Alles „liquid“ oder was?

Über die Flüchtigkeit von Online-Unterstützung

Bei dem Wort liquid werden die Piraten jetzt gleich wieder aufhorchen: Noch ein Blogger, der sich mit ihrer Art der politischen Willensbildung befasst. Diese Hoffnung muss ich leider enttäuschen, wenngleich das Thema meines Artikels schon mit Internet und einer Beteiligungs-Kultur zu tun hat.

Wer viel online unterwegs ist, vor allem in sozialen Netzwerken, der kennt dies: Unterschreib eine Petition hier, gib deine Stimme ab, dort. Überall wird man um seine Meinung oder Unterstützung gebeten. Da kann man dem vierlettrigen Boulevard verbieten, es sich in unserem Briefkasten bequem zu machen. Man kann allerdings auch Bienen, ja sogar politische Gefangene, retten oder Nazis den Mittelfinger zeigen. Amnesty International, Avaaz, Campact, WWF oder Occupy heißen zumeist diejenigen, die uns dazu auffordern bzw. einladen.

Aber nicht nur das. Auch wir nutzen das Netz, um unsere kreative, politische, humoritische oder musische Seite zu zeigen. Wir bloggen, laden Videos hoch in denen wir Trends oder Kosmetik oder aber das letzte Spiel in der Futsal Bezirksliga auseinander nehmen. Wir machen uns Luft über Dinge, die uns ankotzen oder versuchen den Zuschauern ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, dass wir an irgendeinem Foto- oder Band-Wettbewerb teilnehmen und auf die Unterstützung unserer Freunde und Bekannten angewiesen sind. Nur allzu häufig werden wir dabei enttäuscht.

Viele „liken“ unsere Blogs, Facebook-Seiten und Videos, aber damit scheint es sehr häufig auch schon getan. Ich habe parallel zu meinem Blog eine Facebook-Seite erstellt und eine ganze Reihe Freunde eingeladen, diese zu „liken“ und zu teilen. Viele sind dem nachgekommen, also zumindest dem „liken“. Andere werden hoffentlich noch folgen. Ich denke aber, ich könnte problemlos einen Artikel schreiben, in dem ich über meine Freunde herziehe oder mich mockiere, dass sie mich nicht unterstützen. Ich behaupte mal, dass einer von zehn davon Notiz nähme. Ich vermute mal, dass jedoch mehr als zehn Prozent dem Artikel den nach oben gestreckten Daumen aufdrücken würden. Und was würde dies bedeuten? Zuerst einmal, dass sie ganz offensichtlich den Artikel nicht gelesen haben. …nun ja, oder aber eine gehörige Portion Selbstironie besitzen, was im Übrigen sehr wünschenswert ist.

Kann man echten Freunden böse dafür sein, dass sie einen nicht in dem Maße unterstützen, wie man es sich vielleicht erhofft? Ich finde die Beantwortung der Frage schwierig.

Als ich vor kurzem mit dem Bloggen begann und mich ein wenig dazu belas, kam mir irgendwo die Faustregel unter: „1000 Seitenaufrufe = 1 Kommentar“. Das hat mich schon ein Bisschen geschockt. Wo soll ich so schnell tausend Aufrufe herbekommen? Zum Glück hat es sich ganz anders dargestellt. Dank interessierter Blogger und einiger guter Freunde kann ich für mich, bereits nach kurzer Zeit, diese Faustregel als obsolet ansehen. Aber warum? Ist mein Schreibstil einer, der Goethe das Fürchten lehren würde? Ist meine Themenwahl gut und trifft den Nerv der Zeit? Hatten einfach nur die richtigen Blogger Langeweile? Man kann es nicht mit Bestimmtheit sagen. Ein guter Freund empfahl mir, zu meinen Artikeln Videos zu erstellen. Dies sei teils authentischer und, noch viel wichtiger, kurzweiliger, als sich durch knapp 2000 Wörter zu kämpfen.

Kurzweil, dies scheint ein ganz zentrales Argument zu sein, wenn man sich Gedanken, um die Flüchtigkeit von Online-Unterstützung macht. Offensichtlich hat das Internet bzw. unsere Kommunikation darüber zu einer starken Reizüberflutung geführt, die uns geradezu zwingt, stark zu selektieren. Ich würde sicherlich kaum einem meiner Freunde vorhalten, ihn interessiere nicht, was ich in meinem Blog so von mir gebe. Ich muss nämlich gestehen, ich gehe kaum anders vor: „Daumen hoch“ heißt „zur Kenntnis genommen“. „Ah, die Petition ist interessant; boah, das Ausfüllen der Daten dauert aber lang!“ Seite oder Artikel angeschaut, Lesezeichen gesetzt. „Gucke ich mir später an.“ Und dann wächst die Lesezeichenliste rasanter, als Schimmelpilz in kalter, feuchter Umgebung und man muss bereits nach kurzer Zeit die Machete zücken, um sich durch den Marker-Dschungel zu arbeiten. Nicht selten stutzt man dabei und überlegt, lang und angestrengt, warum man damals zu dieser Seite eigentlich ein Lesezeichen gesetzt hat.

Wissenschaftler, die sich beispielsweise mit NGO’s, ihren Online-Petitionen und deren Resonanz und Auswirkungen befassen, zeigen sich teils sehr spöttisch. Viele stimmen ab, sind aber damit kein fester Bestandteil der NGO. Die Bindung bliebe sprunghaft und lose, heißt es. Andere werfen Unterstützern vor, sich mit geringstmöglichem Aufwand ein gutes Gewissen zu verschaffen, etwas gegen Ungerechtigkeit getan zu haben. Wieder andere nutzen das Facebook-Gleichnis, wenn sie behaupten, eine Online-Petition sei wie das Beitreten zu einer Facebook-Gruppe: Es dauere Sekunden, erreiche wenig und führe dazu, dass die vermeintlichen Unterstützer nicht animiert würden, sich mit den tatsächlichen Inhalten hinter der Kampagne zu befassen. Ein insgesamt hartes Urteil. Aber nicht unwahr. Ich war bereits mehrfach in der Situation, dass ich gebeten wurde, einer Online-Petition meine Stimme zu geben, dies, aus allerhand Gründen (nicht aus Non-Konformität), am Ende nicht tat und nach einiger Zeit feststellte, dass die Petition aufgrund zu geringer Beteiligung scheiterte. In der Regel war ich darüber enttäuscht. Aber, war ich auch von mir enttäuscht? Ja, aber nur ein Bisschen. Denn auch ich, der ich mich als sehr breit interessiert betrachte und mich vielfältig zu belesen versuche, habe am Tag nur 24 Stunden und meine Aufnahmefähigkeit hat ihre Grenzen. Ich muss es teils bei einem „Like“ belassen. Vielleicht sollte, zumindest im Kreise von echten Freunden, dem „Like-Button“ und seinen Pendants nicht nur (entgegen der allgemeinen Tendenz) eine neutrale, sondern gar ein positive Bewertung zukommen. In der heutigen Zeit, die so rasant geworden ist und im Sekundentakt tatsächliche oder vermeintliche Neuigkeiten produziert – man folge nur mal 20 gesprächigen Personen via Twitter – ist der Like-Button eine Art Aufmerksamkeits-Währung geworden. Um diese geht es. Und diese ist, zum Glück, schnell verteilt. Was würde passieren, wenn ich mich immer erst durch alle Inhalte kämpfen müsste, um am Ende in aufwändiger Weise, mein Urteil, meine Bewertung, meine Stimme abzugeben? Es würde schlicht und ergreifend zu einem Friedhof von Online-Präsenzen führen. Dann würde ich nicht mehr 100 Seiten am Tag aufrufen, sondern nur noch 20. Dann würde ich via Facebook nicht mehr zehn NGO’s folgen, sondern einer. Und dann könnte sich mein Mail-Provider in die virtuelle Hängematte legen, weil er mir tagtäglich nicht 15, sondern nur drei Newsletter zuzustellen hätte. Und, wieviele Blogger hätten längst ihre Koffer gepackt und ihre Domains verlassen? Oder aber, wieviele dieser Youtube-Entdeckungen hätte es nicht gegeben, weil ihre Videos nicht zwanzig Millionen Mal, sondern nur zweitausend Mal angeklickt worden wären? Wenngleich nicht jeder Youtube-Star begrüßenswert ist.

Als jemand, dem sehr an der Verbreitung von tatsächlichen Inhalten gelegen ist, erhoffe ich mir ganz klar, dass Menschen sich auch mit Inhalten hinter Kampagnen, Wettbewerben, kreativen Leistungen und Blogs befassen. Ich kann es ihnen jedoch nicht übel nehmen, wenn dies ausbleibt.

Schwierig wird es in meinen Augen an der Stelle, an der man feststellt, dass einen mit dem Online-Freund und dessen Interessen und Ansichten eigentlich nichts verbindet. Dies ist eine Situation, in die junge Menschen vor allem kurz nach Ende ihrer Schulzeit geraten. Wenn das gemeinsame Gesprächsthema Schule, Lehrer, Mitschüler, Hausaufgaben etc. wegfällt und man sich andere Bereiche suchen muss, in denen Interessensgemeinsamkeiten bestehen. Für nicht wenige, vermeintlich gute oder gar beste Freunde gab es da bereits ein böses Erwachen. Das kann online durchaus genauso geschehen.

Ähnlich schwer wiegt es, wenn wir froh darüber sind, uns nicht positionieren („Like“ oder „Kommentar“) zu müssen. Dies geht im Alltag kaum. Wir können nicht auf jede Frage mit Schweigen antworten. Online hingegen können wir uns hinter eine großen Zahl von „Likes“ Dritter verstecken und hoffen, dass wir als Nicht-Unterstützer unentdeckt bleiben. Wenn wir dies permanent tun, sollten wir allerdings darüber nachdenken, inwieweit uns der Freund oder die Freundin tatsächlich am Herzen liegt.

Ansonsten ist es sehr schön, wenn unsere, wie auch immer gearteten, Online-Auftritte eine positive Resonanz bei Freunden und Bekannten erzeugen – wenn sie uns den Sieg im Band-Wettbewerb sichern, unsere Blogs im Ranking nach oben schieben oder aber einfach genauso viel Spaß am lustigen Clip haben, wie wir. Oder, wenn die Petition zum Schutz einer Tierart, zum Erhalt von Kulturdenkmälern oder für die Freilassung eines zu Unrecht Inhaftierten Erfolg hat. Voraussetzen hingegen können wir dies in der heutigen, schnelllebigen und teils redundanten Online-Welt nicht.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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9 Antworten zu Alles „liquid“ oder was?

  1. kurzgeschnitten schreibt:

    von irgnorieren war nicht die rede, sondern von eingeschränktem interesse. und natürlich ist grundinteresse eine voraussetzung für eine funktionierende zwischenmenschliche beziehung. wahllos „likes“ zu verteilen, fällt aber – nach meinem persönlichen empfinden – in die gleiche kategorie wie geheucheltes interesse, gerne unterstrichen durch „hm“ oder kopfnicken, in der realen welt, der so genannten. manchmal ist es da besser, weder zu nicken noch den bewussten knopf zu drücken, meinst du nicht?

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    • Alexander(s)platz schreibt:

      Ja, das ist korrekt. Nicht jede Form der Reaktion ist eine ehrliche oder gleichbedeutend mit ehrlichem Interesse. Und natürlich stößt der Vergleich von vis-a-vis-Reaktionen mit Online-Reaktionen auch an Grenzen. 😉
      Irgendwie versuche ich, wenn ich das Gefühl habe, einem Freund liegt etwas sehr am Herzen, vorbeizuschauen, zu lesen, nachzufragen, zu kommentieren, abzustimmen. Das geht nicht immer. Aber das schrieb ich ja bereits. 😉

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  2. kurzgeschnitten schreibt:

    es gibt bestimmt eine ganze reihe online-petitionen, die nicht eben sinnvoll erscheinen. aber dass sich durch das unterzeichnen nichts ändern kann, da wäre ich gar nicht so sicher. die petition gegen die telekom fällt mir als beispiel ein, die in rekordgeschwindigkeit die geforderte anzahl unterstützer fand. es liegt vermutlich tatsächlich in erster linie an den themen, die diese petitionen bedienen. generation internet lässt sich nicht gern beschneiden, also ist da auch schnell gezeichnet. themen wie umwelt oder rechtsextremismus sind weit weniger beliebt und fallen vielleicht sogar unter „was geht’s mich an?“
    das hat aber, meiner bescheidenen ansicht nach, weniger mit „online“ zu tun, als mit der einstellung in der gesellschaft allgemein.

    was ich mich allerdings frage, warum ist es schwierig eine antwort darauf zu finden, ob man es übel nehmen kann, wenn nicht die gewünschte oder erhoffte resonanz/ unterstützung zurückkommt, sei es aus dem freundes-/bekannten- oder auch familienkreis? im grunde ist die antwort doch ganz einfach: nein.
    oder interessierst du dich uneingeschränkt für alles, was deine freunde tun?

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    • Alexander(s)platz schreibt:

      Nein, sicher nicht. Aber ich denke, dass es durch das Medium Internet nochmal „verschärft“ wurde. Wie gesagt: Überleg dir mal, ein Freund oder eine Freundin erzählen die vis-a-vis von einem Hobby, oder etwas, was ihn/sie umtreibt. Du würdest in irgendeiner Form reagieren, oder? Auch wenn es nur ein zustimmendes Nicken ist. Das Medium Internet entbindet durchaus von Verantwortung, sich zu äußern. Wenngleich es genügend Leute gibt, die online genauso interagieren, wie offline. 😉
      Im Laufe des Artikels wird ja die Position etwas klarer. Wenn nix Kontroverses dabei ist, interessierts ja keinen. 😉 😛

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      • kurzgeschnitten schreibt:

        vielleicht verschärft, vielleicht aber auch nur augenfälliger. und vielleicht ist es auch ein „problem“ der eigenen anspruchshaltung. wir erwarten immer sofort auf alles eine reaktion (ja, ich verallgemeinere hier jetzt mal), weil uns die sozialen netzwerke oder kommunikationsdienste wie whats app darauf trainieren. sich dem zu beugen, kann auch ganz schnell nach hinten los gehen. ein bisschen mehr gelassenheit und ruhe, täte an so mancher stelle nicht schlecht.

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        • Alexander(s)platz schreibt:

          Nun ja, ich habe die Erfahrung gemacht, dass die technischen Kontaktmöglichkeiten besser denn je sind, die Kommunikation aber eher nachgelassen hat.
          Ich bin niemand, der prompte Reaktionen erwartet – weder früher noch heute – aber es geht ja auch um langfristige Unterstützungen (Wettbewerbe, Blogs, Websites etc.). Ich sage mal so, dass die Ergebnisse wissenschaftlicher Analysen zur Bindung von Online-Kampagnen nicht von ungefähr kommen. Es scheint ja nicht ganz von der Hand zu weisen zu sein, dass es oft mit einem schnellen Klick vermeintlich getan ist. Wie gesagt, ich habe doch Sachen auch schon bewusst ignoriert. Es geht nicht anders. Manchmal WÜNSCHTE man sich vielleicht ein wenig mehr Resonanz oder Interesse. Sind deine Erfahrungen im Freundeskreis andere?

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          • kurzgeschnitten schreibt:

            ein nachlassen der kommunikation kann ich persönlich nicht feststellen. eher im gegenteil.
            im übrigen versuche ich es damit zu halten, nicht zu wünschen oder zu erwarten, sondern mich einfach über jeden zu freuen, der sich interessiert, ob fremd oder freund ist da nicht von belang.

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          • Alexander(s)platz schreibt:

            Nun ja, bei mir ist die Tendenz eher gegenläufig. Aber aufgrund erhöhter Kommunikations-Möglichkeiten, kommuniziert man vielleicht mit mehr Menschen parallel, so dass für den Einzelnen weniger übrig bleibt.

            Klar wird nichts erwartet. Allerdings gehe ich davon aus, dass ein gewisses Grundinteresse am anderen die Basis einer Freundschaft ist. Ignorierst du im Alltag Freunde und deren Treiben und Interessen über lange Zeiträume, gibt dir dies nicht zu denken? Ähnlich ist es online. Da hast du aber die Möglichkeit „Like“ zu drücken und demjenigen zumindest ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Es geht im Übrigen auch nicht darum, dass Freunde zwangsläufig alles liken, kommentieren und teilen sollen (bis zum Exzess). Andererseits ist jeder willkommen. So erweitert man den personellen und geistigen Horizont ja.

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        • Alexander(s)platz schreibt:

          Zusatz: Es ist IMMER eine Frage der eigenen Anspruchshaltung. Wenn da zwei unvereinbare aufeinander treffen, wird es selten Konsens geben. 😉

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