Mein Dank gilt dem WDR!

Oder: Wer schützt eigentlich Konfessionslose?

Die öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands haben seit Jahren Schwierigkeiten, vor allem jüngere Zuschauer anzusprechen. Sie sind verschrien als Rentner-Bespaßungs-Anstalten oder GEZ-Gelder-Vernichter. Neue Konzepte und neue Gesichter sind selten bzw. bringen keine Veränderungen. Der WDR tat es seinen Mütter- und Schwestersendern gleich und versuchte es einem jungen Gesicht: Carolin Kebekus, die einigen bereits als Komikerin bekannt sein dürfte. Die nach ihr benannte Sendung, die auf dem Digitalsender Einsfestival laufen sollte, wird nun nach nur einer Folge offenbar ihr schnelles Ende finden. Zumindest legen Aussagen der Moderatorin dies nahe. Was war geschehen?

Ein Musikvideo, welches für die Sendung produziert wurde, so entschied der WDR kurzfristig, würde am Abend der Ausstrahlung nicht gezeigt, die restliche Sendung hingegen normal gesendet. In besagtem Musikvideo zeigt sich Carolin Kebekus in einer Kirche im Nonnengewand und als kleiner Messdiener, macht eindeutige Andeutungen, sowohl gestisch als auch in den Texten, hinsichtlich überkommener Kirchen-Überzeugungen sowie im Hinblick auf Straftaten, wie Kindesmissbrauch durch kirchliche Würdenträger. Nun kann man über Geschmack bekanntlich nicht streiten, über Verunglimpfungen von Religion oder Kirche hingegen schon. Aber ist dies hier der Fall? Der WDR behauptet ja, man trenne bei der Behandlung solcher Themen zwischen Kirchen- und Religionskritik einerseits und der Verunglimpfung religiöser Symbole andererseits. Man wolle die religiösen Überzeugungen der Bevölkerung achten und Verunglimpfungen dementsprechend nicht zulassen. Bitte? Die Zahlen des WDR müssen aber von gestern oder vorgestern stammen! Schaut man sich Studien an, dann ist, die Religionsgruppen einzeln betrachtet, mittlerweile der Konfessionslose in der Mehrheit. 2011 sieht die Verteilung auf Basis einer Hochrechnung wie folgt aus: 37,6% konfessionsfrei, 29% Katholiken, 29% Protestanten, 2,3% Muslime und 2,1% sonstige Religionsgemeinschaften. Wenngleich mir der Unterschied zwischen konfessionslos und Nicht-Mitglied einer Kirche zu sein durchaus bewusst ist. Dennoch, nach benannter Studie waren 1970 lediglich 3,9% der Bundesbürger konfessionsfrei. Ihr Anteil hat sich beinahe verzehnfacht, die Zahl der Kirchenmitglieder hingegen sank beständig. Diese Entwicklung spiegelt sich in der deutschen Gesellschaft sowie in ihren Medien jedoch nicht wider. Ich habe eher den Eindruck, als seien die Konfessionen, allen voran die katholische Kirche, auf dem Vormarsch und bestimmen gewisse gesellschaftliche Bereiche nach eigenem Gutdünken. Und die Politik und die Medien? Sie knicken offenbar immer wieder unter dem Druck ein. Der Beispiele gibt es mittlerweile zahllose.

Wenn wir im Bereich moderner Medien bleiben, lässt sich die Facebook-Präsenz des (ebenfalls WDR) Moderators Domian nennen. Dieser hatte Kommentare zu einem Fernsehauftritt des Katholiken Martin Lohmann verfasst, der sich gegen Abtreibung stark machte und ebenfalls harmlosen Zeilen zum neuen Papst sowie zum strittigen Thema Homo-Ehe hinterlassen. Facebook hatte diese Kommentare daraufhin gelöscht. Später entschuldigte man sich dafür und behauptete, es seien lediglich technische Fehler gewesen, die zur Löschung führten, wenngleich diese nicht rückgängig gemacht wurde. Domian zeigte sich enttäuscht und vermutete, dass fanatische Kirchengänger derart viel Druck gemacht hätten, dass die Betreiber von Facebook dem am Ende nachgaben.

Besagter Herr Martin Lohmann führt uns zum nächsten Beispiel. Er war in der Talk-Sendung von Günther Jauch zu Gast, die sich mit einigen kritischen Fragen hinsichtlich des Stellenwertes der Kirche in Deutschland befasste. Verschiedene Beispiele belegten das eigenmächtige Handeln christlicher Kirchen: Die Erzieherin, der aufgrund einer neuen Liebe gekündigt wurde, die indisch-stämmige Putzfrau, die den Job nicht bekam, da sie keine Katholikin war, die Krankenhausangestellten, die nach Umfirmierung der eigenen Klinik kollektiv in die Kirche eintraten, aus Angst ihren Job zu verlieren. Auch wenn die Kirche mittlerweile zweitgrößter Arbeitgeber in Deutschland ist, fragt man sich, ob sie in Gutsherrenart ihre eigenen Gesetze machen kann? Nochzumal 90% der Mittel, die für Kindergärten und Schulen bereitgestellt werden, vom Staat kommen; bei kirchlichen Kliniken sind es gar 100%. Die steuerlichen Vorteile, die die Kirchen gegenüber kommunalen Einrichtungen genießen, sind hier noch unberücksichtigt. Sie führen jedoch dazu, dass immer häufiger Schulen von Kirchen betrieben werden, da diese neben Steuervorteilen auch Zuschüsse erhalten. Immer mehr Kommunen gehen diesen Weg und argumentieren, es sei besser eine christliche Schule, als gar keine anbieten zu können. Das bedeutet, dass auch die größte Gruppe, die Konfessionsfreien, die christlichen Kirchen, deren Überzeugungen und Institutionen, mitfinanzieren. Und zwar ungefragt.

Damit jedoch nicht genug. Martin Lohmann äußerte sich in derselben Sendung auch zu einem anderen Thema, welches hohe Wellen schlug: die Pille danach. Diese sei absolut verboten, lediglich OK, wenn sie die Befruchtung eines Ei’s verhindern würde. Mit dieser Argumentation führt Lohmann uns direkt zu einem der spektakulärsten Auswüchse christlichen Fundamentalismus in den letzten Jahren. Abtreibungsgegner hatten 2010 von langer Hand und offensichtlich mit Unterstützung von Geldgebern aus dem Ausland, einen Test geplant (Durchführung Oktober 2011), bei dem überprüft werden sollte, inwieweit Kliniken die Pille danach verschreiben. Eine Scheinpatientin stellte sich in zehn Kliniken vor und erhielt in vieren die Pille danach, wenngleich es sich nicht um katholische Kliniken handelte, sondern um Notfallpraxen, die von der kassenärztlichen Vereinigung bezahlt werden. Die Erkenntnisse münzte man im Anschluss dennoch um und übte Druck auf die Kirchenführung sowie auf katholische Krankenhäuser aus, die Pille danach unter keinen Umständen zu verschreiben. Eine junge Frau musste dies Anfang des Jahres am eigenen Leib spüren. Sie war offenbar Opfer einer Vergewaltigung geworden. Da diese Pein nicht genügte, wurde sie im Anschluss in zwei katholischen Kliniken abgewiesen – wobei es um die Sicherung möglicher Tatspuren ging. Ein Aufschrei war die Folge. Die Kliniken wurden an den Pranger gestellt und versuchten sich ihrerseits zu rechtfertigen. Bei weiterführenden Recherchen ergab sich dann, warum die Ärzte so gehandelt hatten – wenngleich man fragen muss, ob nicht der hippokratische Eid sie dennoch verpflichtet hätte, zu helfen. Es zeigte sich, unter welchen Druck Angestellte der Krankenhäuser durch den Einfluss von Fanatikern geraten sind und welche Konsequenzen dies für Patienten haben kann. Eine Debatte im Anschluss hatte zur Folge, dass künftig in katholischen Krankenhäusern die Pille danach im Falle einer Vergewaltigung verschrieben werden darf. Ein kleiner Triumph.

Jedoch nicht nur, was die kritische Äußerungen über Kirchen in den Medien oder die Frage nach Vorgaben für Angestellte oder eben die Sexualmoral angeht, hat die Kirche sehr eigene und zweifelhafte Vorstellungen. Der bereits angesprochene Skandal um die Misshandlungen in Kirchen und ihren Einrichtungen (siehe Frau Kebekus‘ Video) haben uns gelehrt, dass die Politik machtlos ist bzw. Kirchen dabei das Feld überlässt. Viele warme Worte wurden verkündet, zeitnahe und solide Aufklärung versprochen. Dabei blieb es dann jedoch häufig. Entschädigungszahlungen wurden durch Bischöfe festgelegt, nicht durch unabhängige Kommissionen, eine Hotline für Betroffene wurde lediglich knapp zwei Jahren geschaltet und dann wieder eingestellt, wenngleich in dieser Zeit dennoch 8400 Opfer oder deren Vertrauenspersonen das Angebot nutzten. Vor allem aber wurde versucht, die Aufarbeitung des Skandals zu verhindern und zu verzögern. So kündigte der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer die Zusammenarbeit auf, da die Kirche mehrfach versuchte, seine Arbeit zu zensieren. Ähnlich kooperativ wie sich die Kirchenvertreter bereits bei den Misshandlungen verhalten haben sollen, tun sie es bei deren Vertuschung offenbar gleichermaßen. Das große Problem dabei: Sie können dies nahezu ungestraft tun. Politische Ambitionen sind Mangelware bzw. werden von der Kirche abgeblockt, mit dem Hinweis, man kümmere sich selbst darum. Dies tut man auch, nur eben nicht im Sinne der Opfer.

Ein Staat im Staate, so etwas darf es in einer parlamentarischen Demokratie eigentlich nicht geben. Die genannten Beispiele hingegen zeigen, wie einerseits selbst kleine, jedoch fanatische, Gruppen massiven Einfluß auf gesellschaftliche Bereiche oder Institutionen nehmen können und andererseits, wie wenig dagegen unternommen wird. Und im aktuellen Beispiel wird dann mit dem Schutz religiöser Überzeugungen argumentiert. Wer schützt denn eigentlich Konfessionslose vor solch radikalen Maßnahmen und Forderungen der Kirchen? Offenbar weder Medien, noch Politik. Im Gegenteil. Konfessionslose finanzieren kirchliche Institutionen, rechtfertigen somit im Umkehrschluss sogar deren Handeln und sorgen für deren Ausbreitung. Von öffentlichen-rechtlichen Sendeanstalten hätte ich mehr Mut erwartet, vor allem aber die Erkenntnis, dass Deutschland ein pluralistischer Staat ist und man auf viele Gruppen Rücksicht nehmen sollte, nicht immer nur auf Konfessionen. Weiterhin steht es jedem Menschen frei, die Sendung nicht einzuschalten. Ich bin ja auch nicht gezwungen, das Wort zum Sonntag zu schauen. Gleichwohl finanziere es jedoch über den GEZ-Beitrag zwangsweise.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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8 Antworten zu Mein Dank gilt dem WDR!

  1. Alexander(s)platz schreibt:

    Naja, die Veränderungen in der Kirche überleben uns in jedem Fall. Ob auch die Hoffnung uns überlebt, wage ich zu bezweifeln. 😉
    Nee, gaaaanz neutral.

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  2. kurzgeschnitten schreibt:

    ach ja, das kreuz mit dem kreuz… der verein ist ohne worte. bitter, dass politik und gesellschaft nicht selten und noch immer ihr haupt beugen. die ablass-zeiten sind doch schon lang vorbei…

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    • Alexander(s)platz schreibt:

      Nochzumal es in den christlichen Kirchen genug Leute gibt, die Veränderungen in Form von Modernisierungen durchaus anstreben. „Wir sind Kirche“ soweit ich weiß. Und andere auch. Und trotzdem haben die Reaktionären offenbar die Deutungshoheit und den Einfluß, Politik und Medien gefügig zu machen. Das finde ich schon schockierend. Kleine Gruppen reichen offenbar aus, um, die Macht der neuen Medien nutzend, der Majorität Dinge zu diktieren.

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      • kurzgeschnitten schreibt:

        na, ich bin’s nicht 😉
        aber hast schon recht, auch da gibt es sicher vertreter, die eine modernisierung befürworten und ihr möglichstes dafür tun. allein, die jahrtausende gewachsenen reaktionären, verstaubten strukturen aufzubrechen, von dem ganzen filz, der korruption und den intriegen (angeblichen) mal abgesehen, aufzubrechen, erfordert wohl mehr als nur geduld, das beste wollen und starke nerven.

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        • Alexander(s)platz schreibt:

          Ja, allerdings scheine ich bzgl. dieses Themas wiederum zu naiv zu sein. Ich hatte gedacht, dass Deutschland (also die beiden Kirchen Deutschlands) auch hier weiter seien. Nochzumal ich denke, dass der Zulauf zum Glauben wieder größer wäre, wenn die Würdenträger deutlich moderater zu Werke ginge und ihre Forderungen modernisierten.

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          • kurzgeschnitten schreibt:

            ach, sagen wir doch einfach, du glaubst an das gute (ob nun im menschen oder in der kirche 😉 )
            wahrscheinlich hast du recht, was den zulauf betrifft, aber ich wage jetzt mal die vermutung, dass wir nicht mehr erleben, wie die brüder sich nachhaltig bewegen…
            immer wieder schön und bitter böse satire dazu macht übrigens (gerne) hagen rether. kann ich sehr empfehlen und ist tatsächlich auch schon im wdr gesendet worden, zu nachtschlafender zeit zwar, aber immerhin 😉

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          • Alexander(s)platz schreibt:

            Ja, den Hagen mag ich auch. Wenngleich er in den zurückliegenden Jahren viel zum Islam gemacht hat (Spiegel-Cover etc.).
            Neee, eigentlich bin ich kein Optimist bzgl. des menschlichen Wesens. Die Geschichte zeigt ihn einfach zu häufig als uneinsichtig und nicht lernfähig. Warum sollte sich dies irgendwann ändern? Und warum gerade in der Institution Kirche?

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          • kurzgeschnitten schreibt:

            stimmt, hat er. trotzdem gut.

            naja, wie heißt es doch so schön: die hoffnung stirbt zuletzt.
            ist nicht wahr, kein optimist? 😉

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