Was ist Journalismus noch wert?

Ein Medien-Zeitalter ohne klassische Medien?

Wenn man regelmäßig Nachrichten schaut, hört, liest, kommt man um ein Thema nicht herum: Das Zeitungssterben bzw. die Veränderung der Medienlandschaft in Deutschland. Aufgrund der veränderten technischen Möglichkeiten, die sich durch die Verbreitung privat genutzten Internets ergaben, haben sich sowohl die Produktion als auch die Konsumption von Medien in den letzten Jahren deutlich verändert. So wurde beispielsweise vor einigen Jahren im so genannten „Bürgerjournalismus“ die Zukunft der Nachrichtenproduktion gesehen. Dies resultierte jedoch nicht nur aus den modernen Möglichkeiten, sondern auch aus verschiedenen Krisenherden bei klassischen Medien – hierbei seien die abnehmende journalistische Qualität von Nachrichten, Mängel in der Recherche, die sich teils in der bloßen Übernahme von Agenturmitteilungen widerspiegeln, aber auch die Verquickung von Journalismus und Lobbyismus sowie Journalismus und Politik zu nennen. Aber der Reihe nach.

Frankfurter Rundschau, Financial Times Deutschland, die Nürnberger Abendzeitung, die Westfälische Rundschau – die Liste der ausgestorbenen Zeitungen ließe sich erweitern. Dazu kommen die Insolvenz der Nachrichtenagentur dapd sowie Entlassungen bei der BILD-Zeitung, der WAZ-Gruppe oder dem Berliner Verlag. Dem Printbereich in Deutschland geht es mies. Es mehren sich jedoch die Stimmen, die die Hauptverantwortung dafür bei den Blättern selbst sehen: Sie haben den Sprung auf den Zug der Zeit verpasst, sich, bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Welt Kompakt) neuen Formaten verweigert, keine nachhaltigen Verwertungsmöglichkeiten im Internet kreieren und den Einbruch des Anzeigenmarktes nicht kompensieren können, hört man häufig. Diese Vorwürfe scheinen nicht ganz von der Hand zu weisen zu sein, wenngleich die Westfälische Rundschau zum Beispiel seit angeblich 30 Jahren Verluste eingestrichen hat. Da lässt sich schwerlich mit ungenutzten Möglichkeiten im Hinblick auf das Internet argumentieren. Ebenso schwierig ist es, gegen die mangelhafte Nutzung von Online-Verwertung zu wettern, dann jedoch für alle Seiten einen Werbe-Blocker im Browser zu installieren, um vor der Online-Variante des Anzeigenmarktes geschützt zu sein. Des Weiteren erscheinen Gängelungen mangelnder journalistischer Qualität bei gleichzeitiger Lob-Preisung neuer Formate ein wenig schizophren, zählt man einmal die Rechtschreibfehler in einer Ausgabe der Welt Kompakt. Ähnlich verhält es sich mit den Online-Präsenzen einzelner einstiger Qualitäts-Medien, wie Tagesspiegel oder Spiegel Online.

Neben orthographischen Schwächen, offenbaren die Artikel immer öfter eine schlechte Recherche und mangelnde Objektivität bis hin zur eindeutigen Parteinahme. Teils werden Korrekturen von Fehlern im Text, auf die die Redakteure durch Leser hingewiesen wurden, nicht als solche kenntliche gemacht. Neben der Themenwahl bzw. dessen, was heutzutage eine Nachricht Wert sein soll, lässt sich auch die Wahl der Quellen hinterfragen. Als Beispiel möge hier der Wikipedia-Artikel zum ehemaligen Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl-Theodor […] zu Guttenberg dienen, dem eine Person einfach einen weiteren Vornamen, nämlich Wilhelm, hinzufügte. Dieser fand sich am folgenden Tag beim Handelsblatt, der Rheinischen Post, Spiegel Online und gar heute.de wieder. Aber auch die BILD, das RTL Nachtjournal, die SZ und die taz saßen diesem Spaß auf. Ein Spaß, der tief blicken lässt.

Wikipedia – zentrale Quelle des Qualitätsjournalismus? Ohne die Seite, vor allem die Arbeit der Personen dahinter, in ein schlechtes Licht rücken zu wollen – beim Erstzugang zu Fremdwörtern oder Begriffen bzw. Personen habe ich im Studium auch zumeist auf Wikipedia zurückgegriffen – kann es nicht sein, dass diese einzige Quelle ist und die dortigen Informationen keiner weiteren Prüfung unterzogen werden. Das steht Qualitäts-Journalisten, vor allem jenen, die in Folge des Print-Niedergangs versuchen, dessen Wert für die Gesellschaft besonders zu betonen, mehr als schlecht zu Gesicht. Aber nicht nur an diesem Beispiel zeigt sich, dass Anspruch und Wirklichkeit im Qualitäts-Journalismus leider häufig auseinanderdriften. Mangelnde Objektivität in der Berichterstattung ist eines, die offene Parteinahme für eine Position, Person oder Partei hingegen das Andere. Sicherlich stöhnen einige nun auf, wenn ich von Qualitäts-Journalismus schreibe und einen Vorgang bei der Bildzeitung folgen lasse. Dennoch die BILD ist, trotz deutlichen Rückgangs, noch immer die auflagenstärkste, und damit eine der meinungsstärksten Tageszeitungen Deutschlands. Aus diesem Grund muss sie sich ihrer besonderen Verantwortung bewusst sein. So ist die Wahlempfehlung, die am 27.10.2004 für den republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten, George W. Bush ausgesprochen wurde, aus persönlicher Sicht schwer nachvollziehbar. Aus Sicht von Journalisten hingegen ist dieser Schritt verheerend, gibt er doch nahezu alle Motive und Ansprüche des Qualitäts-Journalismus auf: Unabhängigkeit (z.B. von Politik), Objektivität, Pluralität der Meinung und die Kontrollfunktion. Schlimmer geht es kaum.

Allerdings ist dies nur ein Beispiel für das Schwinden journalistischer Motive. Es lassen sich weitere, bedeutend aktuellere dafür finden. So ging das Foto vom FDP Bundesvorsitzenden, Wirtschaftsminister und Vizekanzler, Philipp Rösler, der auf seiner Reise ins Silicon Valley den Chefredakteur der BILD-Zeitung, Kai Diekmann, sehr freundschaftlich umarmt, durch die Presse. Wenngleich betont werden muss, dass das Echo darauf in Foren und Blogs deutlich kritischer ausfiel, als in Zeitungen und ihren Online-Präsenzen. „Amy&Pink“ schreibt ganz deutlich und zu Recht, dass sich die deutsche Politik (und Gesellschaft) nur allzu gern über chinesische oder russische Zensur oder ganz aktuell das amerikanische Spionage-Netzwerk PRISM echauffiere, wenngleich auch in Deutschland keine klare Trennung zwischen Medienvertretern und Politik zu existieren scheint. Die Schwierigkeit ist jedoch, dass diese Trennung seit vielen Jahren aufgehoben, zumindest in Erosion begriffen scheint. So kann beispielsweise der Wechsel des ehemaligen Tagesschau-Sprechers, Steffen Seibert, von der ARD in die Bundesregierung, genauer in die Position des Regierungssprechers ähnlich gedeutet werden. Vor allem, wenn man die Begründung seiner Entscheidung liest: „Er zeigte sich überzeugt, dass die Bundesregierung unter Führung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die richtigen Schwerpunkte setze, um dem Land in schwierigen Jahren eine gute Zukunft zu sichern.“. Beim Lesen dieser Zeilen beginnt man zu hinterfragen, wie Seiberts bisherige Vorstellung unabhängigen Journalismus ausgesehen hat. Es existiert jedoch nicht nur der Trend, dass Journalisten in die Politik (im weitesten Sinne) gehen, sondern auch umgekehrt. So bekleidete Seiberts Vorgänger und vermeintliches CSU-Mitglied, Ulrich Wilhelm, von 2005 – 2010 Regierungssprecher, im Anschluss den Posten des Intendanten beim Bayrischen Rundfunk. Fragen nach der Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Senders von der Landes- und Bundespolitik sind daher durchaus angebracht.

Verschärft wird die Problematik der Gewaltentrennung durch den grassierenden Lobbyismus. Der Artikel „Bestellte Wahrheiten“ befasst sich intensiv mit dieser Frage und kommt zu Besorgnis erregenden Erkenntnissen, hinsichtlich der bewussten Des-Information, der Diskreditierung konträrer Meinungen und Meinungsträger, der bewussten Streuung von, den eigenen Zielen dienlichen, Informationen sowie der Einflussnahme auf Journalismus und Politik. Jeder, der erhebliche Zweifel an der Gewaltentrennung hegt, findet sich in diesem Artikel bestätigt.

Wie eingangs erwähnt, sahen viele bereits vor Jahren im so genannten „Bürgerjournalismus“ eine Lösung dieser Probleme bzw. gar eine Ablösung des klassischen Journalismus. Die einstige Euphorie scheint jedoch verpufft. Natürlich wächst die Zahl von Blogs noch immer, haben immer mehr Bundesbürger eine private Website, recherchieren Themen selbstständig oder versuchen mit Inititativen gar politische Prozesse in die Wege zu leiten oder diese zumindest kritisch zu begleiten. Eine Studie, auch wenn diese bereits einige Jahre zurückliegt, erbrachte jedoch Belege dafür, dass es hinsichtlich der Intentionen und des Selbstverständnisses zwischen „Bürgerjournalisten“ und professionellen Journalisten eindeutige Unterschiede gibt. So ergab sich, dass es zumeist eine sehr persönliche Relevanz hinsichtlich der Themenwahl gibt. Viel deutlicher zu Tage treten die Unterschiede im Hinblick auf die Motive. Da erfährt man, dass Bloggern am wichtigsten ist, Gefühle, Erlebnisse und Ideen festzuhalten (Platz 1.), ihre eigene Meinung zu etwas zu veröffentlichen (Platz 2.) und Kritik an Fehlentwicklungen und Missständen zu üben (Platz 3.). Deutlich weniger wichtig hingegen ist es, komplexe Sachverhalte zu erklären und zu vermitteln bzw. andere neutral und rasch über aktuelles Geschehen zu informieren. Vor allem letztgenannte Motive sind jedoch zentral für professionellen Journalismus. Darüber hinaus, so klingt es auch in der Studie kritisch an, findet der Begriff „Bürgerjournalismus“ ohnehin recht inflationären Gebrauch. Einige Medien setzen auf vermeintliche Bürgerjournalisten, aber eben nicht, um einen tatsächlichen informativen Mehrwert zu erhalten, sondern um menschlichen Voyeurismus zu befriedigen. Nur so lassen sich die vielen Aufrufe, Fotos und Videos von vermeintlich Interessantem zuzusenden, deuten. In der Regel, da sie eben keinem übergeordneten Ziel folgen, hält sich die Qualität solcher journalistischen Beiträge sehr in Grenzen. Wenngleich die Resonanz der Bürger groß ist. Ihnen wird suggeriert, Teil dieser großen Medienmaschinerie zu sein und persönlich Anteil daran zu haben, was den Zuhörern oder Zuschauern mitgeteilt wird. Die Studie kommt jedoch klar zu dem Schluss, dass die so genannte Laienpublizistik kein neuer Journalismus sei, sondern lediglich eine neue Form der Veröffentlichungskultur darstelle.

Aber, was nun? Die Zeitungen gehen ein, die Online-Präsenzen sind nicht up-to-date, die Bürgerjournalisten fallen als Äquivalent zum klassischen Qualitäts-Journalismus aus. Wer bleibt? Professionelle Journalisten.

Es ist korrekt, den Wert von Informationen in der heutigen Zeit hervorzuheben. Weiterhin richtig ist es, zu betonen, dass Informationen qualitativ hochwertig aufgearbeitet sein sollten, um unverfälscht den Konsumenten zu erreichen, so dass dieser sich eine Meinung bilden kann und nicht auf vorgefertigte Meinungen angewiesen ist. Von daher ist David Böckings Artikel, im Zusammenhang mit der Einstellung der FTD sehr dienlich, zeigt jedoch, auch wenn er seine fehlende Unabhängigkeit zu Beginn direkt einräumt, nur wenig Selbstreflektion und Selbstkritik. Zu Recht benennt er das Faktum, dass das Informationsangebot ärmer wird. Völlig korrekt ist auch der Einwand, dass Konsumenten immer öfter wissen wollten, woher ihr Kaffee oder ihr T-Shirt stammten, dies bei Nachrichten jedoch nicht der Fall sei. Ebenso richtig sind die Hinweise, dass das Gros der Online-Nachrichten noch immer von klassischen Redaktionen produziert würde und, dass es Google News noch nie gelungen sei, einen Minister zu stürzen oder einen Unternehmensskandal aufzudecken. Er beschließt seine Bestandsaufnahme mit der Feststellung, guter Journalismus, der seine Aufgabe erfüllt, koste eben Geld. Sehr richtig! Aber genau da fangen die Probleme, denen sich Böcking nicht zuwendet, an: Warum werden Online-Journalisten schlechter bezahlt, als ihre Kollegen aus dem Print-Bereich des gleich Unternehmens? Wundert sich der Konsument am Ende zu Unrecht über schlechte Recherche, ausbleibendes Redigieren und Rechtschreibfehler? Wie kann es sein, dass der Wert von qualitativ aufbereiteten Informationen mantra-artig betont wird, in den Redaktionen vieler Agenturen und Zeitungen dann jedoch Praktikanten, Studenten und Volontäre (alle entweder gar nicht oder schlecht bezahlt) den Großteil der Arbeit übernehmen? Auch wenn diese eine gute Qualität liefern, werden über kurz oder lang Unterschiede zu langjährigen Qualitäts-Journalisten zu erkennen sein. Vor allem, wie kann man das Konzept der Huffington Post, welches vor allem unentgeltliches Bloggen und das Verlinken auf bereits bestehende Artikel vorsieht, parallel dazu kritisieren? Es ist doch in Deutschland längst Realität. Warum kehren immer mehr Journalisten ihrem Metier den Rücken und machen lieber PR oder wechseln gar gänzlich die Seiten, hin zur Politik oder schlimmer noch, in den Lobbybereich? Sind sie selber nicht von ihrer Arbeit überzeugt? Verdienen sie derart schlecht? Sind sie einfach nicht idealistisch genug?

Selbstverständlich lösen Antworten auf diese Fragen nicht die Krise des Printbereiches in Deutschland. Im Hinblick auf neue Formate (haptisch, wie digital) und die Generierung neuer Einnahmen haben viele Verlage einige Jahre schlichtweg verpennt. Dies müssen ihre Mitarbeiter momentan teuer bezahlen. Die Transformation zu äquivalenter Qualität im Online-Bereich wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, ebenso die Modernisierung hinsichtlich der Finanzierung. Davon unberührt sind jedoch obige Fragen, da sie sich mit dem Selbstverständnis eines Qualitäts-Journalisten befassen. Leider werden gerade diese, besonders von Journalisten, immer wieder bei einer Analyse ausgeklammert. Ich kann jedoch nicht die Qualität professionellen Journalismus wie eine Monstranz vor mir hertragen, dann, in der alltäglichen Arbeit, jedoch immer wieder am eigenen Anspruch scheitern. Natürlich ist gerade das Tagesgeschäft sehr stressig und schnelllebig, so dass Fehler eine logische Konsequenz sind, aber ihre Zahl und ihre Tragweite haben in den letzten Jahren ein erträgliches Maß deutlich überschritten. Weiterhin möge jeder Qualitätsjournalist, der sich nicht mehr Motiven wie Unabhängigkeit oder Objektivität verpflichtet fühlt, die eigene Berufswahl hinterfragen. Darüber hinaus muss intensiv geprüft werden, was heutzutage noch eine Nachricht wert ist. Muss ich seitenweise (ich meine nicht im Boulevard) über Kim Kardashian, Michael Wendler oder die Geissens berichten, wenn parallel dazu neue Erkenntnisse hinsichtlich Armut oder Ungerechtigkeit ans Tageslicht gelangen? Muss ich nicht viel stärker Fakten recherchieren und kontrollieren, wenn ich zusammengestellte Informationen von Unternehmen, Verbänden oder Parteien erhalte? Bei einigen Journalisten drängt sich der Eindruck auf, als beweihräucheren sie sich und ihre Arbeit, erkennen nicht, dass aufgrund gewisser Überheblichkeit die Qualität zuletzt litt, sondern schieben die Schuld lediglich auf andere (Verlage, Konsumenten, Inserenten) und vermitteln so den Eindruck, als arbeiten sie ähnlich akribisch, unabhängig und mit denselben Motiven und Ansprüchen wie noch vor Jahrzehnten. Unabhängig der weiteren Entwicklungen sollte jeder Journalist sich hinterfragen, was ihm seine Arbeit wert ist.

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Über Alexander(s)platz

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