Über Sinn und Unsinn von Straßenzeitungen

„Hallo, ich bin der ****, und ich verkaufe die ****!“ Wer kennt nicht diesen Satz? Und alle wissen, was im Anschluss folgt. Ein Obdachloser zieht durch das Verkehrsmittel und bietet, zumeist für 1,50€, eine Straßenzeitung an. Diese heißt dann wahlweise Motz (Berlin), BISS (München), Trott War (Stuttgart), fiftyfifty (hauptsächlich Düsseldorf) oder Hinz und Kuntz (Hamburg). Die Geschichten, die mit solchen Straßenzeitungen und ihren Verkäufern verbunden sind, klingen in der Regel jedoch sehr ähnlich. Als Teenager kaufte ich hin und wieder eine Zeitung oder aber gab dem Verkäufer ein Bisschen Kleingeld. Ich akzeptierte, dass es das Problem Wohnungslosigkeit gab, machte mir jedoch keine tieferen Gedanken darüber. Über die Jahre kamen mir jedoch Zweifel am Gesamtkonzept Straßenzeitung.

Versuchte man das Kernprinzip von Straßenzeitungen zu ergründen, so könnte dieses lauten: Die Behandlung vornehmlich sozialer Themen, die in der breiten Medienlandschaft unterrepräsentiert sind bzw. nicht authentisch erscheinen, aber auch schräger Inhalte, immer jedoch mit einem Bezug zu Armut und Obdachlosigkeit. Und das Ganze nicht aus gesellschaftlicher Sicht, sondern aus Sicht der Betroffenen aufbereitet. Dazu Verkäufer, die selbständig Magazine vertreiben, mindestens die Hälfte des Kaufpreises behalten dürfen und den Restbetrag an den Verein oder Verlag abführen müssen. Mit dem Geld haben sie die Möglichkeit, sich etwas zu essen zu kaufen oder aber Übernachtungen in Notunterkünften zu finanzieren. Zentral ist, dass die Verkäufer nicht im Bettlersgewand daherkommen und um Allmosen bitten, sondern eine Ware anbieten. Damit soll ihnen als Konsequenz aus der Tätigkeit, Selbstwertgefühl gegeben werden. Soweit die Theorie.

Nicht nur an diesem letzten Argument habe ich meine Zweifel. Grundsätzlich begrüße ich es sehr, wenn gerade diejenigen, denen es in der Gesellschaft am Schlechtesten geht, eine Chance bekommen, etwas zu erschaffen und an dessen Erfolg teilzuhaben. Da sollte grundsätzlich keine Möglichkeit ungenutzt verstreichen. Mein Hauptproblem ist jedoch, dass die Straßenzeitungen in meinen Augen zwar auf die Probleme Armut und Wohnungslosigkeit aufmerksam machen, jedoch nur deren Symptome bekämpfen und nicht die Ursachen. Es geschieht sogar das Gegenteil: Macht sich nicht bei vielen Menschen das Gefühl breit, Obdachlosen ginge es gut oder zumindest besser, wenn sie für eine Straßenzeitung recherchieren, schreiben oder diese verkaufen? Lähmt nicht gerade diese falsche Vorstellung Initiativen, das Wandeln zwischen den Welten (obdachlos/untätig <> teilzeitwohnhaft/teilzeittätig) gänzlich zu beenden? Wird die soziale Lage Obdachloser nicht durch unseren Kauf zementiert? Kurzum: Ist die Existenz von Straßenzeitungen für Obdachlose, die ihr Schicksal zum Guten wenden wollen, kontraproduktiv?

Fakt ist: Das Problem Obdachlosigkeit existiert. Über die Dimenson gibt es sehr unterschiedliche Darstellungen. In Bundesstatistiken taucht kaum eine Zahl von Wohnungs- oder Obdachlosen auf. Angeblich sind die Zahlen seit Jahren rückläufig, bewegen sich jedoch immernoch auf einem mittleren sechsstelligen Niveau. Ich glaube, dass der Großteil der Betroffenen seine Situation ändern will und im Rahmen der Möglichkeiten ein normales Leben führen möchte. Und diesen Menschen gilt es beizustehen. Vor allem in den Deutschen Großstädten scheinen Straßenzeitungen ein probates Mittel zu sein. In vielen Fällen konnte eine Infrastruktur geschaffen werden – Notunterkünfte, Treffpunkte, Selbsthilfewohnhäuser, Sozialwarenkaufhäuser, medizinische Betreuung. Auch Jobs wurden für einzelne Betroffene bereitgestellt. Besonders wichtig ist, dass die Themen Obdachlosigkeit und Armut stärker in den gesellschaftlichen Fokus rückten und den Menschen aus erster Hand nähergebracht wurden. Auch an diesen Dingen gibt es nichts zu deuteln.

Neben meinem bereits angedeuteten Zweifel am Sinn von Straßenzeitungen, gibt es eine ganze Reihe anderer Probleme. So erkannte Zeit-Kolumnist Harald Martenstein beispielsweise nur mäßige Qualität bei den Berliner Straßenzeitungen und bescheinigte ihnen, keine inhaltlichen Akzente zu setzen bzw. kein thematisches Profil zu besitzen. Er leitete daraus, die geringe Nachfrage ab. Eine andere Kritik ist, dass das Prinzip der Obdachlosenzeitung ad absurdum geführt wird, wenn die Menschen Geld spenden, ohne eine Zeitung zu kaufen. Dann bliebe dem Verkäufer am Ende nämlich doch die Position des Bettlers, die ja eigentlich ausgehebelt werden sollte. Das bedeutet: „Selbstvertrauen adé!“ Weiterhin bemängelt er die zu große Zahl der Zeitschriften. Auch dies ist einen Gedanken wert: Wie kann mit Armut um Käufer konkurriert werden? Ist eine Bündelung der Kräfte nicht viel sinnvoller für die Betroffenen?

Ein weitere Schwierigkeit, so geschehen in Reutlingen, ist das Entstehen von Konkurrenzzeitungen, die sich inhaltlich und in Sachen Layout kaum von bereits bestehenden unterschieden. Da kommt zwangsläufig die Frage auf, ob nicht einerseits die Arbeit von Menschen missbraucht, andererseits mit dem Leid der Ärmsten Kasse gemacht wird.

In diesem Zusammenhang sei an den bisher spektakulärsten Fall von Missbrauch im Bereich Sozialunternehmen erinnert: Die Treberhilfe in Berlin. Dort verdiente der Geschäftsführer jährlich über 300.000€, kaufte für viel Geld einen Maserati nebst Chauffeuren, der aus seiner Sicht unumgänglich war, wenn es um die Werbung von Sponsoren ging. Darüber hinaus wurden auch Grundstücke und Immobilien erworben und einigen wenigen Getreuen horrende Gehälter gezahlt, wenngleich das Gros der Mitarbeiter untertariflich beschäftigt war. Am Ende hatte der Verein rund 4,5 Mio.€ Schulden angehäuft und konnte die Mitarbeiter teils monatelang nicht bezahlen. Da zum Zeitpunkt der Insolvenz nur noch rund ein Drittel der Mitarbeiter tätig war, war die Betreuung der Obdachlosen und anderen Hilfebedürftigen nicht mehr möglich, so dass viele Einrichtungen zwangsgeräumt wurden.

Immer wieder steht auch die Frage im Raum, wer genau da Zeitungen verkauft. Mittlerweile soll es in einigen Städten osteuropäische Drücker-Trupps geben, die sich die, für jeden zugänglichen, Exemplare abholen und dann, teils mit sehr rabiatem Auftreten, versuchen diese an den Kunden zu bringen, allerdings vom Gewinn nichts an den Verein oder Verlag abführen. Teilweise wird vermutet, dass dieses Geld in dunklen Kanälen versickert. Ein anderes Problem wiegt nicht minder schwer: Das aufdringliche bis aggressive Verhalten führt dazu, dass Menschen immer seltener bereit sind, Zeitungen zu kaufen oder aber Geld zu spenden.

Ungeachtet dieser Probleme bleibt für mich das Hauptaugenmerk auf die Zementierung der sozialen Lage gerichtet. Ein Angebot erzeugt in der Regel eine Nachfrage. Diese bestätigt oder vergrößert gar das Angebot. Die zentrale Frage ist: Haben die Obdachlosen etwas davon? Ich sehe seit Jahren immer wieder dieselben Verkäufer. Einen echten Absprung schafft offenbar kaum jemand. Haben sie eine Pespektive auf eine Wohnung, eine Ausbildung, einen Job – also, einen Ausweg aus ihrem Elend und den Zugang zu einem geregelten Leben? Da habe ich ernsthafte Zweifel. Stattdessen glaube ich, zementiert man mit dem Kauf einer Zeitung eine Armuts-Ökonomie, die den Betroffenen kaum nachhaltig nutzt. Als Käufer besänftigt man sich selbst, glaubt ernsthafte Unterstützung geleistet zu haben und verschwendet keine weiteren Gedanken an das Schicksal der Betroffenen. Als Verein oder Verlag kann man eigentlich nicht an einer nachhaltigen Perspektive für Obdachlose interessiert sein. Diese gefährdet ja Umsätze und letztlich den eigenen Arbeitsplatz. Die Treberhilfe Berlin hatte beispielsweise einen Jahresumsatz von 12 Mio. Euro und in der Spitze 280 Mitarbeiter. Das sind keine Peanuts. Ich gehe jedoch davon aus, dass man mit solchen Umsätzen viele Obdachlose nachhaltig in die Gesellschaft re-integrieren könnte, habe jedoch große Zweifel, dass dies allerorten gewünscht ist und auch geschieht.

Letztlich komme ich zu dem Ergebnis, dass Obdachlose sicher glücklich sind, eine Beschäftigung zu haben und sich Übernachtungsmöglichkeiten zu erwerben, jedoch über diesen Zustand viel zu selten hinaus kommen. Ob sie auf Dauer zufrieden sind und tatsächlich das eigene Selbstbewusstsein steigern, zweifle ich erheblich an. Des Weiteren schiebt die Existenz von Straßenzeitungen schon lange keinen gesellschaftlichen Diskurs mehr an. Für die potentielle Käuferschaft ist das Bild eines obdachlosen Zeitungsverkäufers längst Alltag, der Kauf einer Zeitung, die Spende oder das verschämte Weggucken teils automatisiert. Auch hier ist keinerlei nachhaltige Veränderung zu erwarten. Und die Vereine und Verlage machen, bis auf wenige schwarze Schafe, eine sehr gute Arbeit, allerdings verwalten sie eher das Elend, als dass sie eine Lösung dessen bewirken können.

Von daher werde ich zukünftig überlegen, ob ich eine Zeitung kaufe oder etwas Kleingeld gebe. Auch wenn ich eigentlich weiß, dass der momentane Zustand besser ist, als die totale Hilflosigkeit und dauerhafte Obdachlosigkeit. Die Lösung des Problems Obdachlosigkeit sehe ich in Straßenzeitungen hingegen nicht.

Ergänzend dazu:

Maserati-Harry: Die Treberhilfe ist vernichtet!

Straßenzeitungen

Zuviele Straßenzeitungen in der Hauptstadt?

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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3 Antworten zu Über Sinn und Unsinn von Straßenzeitungen

  1. Udo Biesewski schreibt:

    Ich war bei dem Verein Biss e.V. in München Zeitungsverkäufer. Etwas unsozialeres habe ich noch nie gesehen und erlebt. Mitarbeiter werden Betrogen und zum Sozialleistungbetrug genötigt. Nur wer viel Schwarzarbeitet wird gefördert mit Prämien im 1000 Euro Bereich natürlich auch in bar. Wer da nicht mitmacht wird gemobt und bedroht bis er geht. Ich nenne das moderne Mafia da viele Spenden in Parteien und Behörden gehen damit diese den Mund halten und alles vertuschen. Oder man Kauft sich von den Spenden in Wohngesellschaften ein um sich eigene Posten zu sichern. Ein Strassenzeitung sollte dem Armen Mann helfen und nicht das einige über 15000,- Euro im Jahr Schwarz verdienen.

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  2. Schrottelinchen schreibt:

    Hallo,

    ich bin eine Verkäuferin der hannoverschen Straßenzeitung ASPHALT und kann nur die Verhältnisse bei uns beschreiben und bewerten.

    ASPHALT wurde auch als reines Obdachlosenprojekt gegründet, wurde aber mit inkrafttreten der Hartz-Gesetze weiterentwickelt und für ALG II- und Grundsichrungsempfänger geöffnet. Obdachlos ist kaum (noch) einer von uns. Im Gegenteil, das zusätzliche Einkommen, in teilweise beträchtlicher Höhe, verhindert aktiv die Gefahr von Obdachlosigkeit, da nicht wenige Verkäufer wieder ein, in finanzieller Hinsicht, normales Leben führen können.

    Das hängt aber auch damit zusammen, das die ASPHALT-Verkäufer sehr angesehen sind und ihr bemühen, ihre Situation aktiv zu verbessern, honoriert wird.
    Bei uns sind viele Verkäufer in Frührente oder aus anderen Gründen nicht mehr auf dem ersten oder zweiten Arbeitsmarkt zu vermitteln.

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