Mensch, Uli! Was hast du denn da gemacht?

Ein Großer bringt sich selbst zu Fall.

Ich schicke diesem Artikel voraus, dass ich alles andere als ein Fan des FC Bayern München bin. Auch Uli Hoeneß‘ Auftreten fand ich in der Vergangenheit teils grenzwertig. Teilweise war die so genannte „Abteilung Attacke“ ja spaßig, auf Dauer aber doch sehr vorhersehbar und durchschaubar.

Nun gestehe ich jedoch offen zu, dass ich Uli Hoeneß dennoch schätzte. Kaum einer in der Bundesliga hat so viel Wissen in Sachen Fußball. Das fällt noch stärker ins Gewicht, wenn man mit ansieht, dass in vielen Vereinen immer seltener Personen mit Sachverstand in entscheidenden Positionen zu finden sind. Uli gebürt selbstverständlich Anerkennung für seine Verdienste um den FC Bayern. Mit Geschick und Weitblick gelang es ihm, den Münchner Klub zum mit Abstand besten Verein Deutschlands und zu einem Aushängeschild im europäischen Fußball zu machen. Und das, entgegen anderer Granden im Vereinsfußball, ohne Mäzenen-Millionen oder aber große Schuldenberge. Zieht man diese Aspekte zur Betrachtung hinzu, überragt der FC Bayern Teams wie Real Madrid, Manchester United oder AC Mailand sogar noch ein gutes Stück. Des Weiteren ist heute kaum noch jemand zu finden, der derart leidenschaftlich um den Deutschen Fußball kämpft. Auch wenn ich nicht mit jedem Standpunkt einverstanden war, so konnte ich bei Uli Hoeneß immer erkennen, dass seine Position von einer ungeheuren Liebe zum Sport getragen war. Und diese Liebe vertrat Hoeneß glaubwürdig. Überhaupt ist er einer der ganz wenigen so genannten Typen, die dem Deutschen Vereins-Fußball noch verblieben sind – geradlinig, lautstark, engagiert. Und all diesem sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg sattelte Hoeneß, ohne dies zu müssen, auch noch ein großes soziales Engagement oben auf. Dieses betraf sowohl sein Steckenpferd, den Fußball, wenn er beispielsweise Vereine wie Alemannia Aachen, den FC St. Pauli oder Fortuna Düsseldorf mit Freundschaftsspielen zu dringend notwendigen Einnahmen verhalf, obwohl gerade bei den beiden letztgenannten Vereinen eine tiefe Abneigung gegen den FC Bayern, dessen großes Kapital und vor allem Uli Hoeneß vorherrschte. Er hob jedoch auch den Blick über den Tellerrand und gründete beispielsweise die Dominik-Brunner-Stiftung, die sich für Zivilcourage einsetzt, wie es dessen Namensstifter getan hatte, als er Schüler vor Attacken zweier Jugendlicher schützte und dies letztlich mit dem Leben bezahlte. Damit nicht genug, nahm Hoeneß an Golfturnieren für gute Zwecke teil oder spendet Auftrittshonorare. Und all dies tat er, im Großen und Ganzen, ohne großes Aufhebens. Ein knallharter Manager, der sich auch seiner Verantwortung für Menschen außerhalb des Sports bewusst ist und entsprechende Taten folgen lässt. In anderer Sache hingegen suchte Hoeneß immer wieder die Öffentlichkeit und war ein gern gesehener Talk-Show-Gast: Wenn es um Steuergerechtigkeit und die nach seiner Meinung teils horrenden Belastungen durch den Staat ging. Aber auch wenn Kritik an mangelnder Transparenz oder gar Kungeleien im Fußball-Weltverband FIFA ans Tageslicht traten. Auch hier äußerte sich Hoeneß immer wieder und klagte vor allem den Verbands-Chef Josef Blatter und dessen Arbeit an.

Vor allem diese letzten Aspekte fallen nun auf Hoeneß zurück. Das vermeintliche Saubermann-Image und seine Forderungen nach Anstand und Moral stellen ihn im Zuge der Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung in ein mehr als schlechtes Licht. Hoeneß zeigt, dass er sich über die Jahre ein eigenes Bild von Gerechtigkeit und Redligkeit geschaffen hat, welches vom gesellschaftlich akzeptierten Bild deutlich abweicht.

Der Macher Hoeneß habe schon länger leidenschaftlich gern gezockt, so hört man nun. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase Ende der 90er Jahre hatte er einen großen Teil seines privaten Vermögens verloren. Daraufhin habe ihm sein langjähriger Freund, der mittlerweile verstorbene Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus, 5 Mio. DM auf das, seit den 70er Jahren bestehende, Konto in der Schweiz überwiesen und um eine Bürgerschaft über weitere 15 Mio. DM ergänzt. Sie wollten damit gemeinsam spekulieren, gibt Hoeneß jetzt an. Er gibt zu, dass er vor allem zwischen 2002 und 2006 nahezu Tag und Nacht mit teils horrenden Summen gezockt habe. Nach einiger Zeit konnte er mit erwirtschafteten Zinsen den Kredit ablösen. Nach der weltweiten Finanzkrise, die 2008 ihren Anfang nahm, habe er erneut deutliche Verluste erlitten. Im Jahr 2012, als das Deutsch-Schweizer Doppelbesteuerungsabkommen von der Bundesregierung initiiert wurde, hoffte er, das Konto darüber anonym legalisieren zu können. Ob dies tatsächlich sein Wunsch oder aber der Druck der Schweizer Bank Vontobel ausschlaggebend war, bleibt unklar. Nachdem das Abkommen am Widerstand der Opposition im Bundesrat scheiterte, entschloss sich Hoeneß Ende 2012 zu einer Selbstanzeige. Diese erfolgte am 12.01.2013. Am 20.03. fand eine Hausdurchsuchung am Tegernsee statt. Hoeneß wurde vorläufig festgenommen und nur aufgrund einer Kautionszahlung von 5 Mio. € auf freien Fuß gesetzt. Er habe mittlerweile eine Steuerschuld von 3,2 Mio. € zuzüglich Aufschlägen beglichen, heißt es weiter. Nachdem das Magazin Focus am 20.04.2013 über diese Vorgänge berichtete, bestätigte Hoeneß die Existenz des Kontos, widersprach jedoch Medien-Behauptungen, es würden mehrere hundert Millionen Euro darauf liegen. In der Spitze, so sagte er, seien es 15 bis 20 Millionen Euro gewesen.

Der Schaden war jedoch angerichtet. Ein Aufschrei in der Bevölkerung, den Medien und der Politik war die Folge. Möglicherweise wäre die Schelte der Politik ein wenig moderater ausgefallen, wenn nicht im Herbst diesen Jahres Bundestagswahlen anstünden. Da dies jedoch der Fall ist, schlachtete die Opposition, allen voran die SPD, die Causa Hoeneß für die eigenen Zwecke aus und fühlte sich in ihrer Ablehnung des Steuer-Abkommens mehr als bestätigt. Aber auch in der CDU rückte man ein Stück weit von ihm ab. Natürlich wollte dort niemand den Eindruck erwecken, man zeige sich gern mit Steuersündern. Auch dies ist kein feiner Schachzug von Frau Merkel, lud sie ihn zuvor doch offenbar mehrfach in das Kanzleramt ein und zeigte sich gern öffentlich mit dem erfolgreichen Manager, der trotz allem seine Bodenhaftung nie verloren hatte. Dennoch bleibt die Frage: Ist das so unverständlich? Fakt ist, dass die Schuld dafür weder in der Politik, noch in den, wiederum viel gescholtenen, Medien zu suchen ist. Selbstverständlich ist es Aufgabe der vierten Gewalt, seriös über solche Dinge zu berichten und da ist durchaus Nachholbedarf zu erkennen. Und auch die Politik muss sich fragen lassen, ob sie ihre Inhalte auf Kosten einer einzelnen Person in dieser Form kuntun muss. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Hoeneß ein Straftäter ist. Natürlich ist es richtig, dass ein Verfahren gegen ihn gerade erst eröffnet wurde, noch keine genauen Details bekannt sind und schon gar kein Urteil gefällt worden ist. Dennoch sei jenen, die nun fordern, niemanden vorzuverurteilen, gesagt, dass sowohl die Selbstanzeige, als auch die bereits getätigte Steuer-Nachzahlung ja ein Eingeständnis von Schuld darstellen. Demnach geht es nicht mehr darum, ob Uli Hoeneß schuldig ist, sondern nur noch um die konkreten Bedingungen und Fakten – und am Ende eben um das Strafmaß.

Dass ihm nun viele Weggefährten zur Seite springen, seiner Verdienste loben und die Hoffnung äußern, er solle ein Verfahren wie jeder Andere auch erhalten, ist nicht überraschend und auch verständlich. Dennoch schützen ihn große sportliche, wirtschaftliche und soziale Leistungen nicht vor eine Verurteilung. Wenn dem so wäre, würde der Orwellsche Satz: „Alle sind gleich, manche hingegen sind gleicher.“ greifen. Und dies darf in einem Rechtsstaat nicht passieren. Auch die Kritik, man würde mit einseitiger Parteinahme ein Monument stürzen, ist unangebracht. Denn das Monument, welches Hoeneß in Kollaboration mit den Medien errichtete, zerschlägt dieser nun selbst. Denn nur allzu gern verwies Hoeneß selbst auf seine sportlichen und wirtschaftlichen Erfolge und zeigte sich auch seinerseits gern mit den Granden aus Politik und Wirtschaft öffentlich. Er profitierte massiv von seinem Saubermann-Image. Nur die Ergänzung seiner Managertätigkeit um weitere Facetten führten dazu, dass Hoeneß in Deutschland viele Fans fand. Rein sportlich gesehen, ist er vielen Menschen nämlich nach wie vor ein Dorn im Auge.

Daher mutet es schon ein wenig skurril an, wenn er jetzt mit vermeintlichen Einblicken in sein Seelenleben zu punkten versucht. Die anfänglichen Versuche, die Tat einzugestehen und festzustellen, er habe einen Riesenfehler gemacht, werden durch sein momentanes Auftreten konterkariert. Die gezeigte Reue wirkt aufgesetzt, wenn er schildert, dass es ihm momentan sehr schlecht ginge, er schlecht schlafe, viel schwitze und sich um seine Familie sorge. „Ich bin der sozialste Mensch, den ich kenne“, habe er in einem Interview mit dem Tagesspiegel einmal gesagt. Er wird auch mit den Worten zitiert: „Ich weiß, dass es doof ist. Aber ich zahle volle Steuern.“. Diese Aussagen erwecken den Anschein, als habe Hoeneß in den vergangenen Jahren sein eigenes Bild von Ehrlichkeit und Gerechtigkeit erschaffen. Offenbar mündet diese verzerrte Wahrnehmung nun in dem Versuch, sich auch als Opfer darzustellen. Es ist nicht zu vermitteln, dass er sich im Moment so große Sorgen um sich und seine Familie macht, aber kein Problem damit hatte, jahrelang den Deutschen Fiskus, und somit alle Bürger der Bundesrepublik, zu hintergehen. Nochzumal er eingesteht, dass er immer schon wusste, dass dieses Handeln nicht legal ist. Nur noch peinlich erscheint der aktuelle Versuch, sein Vergehen mit einer Art Spielsucht zu erklären versuchen. Hat er sich denn je Hilfe gesucht? Und wie kommt es, dass er glaubt, mittlerweile therapiert zu sein? Des Weiteren ist fraglich, wie man einerseits süchtig sein kann, was ja mit Verdrängung der Krankheit einhergeht, andererseits jedoch rational erkennt, Unrechtes zu tun. Dies kann er nicht glaubhaft erklären. Aus diesem Grund scheint die einzige Triebfeder hinter den Schilderungen seines momentanen Befindes zu sein, dass er sich wenn schon keine Strafmilderung, dann doch eine Korrektur seiner Darstellung erhofft. Und diese darf ihm, trotz aller Leistungen und Verdienste, nicht gewährt werden. Er darf keinen Prominenten-Malus erhalten, jedoch auch nicht auf einen Bonus hoffen. In beiden Fällen würde der Rechtsstaat kapitulieren. Was jedoch seine Vorbild-Funktion anbelangt, da darf Uli Hoeneß auf keinerlei Schadensbegrenzung hoffen. Denn die Fallhöhe hat er durch sein öffentliches Wirken als Saubermann, als Geschäftsmann mit Herz und als Vertreter von Anstand und Moral selbst bestimmt.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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