einheitliche Regelungen der Praktikagestaltung angeht, um beispielsweise Ausbeutung einen Riegel vorzuschieben, hat vor allem die ehemalige Bildungsministerin und Babyboomerin, Annette Schavan, die mittlerweile aufgrund eines Plagiats ihren Doktortitel verloren hat, immer abwehrend reagiert. Überhaupt zeigt sich, dass offenbar kaum jemand für die Jugend und ihre Sorgen ein offenes Ohr hat und schon gar nicht, sich zu deren Fürsprecher aufschwingt. Der Frage nach tatsächlicher Repräsentanz der Jugend gehe ich jedoch im kommenden Artikel nach.

Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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