Verantwortung? Ja, aber bitte die Anderen fragen!

Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch. 76 Tote, viele Verletzte und Vermisste. Ein Dach war zusammengebrochen. Es war nach Mitternacht. Dennoch waren noch viele hunderte Näherinnen in dem neunstöckigen Gebäude.

Hm, das habe ich doch vor kurzem in den Nachrichten gesehen, mögen einige jetzt denken. Ja, richtig. Der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch war Thema. Allerdings handelt es sich bei diesen Schilderungen um das Jahr 2005, nicht 2013. Dennoch erscheint es wie eine Kopie. Und eigentlich ist es auch eine. Die aktuellen Ereignisse in einem Vorort Dhakas haben dieselben Ursachen, leider ist der Blutzoll, den die Bevölkerung erbringen muss, in diesem Jahr deutlich höher, als acht Jahre zuvor.

Auch damals, so schrieb der Daily Star, hätten besorgte Näherinnen die Fabrikleitung auf Risse in den Wänden aufmerksam gemacht, nur wenige Stunden vor dem Unglück. Auch damals argumentierte das Management, man hätte eine Deadline einzuhalten und könne sich nicht um soetwas kümmern. Leider wurde die Deadline tatsächlich erreicht, nur nicht wie geplant. Reporter, die Bangladesch damals bereisten, hatten herausgefunden, dass die Fabrik in sumpfigem Gelände errichtet worden war. Weiterhin sah die Gebäudekonstruktion lediglich vier Etagen vor. Die fünf weiteren kamen im Laufe der Jahre einfach hinzu. Eine Genehmigung für den Bau habe nie vorgelegen. Verheerend ist, dass es sich in keiner Weise um Einzelfälle handelt.

Einem interessanten Artikel ist zu entnehmen, dass Bangladesch nicht seit jeher die Textilhochburg heutiger Tage war. 1977 gab es im gesamten Land lediglich acht (!) Fabriken. Der Boom folgte in den 80er Jahren. Heute existieren rund 3300 Fabriken im Land, in denen 1,6 Mio. Menschen direkt beschäftigt sind. Mit Zulieferern und Zwischenhändlern steigt die Zahl auf rund vier Millionen. 76% des Gesamtexportes Bangladeschs entfallen auf die Textilbranche. So holt das Land Devisen ein. Die Fabrikbesitzer stammen aus den (teils ehemaligen) Eliten des Landes: Politik, Militär und Verwaltung. Weder sie noch der Staat haben ein Interesse an besonderem Schutz der Arbeiterinnen. 161 Mio. Menschen leben mittlerweile in Bangladesch. Zynischerweise ist festzustellen, dass das Arbeitskräftepotential nahezu unerschöpflich ist. Entsprechend wird in Lehnsherren-Manier verfahren. Arbeitsverträge gibt es keine, Brandschutz in den Gebäuden ebensowenig. Es existieren keine menschenwürdigen Arbeitsbedingungen, es kommt häufig zu sexuellen Übergriffen. Forderungen der Arbeiterinnen werden übergangen, wenn sie zu aufmüpfig werden, werden sie entlassen. Es gibt zwar gesetzliche Regelungen sowohl hinsichtlich der maximalen Wochenarbeitszeit (60 Stunden, mindestens 1 Tag frei) und des Lohns (14€ ungelernt, 35€ gelernt im Monat), aber diese werden weithin ignoriert. Die Realität zeigt, dass der Durchschnittslohn bei Ungelernten bei 12,50€ und bei Gelernten zwischen 28 und 34€ im Monat liegt. Die Wochenarbeitszeit klettert zumeist auf 90 – 100 Stunden. An sieben, nicht an sechs Tagen, selbstverständlich. Grund ist, dass die Mieten in Dhaka zwischen 8 – 30€ für selbst kleinste Zimmer oder Wohnungen liegen. Bei den genannten Verdiensten sind die Näherinnen auf Überstunden angewiesen. Und diese werden ihnen „generös“ gewährt.

Und 2013? Die aktuellen Ereignisse verdeutlichen, wie wenig sich offenbar getan hat. Mehr als 1100 Opfer sind zu beklagen, mehr als doppelt so viele Verletzte. Nun jedoch, soll sich etwas ändern. Der internationale Gewerkschaftsbund sagt: „Dies ist der Wendepunkt!“. Wirklich? Ist diese Vorstellung nicht reichlich naiv? Natürlich, es soll dieses ominöse Abkommen geben, welches die Fabriken vor Ort, NGO’s, Gewerkschaften und die produzierenden Unternehmen unterzeichnen. Der Inhalt steht allerdings noch nicht zu 100% fest. Fraglicher ist ohnehin, wie er am Ende umgesetzt wird. Einerseits hat es bereits 2005 umfassende Berichte verschiedener NGO’s sowie deutscher Gewerkschaften zu den Arbeitsbedingungen in Bangladesch gegeben – vor allem im Sportartikel-Bereich wegen der damals anstehenden Fußball-WM im eigenen Land. Offensichtlich sind diese jedoch auf keinerlei fruchtbaren Boden gefallen. Zumindest lassen die aktuellen Geschehnisse dies vermuten. Weiterhin haben ja vor allem die amerikanischen Textil-Anbieter (GAP und Walmart) das Abkommen bereits im Vorfeld boykottiert. Walmart behauptet, man würde in den 279 (!) eigenen Fabriken auch eigene Kontrollen durchführen.

Nun brachte das ARD-Magazin Monitor kürzlich einen Beitrag zum Thema Kontrollen in den Textilfabriken Bangladeschs. Aber nicht etwa von firmeninternen Kontrolleuren, nein, vom deutschen TÜV. Ja, eben jener TÜV, der für Verlässlichkeit und Qualität steht. Und dies bereits seit Jahrzehnten. In einem eigenen Werbespot heißt es: „Was sind das eigentlich für Menschen, die am Vormittag Teddybären auf flammende Kinderliebe testen und am Nachmittag Kickboards auf ihre Standfestigkeit checken? Sagen wir, es sind fürsorgliche Techniker, die ihren Job durchaus wörtlich nehmen. – TÜV, das heißt: Technischer Überwachungsverein.“ Und dieser TÜV vergibt Siegel, die die Unbedenklichkeit eines Artikels hinsichtlich der Produktionsbedingungen bescheinigen. Auf diese Weise hat auch der deutsche Verbraucher die Möglichkeit, ein Produkt zu erwerben und parallel das schlechte Gewissen zu beruhigen. Jedoch erhält die überwiegende Zahl der Fabriken Bangladeschs dieses TÜV-Siegel, auch jene, die gerade einstürzte. Wie passt das zusammen? Muss man sich auch hierzulande Sorgen um die deutsche Gründlichkeit und Qualität machen?

Das weniger. Man muss sich vor Augen führen, dass auch der TÜV Geld verdienen will. So wundert es nicht, wenn ein Mitarbeiter zugibt, dass 70% der Kontrollen vorher angekündigt sind, bei weiteren 15% zumindest der Zeitraum eingegrenzt wird. Da sehen natürlich viele Fabriken so aus, dass sie zumindest das Siegel erhalten. Allerdings lassen diese Praktiken auch nicht vermuten, dass die Kontrolleure mit letzter Konsequenz vorgehen. Da das Geld verdienen im Zentrum dieser Tätigkeiten stehen, ist die Unabhängigkeit der Experten ebenso zu hinterfragen. Andererseits besteht natürlich die Gefahr, dass Fabrikbesitzer den TÜV nicht mehr für Kontrollen engagieren, wenn dieser durch Mängellisten ihre Kosten permanent steigen lässt. Dann findet sich sicher jemand anderes, der noch ein halbes Auge mehr zudrückt, als es der Deutsche TÜV tut.

Und wir Verbraucher? Tja, eigentlich sind wir auf seriöse Siegel und Label bei unseren Kaufentscheidungen angewiesen. Andererseits muss Menschen, die glauben, ein Pullover für 3€ sei unter fairen Bedingungen produziert worden, entweder eine grenzenlose Naivität oder Ignoranz bescheinigt werden. Ich unterhielt mich mal mit einer Bekannten, die in einem KIK-Laden die Leitung inne hatte. Diese sagte mir, dass dieser 3€-Pullover im Einkauf 10 Cent (!) kosten würde. Der Gewinn beläuft sich auf 2,90€ pro Pullover. Aber nicht nur KIK ist zu nennen. Ich schaue auch immer wieder verwundert, warum ich bei Kaufland oder Real Schuhe, Fernseher oder Gartengeräte kaufen können muss, sprich: Warum es einen Non-Food-Bereich geben muss. Das ist nämlich eine weitere der mehrseitigen Medaille: Unser Konsumverhalten.

„Geiz ist geil!“ – so tönt es mittlerweile seit Jahren aus unseren Fernsehern und Radios. Und wir Deutschen freuen uns darüber. Alles, was uns in unserer eigenen Produktion (z.B. Autos) auszeichnet, nämlich Präzision, Qualität und Zuverlässigkeit, werfen wir beim Kauf von Artikeln mittlerweile immer öfter über Bord. Nur der schmale Taler zählt. Service-Leistungen interessieren uns doch nur, wenn wirklich mal etwas kaputt geht, aber eigentlich sind diese lästig, weil sie Geld kosten. Und dieses benötigen wir doch, um den neuen Flat-Screen, der alte ist in der Diagonale ja zehn Zentimeter kleiner, kaufen zu können. Wir benötigen auch keine Verkäufer, die wirklich Ahnung von den Produkten und ihren Details haben. Wir lesen im Internet selber nach. Oder wir stören uns nicht daran, dass der Fernseher oder Computer den ein oder anderen Schnick-Schnack doch nicht hat. Das nächste Gerät ist ja schon in Planung. Da wird dann beim Kauf darauf geachtet. Weshalb stellen die einen bestürzt fest, dass immer mehr Einzelhändler in den Bereichen Elektronik oder Textilien nicht überleben? Dort, wo die Preise zwar etwas höher waren, allerdings noch Service und eine gewisse Familiarität beim einkaufen herrschten. Tja, weil der Verbraucher, denn er kreiert die Nachfrage, dies offenbar nicht mehr wünscht. Und so werden die kleinen Geschäfte weiter eingehen, die Zahl großer Malls hingegen steigen. Und auch dort werden beinahe ausschließlich große Unternehmens-Ketten vertreten sein, aber immer weniger Einzelhändler.

Und diese Unternehmen wollen dasselbe, wie ihre Kunden: Geld sparen. Von daher werden sie auch zukünftig daran interessiert sein, so billig wie möglich produzieren zu lassen. Werden Fabriken ins Ausland verlegen, Arbeitskräfte auch in Deutschland abbauen. Zurück bleiben mehr Arbeitslose in den betroffenen Branchen und eine geringere Kaufkraft. Diese hat wiederum zur Folge, dass mehr Menschen in Deutschland genötigt sind, günstig bis billig einzukaufen. Und dieser Umstand steigert die Nachfrage nach billigster Produktion zum Beispiel in Ländern wie Bangladesch.

Die Devise kann daher nicht lauten: Abkommen zwischen Unternehmen und Fabriken sowie NGO’s und Gewerkschaften zu schließen. Man glaubt nämlich gar nicht, was rein rechtlich in Bangladesch alles schon möglich ist: Neben dem gesetzlich fixierten Mindestlohn und der Maximalarbeitszeit dürfen die Arbeiterinnen seit Jahren bereits Gewerkschaften gründen. Allerdings ist nur 1% von ihnen gewerkschaftlich organisiert. Von daher sind die Ankündigungen, die Gründungen unabhängiger Gewerkschaften zuzulassen, in ihrer Wirkung mehr als fraglich. Es ist begrüßenswert, wenn der gesetzliche Mindestlohn steigt, jedoch hat auch dessen Fixierung bisher nicht verhindert, dass Arbeiterinnen darunter entlohnt wurden. „Papier ist geduldig“, heißt es nicht umsonst. Denn, wer kontrolliert die Umsetzung der Maßnahmen? Weder den Fabrikbesitzern, noch der lokalen oder gesamtstaatlichen Politik kann dabei getraut werden. Nichtmal dem deutschen TÜV lässt sich ein einwandfreies Handeln bescheinigen. Ja, NGO’s und Gewerkschaften blieben noch. Beide haben es natürlich schwer, vor allem vor Ort. Nach Angaben von Verdi kamen im Jahr 2002 weltweit mindestens 213 Gewerkschafter ums Leben, über 1000 wurden verletzt. Es gab mehr als 2.500 Verhaftungen und gar 89 Gefängnisstrafen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Zahlen bei Mitarbeitern von NGO’s ähnlich sind. Damit bleibt eigentlich nur einer übrig: Der Konsument.

Wir müssen uns fragen lassen, ob wir in jedem Zimmer einen Flat-Screen brauchen. Wir müssen uns fragen lassen, ob wir die Sportschuhe, die im Discounter 10€ kosten und im Anschluss neben fünf anderen Paaren im Schrank ihr tristes Dasein fristen, unbedingt kaufen müssen. Wir müssen uns fragen lassen, warum wir das Fahrrad im Supermarkt kaufen, ohne Beratung, häufig ohne Garantie. Unsere Kaufentscheidung ist das wirksamste Mittel, gegen solcherlei Ausbeutung vorzubeugen. Nun mögen einige aufschreien, wie ich von einem Hartz-IV-Empfänger erwarten könne, dass er seine Kaufentscheidungen nicht in erster Linie vom Preis abhängig macht. Ich verstehe den Einwand durchaus und erkenne die Prise Zynismus hinter meiner Forderung, aber ich habe einfach öfter erlebt, dass in Wohnungen nicht vieles vorhanden ist, jedoch ein dicker Fernseher und eine Spielkonsole vom Discounter. Das lässt mich schon fragend zurück. Weiterhin sollten gerade Menschen, die tagtäglich spüren, was Armut und Prekarität bedeuten, wissen, welchen Produktionsbedingungen sie mit ihrem Kauf zustimmen. Es könnte ja die groteske Situation entstehen, dass man ein Produkt kauft, welches einen selbst einmal den Arbeitsplatz gekostet hat, weil dieser aus Gründen der Gewinnmaximierung ins Ausland verlegt worden ist. Wenngleich ich jedem Konsumenten diese Verantwortung übertrage.

Des Weiteren sehe ich ein anderes Problem als dringlicher an: Transparenz. So glaubt man häufig, dass ein hoher Kaufpreis darauf hindeutet, dass ein Produkt unter menschenwürdogen Bedingungen entstanden ist. Ein hoher Kaufpreis bedeutet jedoch nicht, dass die Produktion auch deutlich teurer und somit unter faireren Bedingungen von Statten ging. Neben den für vermeintliche Qualität bürgenden Labels fällt auch der Kaufpreis als Indikator für menschenwürdige Arbeit aus. Der einzige Unterschied zu Billigpreisen ist häufig nur, dass die Gewinnspanne größer ist. Demnach sollte die Arbeit von NGO’s und Gewerkschaften vielleicht eher im Bereich der Aufklärung, der Schaffung von Transparenz liegen, so dass wir Verbraucher erfahren, wer nicht nur teuer verkauft, sondern wer tatsächlich auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen setzt.

Vor allem jedoch müssen wir Konsumenten realisieren, dass in einer globalisierten Welt eine Kaufentscheidung weitreichende Konsequenzen hat – für die Menschen u.a. in Bangladesch, aber auch für uns selbst. Bestätigen und rechtfertigen wir diese Form der Billigst-Produktion durch unseren Kauf immer wieder, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn wir eines Tages ohne Job dastehen, weil dieser zum Beispiel nach Bangladesch verlegt worden ist.

Empfehlung: Kampagne für saubere Kleidung

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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