Wären die Deiche nur so stabil, wie die Mauern in den Köpfen

Innerdeutscher Fremdenhass (2)

Schaltet man dieser Tage den Fernseher oder das Radio ein, hört bzw. sieht man nur eines – Wasser. Allerdings nicht das schöne, blaue, welches an malerische Strände schlägt, sondern das braune, zerstörerische, welches sich gerade durch große Teile Deutschlands wälzt. Dabei sind die Erinnerungen an 2002, die bisher als Jahrhundert-Hochwasser bezeichnete Flut, noch sehr nah. Vor allem bei den erneut Betroffenen. Denn leider hat es viele Landesteile von damals auch 2013 wieder erwischt – Bayern, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein „wartet“ man noch auf die Brühe und ihre zerstörerische Kraft.

In diesem Zusammenhang haben sich jedoch ganz anders gelagerte Diskussionen im Internet ergeben. Ich bekam davon nichts mit, sondern wurde erst gestern Abend darauf hingewiesen: Da würden Wessis gegen Ossis Front machen. Mir war unklar, wie man ob der gegenwärtigen Lage genau auf dieses Thema kommt und es in Foren, Blogs und sozialen Netzwerken breittreten kann. Ungläubig begann ich zu recherchieren.

Dem Boulevard sei Dank, stieß ich schnell auf den Fall einer Facebook-Nutzerin, die vor einigen Tagen einen massiv ossi-feindlichen und allgemein Menschen verachtenden Kommentar gepostet hatte. Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Allerdings nahm er, wie schon häufig, ebenso extreme Züge an: Adresse, Handynummer und Arbeitgeber der Nutzerin waren kurz darauf online zu finden. Menschen fanden sich in Gruppen zusammen, um sich ihrerseits, genauso verachtend, Luft über die Kommentatorin zu machen. Die Nutzerin wurde massiv bedroht, ihr Arbeitgeber ebenso. Nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass ihr Facebook-Account angeblich gehackt worden sei und die Zeilen vom Hackern stammten. Bei der Entrüstung, die sich über die Nutzerin verbeitete, muss allerdings auch betont werden, dass sehr schnell viele „Gefällt mir“ unter „ihrem“ Beitrag zu finden waren. Sollte der Account der Nutzerin tatsächlich gehackt worden sein, sollten sich Personen, die sie angingen, entschuldigen. Jenen, die sie bedrohten und ihre Daten öffentlich machten, ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Allerdings irritieren einige Dinge an der aktuellen Darstellung: Zum einen, dies hinterfragen Nutzer verschiedener Online-Plattformen, blieb eine Gegendarstellung bzw. Klarstellung Facebooks bisher aus, obwohl sie dort Daten angefordert hatte, die belegen sollen, dass ihr Account tatasächlich gehackt wurde. Zum zweiten fiel der Account bereits Ende 2011 negativ auf, als der amerikanische Präsident beschimpft wurde und sich im Anschluss eine Debatte mehrerer Nutzer entsponn, die gar in der Androhung juristischer Konsequenzen gipfelte und erst durch den Focus, auf dessen Facebook-Seite dies stattfand, geschlichtet wurde. Die Nutzerin behauptete, dass auch damals ihr Account gehackt worden sei. Die Frage ist, warum diese Zeilen noch heute zu lesen sind. Warum hat sie den Account nicht sperren lassen oder dafür gesorgt, dass sie zumindest nicht mit ihrem Klarnamen auftritt? Erklärungen dazu gibt es keine. Darüber hinaus soll sich die Nutzerin bereits Ende 2011 negativ über Ostdeutsche geäußert haben. Das vierlettrige Vorzeigeblatt hinsichtlich Investigativ-Journalismus berichtete noch gestern Abend davon. Heute ist kein Beitrag mehr auf der Online-Präsenz zu finden. Zumindest hieß es, dass die Nutzerin die damaligen Kommentare zugegeben hätte. Auch dies macht die aktuelle Behauptung des Account-Hacks nicht glaubwürdiger.

Es lässt sich nur hoffen, dass eine Klärung herbeigeführt wird und die Nutzerin ihre Konsequenzen daraus zieht. Ein Hack und solche Kommentare sind schon schwerwiegend, mehrere solcher Angriffe hingegen dramatisch.

Allerdings treffen die geäußerten Ressentiments offenbar auf fruchtbaren Boden. Ich fand ein Blog, in dem jemand, in zweifelhaftem Deutsch, über die Ossis in Zusammenhang mit dem aktuellen Hochwasser herzog. Man würde sie, wie immer, ins Trockene holen, heißt es da. Spendenaufrufe würden ankotzen und, diejenigen, die dort bauten, wären selbst Schuld. Auffällig ist jedoch, dass diese Kritik sehr schnell sehr diffus wird und sich Stimmen hineinmischen, die nur entfernt oder rein gar nichts mit der Hochwasser-Situation zu tun haben: Die Flutopfer bekämen nur 100 Mio.€, wenngleich man die Banken mit Milliarden rette, stellt noch einen Zusammenhang her. Aber, zu behaupten, der Osten bekäme den Hals nicht voll, wenngleich der Westen verkümmere, lässt doch das ein oder andere Fragezeichen aufschimmern. Noch grotesker wird es, wenn die letzten Renten-Erhöhungen ins Feld geführt werden, um den Ost-West-Antagonismus zu befeuern. 3,25% für den Osten, nur 0,25% für den Westen, wird da moniert. Dass die Steigerung rein gar nichts über das Renten-Niveau aussagt, blenden viele offenbar aus. Aber gut, es handelt sich hier um ein privates Blog.

Verheerender jedoch ist es, wenn vergleichbare Äußerungen ungestraft im Forum des Spiegel verbreitet werden. Neben durchaus berechtigten Fragen, warum in Hochwasser gefährdeten Gebieten denn unbedingt gebaut werden müsse, oder warum es keine Versicherungspflicht hinsichtlich Elementarschäden gäbe (zu betonen ist, dass viele Versicherungen diese in solchen Gebieten bewusst nicht anbieten), mischen sich wiederum sehr fragwürdige Argumente hinsichtlich des Umgangs mit dem Hochwasser, den Entschädigungen und der aktuell beklagten Zurückhaltung beim Spenden.

Zum letztem Punkt sage ich: Ich kann verstehen, dass jemand enttäuscht ist, wenn er einer Familie direkt Geld spendet und diese sich nie dafür bedankt. Was ich jedoch in keiner Form nachvollziehen kann, sind Behauptungen, ausschließlich der Osten würde entschädigt. Damit nicht genug, wird weiter gehetzt, die Ossis hätte sich in ihrer Nehmerrolle eingerichtet und würden online lieber die geldgebenden Wessis beschimpfen, als Sandsäcke zu schleppen. Weiterhin würden Ossis jede Möglichkeit nutzen, dramaturgisch gelungen in Kameras zu heulen, ihr Leid zu klagen und zu weiteren Spenden aufzurufen. Eine Foren-Nutzerin, die sich bei dieser „Argumentation“ besonders hervortut, garniert diese Behauptungen noch damit, dass der Ton der Ossis „gewohnt aggressiv“ sei, sie sich nicht dankbar für Unterstützung zeigten, bereits 2002 mehr Geld bekommen hättem, als es Schäden gab und sie somit in Folge des Hochwassers gar einen „Reibach“ gemacht hätten. Aus all diesen fragwürdigen „Argumenten“ wird dann noch geschlossen, dass parallel dazu der Westen vor sich hin verfiele, beispielsweise das Ruhrgebiet, für welches es keinerlei Solidarität gäbe, schon gar nicht aus den „leistungsverweigernden“ Neubundesländern.

Dass 2002 ein Gesamtschaden von 11,6 Mrd.€ entstand, von dem allein 8,6 Mrd.€ auf Sachsen entfielen, blendet man dabei konsequent aus. Weiterhin lag der von der Politik aufgelegte Fonds „Aufbauhilfe“ bis 7,1 Mrd.€ und wurde um private Spenden von 500 Mio.€ ergänzt. Mathe war nicht meine Stärke, aber ich vermute eine gewisse Differenz zum Betrag des Gesamtschadens. Darüber hinaus lassen sich noch elf Jahre nach dem Hochwasser online verschiedene Dankensschreiben ostdeutscher Gemeinden(oder hier), Schulen und Siedlervereine an zumeist westdeutsche Spender finden.

Es drängt sich der Verdacht auf, als brodele es in einigen Westdeutschen und die momentane Notlage, von der im Übrigen auch große Teile Westdeutschlands betroffen sind und noch sein werden, wird genutzt, um pauschal mit dem Osten, dem Soli, dem Länderfinanzausgleich, dem Aufbau Ost, und überhaupt den Ossis abzurechnen. Und dies in perfider Art und Weise. Ich hätte mir und den Menschen in allen betroffenen Gebieten gewünscht, dass die Deiche ähnlich hoch und stabil gewesen wären, wie es die Mauern in den Köpfen einiger Menschen offenbar noch sind.

Advertisements

Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreib etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s