Konsumgeil, prätentiös, haltungslos = Hipster

Die Welt vom Morgen eine Welt der Hipster? Hoffentlich nicht!

Jajaja, noch ein Typ, der ungefragt seinen Senf zum bereits durchgekauten und von allen Seiten beleuchteten Thema „Hipster“, hinzugeben muss. So sieht es aus. Und auch ich werde einige Elemente dessen, was gemeinhin hipsteresque zu sein scheint, vorführen. Entgegen vieler anderer Beiträge in Feuilletons, Blogs, Foren und sozialer Netzwerke möchte ich mich jedoch nicht über ihren Klamottenstil lustig machen oder sie, das Damokles-Schwert Gentrifizierung schwingend, durch deutsche Großstädte marodieren lassen. Nein, ich möchte mich mit ihrer Attitüde befassen.

Hipster TrapVornweg: Ich mag Hipster nicht! Allerdings ist mir völlig egal, wie skinny ihre Jeans sind, wie teuer ihre Smart-Phones und wie verlaust oder nicht verlaust ihre Wollmützen sind. Ebenso egal ist es mir, ob nur sie die szenigen Kieze deutscher Städte bevölkern. Des Weiteren tangiert mich nicht, ob sie aus Spanien, Deutschland oder dem Taka-Tuka-Land stammen. Was mich nervt, ist ihre Haltung zum Leben und zu ihrer Umwelt, gemeinhin auch Gesellschaft genannt.

(Quelle: cheezburger.com)

Ja, wie ist er denn nun, der gemeine Hipster? Ach, den gemeinen Hipster gibt es gar nicht, weil die alle individuell sind? Hm, dann laufe ich offenbar immer wieder ein und demselben Vertreter dieser, zu Beginn des dritten Milleniums re-animierten, Gattung über den Weg. Oder ist doch etwas dran, dass sich der Hipster, so er sich offen zu seinem Dasein bekennt, zwar individuell bzw. alternativ gibt, jedoch entgegen dieses Anspruches, klar vorgegebenen Stil-Mustern hinsichtlich Kleidung, Look, Konsum und „Haltung“ unterwirft und diese reproduziert? Ich habe zumindest diesen Eindruck gewonnen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich in einer pluralisierten Welt ohnehin meine Schwierigkeiten mit einem Begriff wie „alternativ“ habe. Alternativ wozu?, frage ich mich immer. Gibt es denn DEN Mainstream noch, von dem man sich klar abgrenzen kann? Ist es nicht vielmehr so, dass parallel zur Erosion der bürgerlichen Mitte, auch der vermeintliche Mainstream, sei es in Sachen Musik, Lifestyle, Konsum oder politischer Haltung, wenn schon nicht erodiert, so doch wenigstens verschwimmt oder aber unklar wird? Wenn Letztes stimmt, dann sind Begriffe wie „alternativ“ oder „Subkultur“ schwer zu rechtfertigen.

Und genauso verhält es sich mit dem, wie eine Monstranz vor sich hergetragenen, Hipster-Credo der Individualität. Individualität ist den Menschen wichtig und ein zentrales Kennzeichen einer freien Welt. Individualität lässt sich auf unterschiedliche Weise erreichen. Hipster jedoch scheinen fast ausschließlich Äußerlichkeiten dazu auserkoren zu haben, sich von anderen zu distinguieren. Und auch dabei scheitern sie schnell am eigenen Anspruch. Denn offenbar ist die Verlockung vermeintlicher Individualität derart groß für junge Menschen, dass sie in Scharen dem Hipster-Leitbild, welches eigentlich nicht existiert, nacheifern. Und am Ende dieser Verhipsterung steht man vor den Trümmern des eigenen Postulates – wenn nämlich jeder, der sich als Hipster bekennt oder aber als solcher wahrgenommen wird, aussieht, konsumiert, redet und denkt wie alle anderen Hipster auch. Bye bye, Individualität! Aber, es scheint sie nicht zu stören. Ist die Individualität doch nicht Haupttriebfeder des modernen Hipster? Was macht ihn sonst aus, wenn die Festung Individualität ihre abwehrende Funktion gegen die gesamte Hipster-Streberschaft und die sich, eigenmächtig pluralisierende, Gesellschaft verliert?

Gewichtig klingende Jobs, vornehmlich in der Medien- und Kreativbranche, wie beispielsweise Campaign Admanager Online oder Product Owner Web-Applications und Usability (man beachte das „und“!) und hochwertiger Konsum, sind weitere Möglichkeiten der Abgrenzung.

Kaum einer den ich kenne, steht nachts viele Stunden vor einem Apple-Store und wartet auf die Niederkunft des Heilands in Form des neuesten Produktes aus dem Apfel-Haus. Allerdings kenne ich einige Leute, die mitnichten Hipster sind und dennoch auf diese Produkte schwören. Wenngleich ich zugebe, dass kaum jemand unter ihnen ist, für den ein Leben ohne die, die eigene Altersvorsorge gefährdenden, Produkte unvorstellbar erscheint. Eine gewisse kritische Distanz zur igod-gleichen Spielerei ist nach wie vor gegeben. Hierbei scheint ein Unterschied zu Hipstern zu bestehen. Dennoch scheiden solche teuren technischen Zeitdiebe als Möglichkeit, sich vom Rest der Gesellschaft deutlich abzuheben, aus.

Und die Jobs? Irgendwie sind diese Hipster ja alle kreativ, also vermeintlich. Entsprechend fällt sowohl die Wahl ihrer Studiengänge als auch die ihrer Jobs aus. Da ich nun in der Medienbranche doch auf eine ganze Menge Personen getroffen bin, darunter jedoch kaum ein Hipster war, scheint auch eine IMM-Tätigkeit (nicht zu verwechseln mit einer IM-Tätigkeit!) nicht zur Selbstdefinition des Hipster geeignet. Hört man den IMM-Hipstern allerdings zu, so fällt auf, dass sie gern mit Fachtermini jenes Metiers um sich werfen, wenngleich andere Vertreter derselben Branche deutlich sparsamer damit umgehen. IMM-Hipster müssen immer irgendwas „launchen“, „pitchen“ oder „releasen“, auf jeden Fall irgendwas ganz Neues, Großes und Kreatives machen. Nicht-Hipster hingegen gehen einfach arbeiten, mit Freude und ohne Notwendigkeit, die eigene Tätigkeit jedem ungefragt unter die Nase zu reiben, bzw. zum heiligen Gral hochzustilisieren.

So, und nun? Wenn der Hipster-Look mittlerweile derart viele Anhänger gefunden hat, dass aus dem vermeintlich individuellen Hipster eine relativ klar umrissene Gruppe geworden ist, scheidet dieser als Mittel der Abgrenzung aus. Wenn nun auch Nicht-Hipster in Apple-Stores einkaufen, skinny Jeans tragen, Bionade, Afri-Cola oder Club Mate trinken und eine Ray-Ban „Wayfarer“ auf dem Nasenrücken reiten lassen, eignet sich auch das Konsumverhalten nicht dafür. Wie gesehen, scheidet ebenso der Medienjob trotz cooler Bezeichnung aus, um den Hipster anders zu konturieren, als den Nicht-Hipster.

Welche Möglichkeiten bestehen jetzt noch, sich aus der grauen Masse abzuheben? Ach ja, man könnte sich ja mal Interessen und Haltungen, also die Persönlichkeit, besehen. Wenn man daran jedoch einen tiefgründigeren Gedanken verschwendet, stellt man schnell fest, dass sich dieser nicht lohnt. Haltung bei Hipstern? Fehlanzeige! Wie betriebsblind muss man eigentlich sein, um nicht zu erkennen, dass die größtmögliche Individualität (und damit Abgrenzung gegenüber Anderen) durch eine spezielle Kombination von Interessen, Überzeugungen, Haltungen und einem eigenen Charakter erzeugt werden kann? Offenbar scheidet diese Möglichkeit jedoch für Hipster aus. Warum? Weil es ihnen egal ist; wie ihnen so Vieles egal ist. In den USA heißt es ja immer: „There is no I in team!“ – „But there is one in Hipster!“, müsste man entgegnen. Wobei das Wort, wollte man den Spruch inhaltlich füllen, mit zwei, wenn nicht gar mit drei „i“ geschrieben werden müsste. Also, es ist nicht so, dass Hipster keine Interessen oder Neigungen haben, jedoch erscheinen diese alle mehr als aufgesetzt, oberflächlich und wiederum durch den „Hipster-Code“ vorgegeben.

Das Internet ist natürlich die Tummel-Wiese des Hipster: Facebook, Instagram, Twitter oder Tumblr sind das zweite Wohnzimmer. Irgendwie machen auch alle Hipster Fotos, weil sie ja ungemein kreativ sind. Klar, Szene-Läden werden besucht, und Konzerte von Independent-Künstlern, deren von Hipstern gefeierter Status durch sie höchstselbst wieder vernichtet wird, wenn das Internet am Folgetag mit Fotos und Kommentaren gefüttert, und somit eine breite Öffentlichkeit auf besagte Künstler aufmerksam gemacht wird. Naja, und sie verwenden eben einen Großteil der Freizeit darauf, vor Apple-Stores rumzulungern. Aber dann sieht es schon düster aus. Gesellschaftliches Engagement? Nö, danke. Politische Beteiligung? Geht nicht, ich sitze im Starbucks! Interesse an anderen Menschen? Na, wenn ich jemand anderem zuhören muss, habe ich ja weniger Zeit, von mir zu reden! Ein Ausbruch aus der urbanen Welt? Natur, das ist doch die neue App, oder?!

Aber, wie kann man von Hipstern auch ein ernsthaftes, tiefgründiges Interesse an Personen, Dingen und Inhalten erwarten, wenn sie quasi jederzeit bereit sein müssen, Selbes, wie eine Schlangenhaut, abstreifen zu können, weil der Hipster-Wind am kommenden Tag aus einer anderen Richtung weht? Bedenkt man dies, lassen sich die vollkommene Oberflächlichkeit, das perfektionierte Halbwissen und die Unfähigkeit, sich klar zu positionieren, erklären. Zu sehr hat sich der Hipster an das Movens der steten Unstetheit gekettet, als dass er die Zeit hat, sich länger und intensiver mit einer Thematik oder Person zu befassen. Alles wird mal angekratzt, alles mal probiert, alles mal gelesen oder besucht – ein Bisschen zumindest. Ansonsten aber scheinen der Konsum und der, mittlerweile sehr einheitliche, Kleindungsstil nebst Accessoierung sowie der IMM-Job die einzigen Konstanten im Leben des modernen Hipster zu sein. Das Ganze natürlich garniert mit Egozentrik und Prätentiösität.

Ein Leben auf der Suche, ohne Heimat, ohne Rast – wie eine permanente Jagd nach dem goldenen Schuß. Ich finde dies bedauernswert, sind Hipster doch wie alle anderen Menschen auch. Nur, so empfinde ich, in ihrem goldenen Hipster-Käfig unglaublich unsympathisch. Sollte das Phänomen weiter um sich greifen und sollten irgendwann alle zu Hipstern mutiert sein, wird wiederum der Satz greifen: „Wenn alle etwas Besonderes sind, ist Niemand etwas Besonderes!“. Da der Drang steter Veränderung, der Konsum sowie das Second Life im Universum der Nullen und Einsen keine Zeit dafür ließen, so etwas wie eine Persönlichkeit zu entwickeln, wird es dann nichts mehr geben, worin Unterschiede zwischen (Hipster-)Menschen zu erkennen sein werden. Das wäre dann eine sehr traurige Welt.

Ergänzend zum Thema:

Das inflationäre Männlein

Ironiker, der Lenz ist da!


Mit Augenzwinkern:
Hipster

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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8 Antworten zu Konsumgeil, prätentiös, haltungslos = Hipster

  1. Nina schreibt:

    Nun ist es bereits Ende 2015, und hier in Hamburg habe ich oft das Gefühl, wir haben den Punkt erreicht: Das Hipstertum ist so sehr Mainstream geworden, dass ich – eigentlich wollte ich kein Hipster sein – nun automatisch Hipster nach alter Definition bin, weil lich diesem Mainstream ja nicht angehöre – oder jetzt ja eben doch – Paradoxon!
    Arbeiteten vor 2 Jahren noch etwa gefühlt 50% Hipster in einer „meiner“ Internetagenturen, sind es heute sogar gefühlt 80%.
    Naja, manchmal schaue ich mir Filme von früher an, einzig um mich daran zu erinnern, wie eigentlich rasierte Männer aussehen…

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    • Alexander(s)platz schreibt:

      Hey Nina,

      ja, in Berlin ist es ähnlich. Wir als „Start-Up-Hauptstadt“ sind ja voller junger, hipper Unternehmen. Und entsprechend arbeiten hier viele junge, hippe – und vollständig individuelle – Menschen bei uns. Ich denke aber, dass irgendwann die Übersättigung einsetzt. Also, ich hoffe es zumindest.

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  2. Rim schreibt:

    Hallo Alexander,

    Aufgrund der Tatsache das ich mich in den letzten Stunden selbst ein mal mit dem Vorwurf ein Hipster zu sein konfrontiert sah, und nicht die geringste Ahnung hatte, was das überhaupt bedeutet, bin ich auf Informationssuche gegangen und dabei auf deinen Blog gestoßen.
    Ich finde deinen Post sehr informativ und muss sagen über dieses Thema könnte man vermutlich eine gute Diskussion führen. Zum Beispiel wo genau fängt man an Hipster zu sein? Wessen Geschmack geht einfach nur ein wenig ins „andere“ oder „speziale“ in anführungszeichen, denn da hast du recht man wird mit seinem Klamotten still und seinen Kreativ Hobbies vermutlich nicht der erste sein).
    Danke auf jeden Fall für die Informationen und deine Meinung, es hat mich wirklich weitergebracht.
    Liebe Grüße, Rim

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    • Alexander(s)platz schreibt:

      Hallo Rim, sorry, dass die Antwort so lange auf sich warten ließ. Ja, genau auf diese Schwierigkeit wollte ich ja auch hinaus: Wo fängt das Hipster-Sein an und wer defininiert es. Eigentlich dürfte es keine Definition geben, weil jeder individuell ist (sein will), aber dann erkennt man doch äußerliche Gemeinsamkeiten zwischen so genannten Hipstern. Ich mache sie daher am Auftreten und nicht an der Klamotte oder den Accessoires fest. Damit trifft man am ehesten ins Schwarze. 😉

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  3. Ichi schreibt:

    Schöner Post. Kann aber deine Abneigung nicht wirklich nachvollziehen, schließlich tangiert dich doch keine der von dir angekreideten Verhaltensweißen.

    Musste auch leicht schmunzeln als ich gesehen habe dass du in den letzten Wochen neun Posts veröffentlicht hast, hier den Hipstern aber ein „Second Life im Universum der Nullen und Einsen“ vorwirfst 😉

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    • Alexberlinblog schreibt:

      Hey Ichi,

      danke für deinen Post. Nein, eigentlich sollte mich nicht stören, wie „sie“ sich verhalten, allerdings stört mich allgemein ein oberflächlicher Umgang miteinander. Den findet man im Übrigen nicht nur bei Hipstern. 😉 Bei einigen von Ihnen habe ich das allerdings verstärkt festgestellt.

      Ja, ich blogge gern und bin viel im Netz unterwegs, aber ich lege mein Handy auch mal bei Seite und begebe mich auf die Straße und in die Natur. Es ging mir, natürlich übertrieben dargestellt, um die Omnipräsenz von technischen Gimmicks. Ich brauche zum Beispiel nicht zwangsläufig google maps, um mich irgendwo zu orientieren. 😉

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      • Ichi schreibt:

        Hi Alex,

        ich finde oberflächlich ist wie Hipster etwas das niemand sein will aber viele sind (oberflächlich), zumindest bis zu einem gewissen Grad. Ob diese Eigenschaft bei Hipstern ausgeprägter vorkommt kann ich aber nicht sagen, bin in meinem Umfeld wohl am ehesten einer. Ich sehe mich als wenig Oberflächlich, aber das müssen andere Beurteilen 😉

        Also ich benutze Google Maps gerne um meinen Weg zu finden, gerade als ich noch neu in Berlin war hat mir die App einige Umwege erspart 🙂

        Über einen so wagen Begriff wie Hipster lässt sich aber auf jeden Fall herrlich philosophieren auch wenn es wenig zielführend ist.

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        • Alexander(s)platz schreibt:

          Hey Ichi,

          natürlich hast du Recht, dass man Oberflächlichkeit nicht nur bei Hipstern findet. Aber dort ist sie einfach extrem. Da wird man kurzerhand Vegetarier oder Veganer, ohne irgendeine Grundlage – einfach nur, weil es (noch nicht) hip ist. Das hat für mit etwas von Rückgratlosigkeit.

          Ja, ich benutze auch Google Maps, allerdings finde ich es manchmal schon ulkig, dass egal, worum es geht, erstmal das Smart-Phones zu Rate gezogen wird. Oder, dass man mit mehreren Leuten in einer Bar oder Kneipe sitzt, auf das Display starrt und darüber kommuniziert, anstatt sich mit den Anwesenden zu unterhalten. 😉

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