Geschmacklos, nicht verdammt lecker!

Neulich Abend, der Fernseher lief nebenher, landete ich zufällig auf Cochones-TV, also DMAX. Auf einen Bericht über einen Grill-Wettbewerb folgte die Sendung „Verdammt lecker – Nachschlag für Adam Richman„. Eine Sendung, die mir bereits vor einiger Zeit auffiel, die ich glücklicherweise verdrängt hatte. Nun durfte ich mir neuerlich ein Bild machen, wie wenig „verdammt lecker sein“ mit Genuss zu tun haben muss.

Zur Sache: Adam Richman bereist im Auftrag des Travel Channel in 89 Episoden und 19 Spezial-Folgen die USA – klar, außerhalb der Vereinigten Staaten von Kulinaristan gibt es ja auch nichts Vernünftiges zu beißen – um verschiedenste Köstlichkeiten amerikanischer Restaurants vorzustellen. Angeblich suche er die leckersten Burger, Pizzen, Burritos, Steaks und Sandwiches. Deren Zubereitung soll dargestellt werden, um zu zeigen, wie verdammt lecker es sein muss, diese Dinger am Ende in den Mund zu stecken. Den krönenden Abschluss einer jeden Folge bildet die so genannte Challenge, ein Versuch, sich mit dem Verzehr der Maaaaaxi-Ausgabe eines Gerichtes in die Rekordliste des jeweiligen Restaurants einzutragen. Ich hinterfrage den Sinn von Rekordlisten in Restaurants an dieser Stelle einfach mal nicht.

Nun war Adam Richman in der Sendung, die ich sah, in Albuquerque, konkret im „K & I Diner“, in dem die dortige Spezialität, ein Riesen-Burrito, vorgestellt wurde. Knapp 3,5 Kilo sollte dieses Gebilde, dieser Berg aus gefüllten Tortillas, Rindfleisch, Chilisauce, Würtschen und Cheddar am Ende wiegen. Begraben wurde diese Magen-Herausforderung dann noch unter einem Riesenhaufen Pommes. Nachdem der Kulminations-Punkt der Sendung ausschweifend inszeniert wurde, wurden die Kombattanten vorgestellt – ein Student, der bereits einmal an der Herausforderung gescheitert war, ein Bullenreiter und ein Familienvater. Irgendwie, es soll ja um die Vorstellung von Essen gehen, wurde dann zwischendrin schnell eine Zimtschnecke zubereitet, deren Rezeptur jedoch nicht verraten wurde, da sie ein Geheimnis sei. Klasse! Soviel dazu. Zumindest suggierte Richmans Gesichtsausdruck, dass sie wahnsinnig lecker, Entschuldigung, verdammt lecker gewesen sein muss. Aber darum ging es ja auch nicht.

Die Beschreibung: „Am Ende einer Folge stellte sich Richman einer besonderen Herausforderung.“ spottet dem, was man zu sehen bekommt. Die Challenge umfasst alles in allem mindestens die Hälfte der 22-minütigen Sendezeit, auch vergeudete Lebenszeit genannt.

Da werden die drei Mampf-Monster in Begleitung von Cheerleadern in das Restaurant geführt, wo bereits eine grölende, geifernde Masse, sowohl an Essen (dieses allerdings stumm), als auch an Menschen auf sie wartet. Die Drei nehmen Platz und haben dann eine Stunde Zeit, den „kulinarischen“ Mount Everest zu besteigen. „Man versus Food“ ist nicht umsonst der Originaltitel der Sendung. Am Ende soll keiner der Drei erfolgreich sein, nichtmal im Ansatz bewältigen sie ihre Aufgabe. Und das ist auch richtig so!

Denn, warum essen wir? Aus Hunger. Aus Genuss. Manche leider aus krankhaften Gründen. Andere aus Langeweile. Und eben einige auch aus Wettbewerbsgründen. Dennoch hat das Gezeigte mit einem simplen Wettbewerb nichts zu tun. Es ist das blanke Fressen, um des Fressens willen. Fressen gegen die Zeit. Angepeitscht von Moderator und schreienden, klatschenden Gästen. Kein Genuss, keine Muße, keinen Frage nach der Zubereitung, nichts! Besonders schlimm ist die Tatsache, für die USA offenbar jedoch nicht ungewöhnlich, dass die Sendung, ebenso wie das Essen, trieft, vor martialischem Vokabular. Rekorde, Helden, Sexgötter – alles findet man dort.

Ich will jetzt nicht wieder die mahnenden Worte unserer Eltern, wenn wir uns weigerten, als Kindern unseren Teller zu leeren, ins Feld führen: „In Afrika hungern die Kinder…!“. Mir reicht es, diesen Umgang mit bzw. den Stellenwert von Essen in solcher Form dargestellt zu sehen. Die USA, in denen längst nicht mehr alles gülden glänzt, wie sie hier dargestellt werden, sind einfach Ausdruck einer massiven Überflussgesellschaft, die offensichtlich jedwede Bodenhaftung verloren hat. Lächerlich genug, dass ein Travel Channel einen Moderator nur durch die USA touren lässt. Noch schlimmer, dass behauptet wird, in dieser Sendung ginge es um die Zubereitung kulinarischer Spezialitäten. Am Schlimmsten jedoch sind die Herausforderungen, die Kern und einzige Existenzberechtigung der Sendung bilden: Sie sind einfach nur geschmacklos und ganz sicher alles, nur nicht „Verdammt lecker“!

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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Eine Antwort zu Geschmacklos, nicht verdammt lecker!

  1. buddiejoe schreibt:

    Zwei Artikel, die miteinander zu tun haben, und zusammen passen finde ich: „Es sind ja nur Tiere..“ http://politropolis.wordpress.com/2013/06/13/es-sind-ja-nur-tiere-auschwitz-ist-uberall/

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