Innerdeutscher Fremdenhass

Warum ausgerechnet die Schwaben?

Gentrifizierung – bei diesem Begriff stellen sich mittlerweile bei nahezu allen Bewohnern Berlins die Nackenhaare auf. Bei einer Gruppe, weil sie sich sofort verbal in Rage reden möchte und alle persönlichen Sorgen sowie die Probleme der Stadt unter diesem Begriff zu subsummieren versucht. Bei der anderen Gruppe dürfte die Reaktion jedoch ähnlich ausfallen, da sie sich einer fortwährenden Kritik der „Ur-Berliner“ ausgesetzt und sich von diesen geradezu dämonisiert sieht. Immer wieder fällt dabei auf, dass diese zweite Gruppe nahezu ausschließlich aus Schwaben zu bestehen scheint. Zumindest, wenn man den Gegnern der Gentrifizierung Gehör schenkt. Ist es tatasächlich so, dass die bösen Gentrifizierer alle aus dem Schwaben-Ländle kommen?

In meinen Augen zerfällt die Debatte um die Gentrifizierung in zwei Komponenten. Die erste ist die tatsächliche bauliche Veränderung der Stadtviertel, mit all ihren Konsequenzen. Diesem Aspekt möchte ich mich jedoch nicht annehmen, weil er mittlerweile wissenschaftlich, populär-wissenschaftlich, satirisch und polemisch hinreichend diskutiert worden ist und zu teils unversöhnlichen Positionen führte. Ich möchte mich der zweiten Komponente widmen, der Veränderung des Miteinanders und des Stadlebens. Denn, ich sehe darin die deutlich größere Gefahr für das „Ur-Berlinerische“, als durch die Sanierungen und die steigenden Mieten.

Zur ersten Komponente möchte ich mich nur insofern äußern, als dass nach meiner Meinung, Veränderungen dringend notwendig waren. Bei einer Geographie-Exkursion 1997 oder 1998 in den Prenzlauer Berg bekam ich einen Eindruck von der schlechten Bausubstanz vieler Gebäude. Feuchtigkeit in den Wänden, kaum Wärmedämmung, undichte Fenster, um hier nur einige Dinge zu nennen. Insofern sind die Maßnahmen, die seither ergriffen wurden, mehr als nachvollziehbar. Dennoch wurden diese frühzeitig von Kritik an den Immobilien-Spekulanten und eben den Schwaben begleitet. Natürlich, das erste „Opfer“ der Gentrifizierung in Berlin war der Prenzlauer Berg. Und in dieser Frühphase waren es sehr viele Schwaben, die nach Berlin zogen und sich vornehmlich dort ansiedelten. Dennoch sind mittlerweile einige Jahre ins Land gegangen und neben dem Prenzelberg ja auch der Friedrichshain, Mitte und Teile Kreuzbergs, Neuköllns und Treptows gentrifiziert worden. Und seither kamen auch andere innerdeutsche Minderheiten nach Berlin und ließen sich hier nieder. Die meisten kommen, was nicht überrascht, aus dem benachbarten Brandenburg (24.000/jährlich). Dann folgen Nordrhein-Westfalen (12.000), Bayern (8.300) und erst auf dem vierten Rang Baden-Württemberg (knapp 7.700), wenngleich die Schwaben nur einen Teil dieser Gruppe stellen. Das bedeutet also, dass andere Bundesländer zahlenmäßig viel stärker in Berlin vertreten sind als die Schwaben. Daran kann es demnach nicht liegen. Die Gründe für die tiefe Abneigung müssen offenbar woanders zu finden sein. Ich begebe mich daher auf eine eher kulturelle Spurensuche.

So, wie noch heute Klischees über das Preußentum kursieren, so existieren diese nach wie vor auch über Schwaben. Sie stehen angeblich für Leistung, Wohlstand, Effizienz, aber auch für Pedanterie, Geiz und ihre Kehrwoche. In Berlin hat sich die Klischee-Landschaft noch um einige Facetten erweitert – und zwar um ausschließlich negative. Hört man den Berlinern zu, dann erfährt man so Einiges über die Zuzöglinge aus dem Ländle. Spießig seien sie, protzig, machten mit ihrem dicken Geld die Stadt kaputt und seien nicht anpassungwillig. All dies ist noch beschaulich im Vergleich zu martialischem Graffiti oder Plakaten, die zum Kampf gegen Schwabylon aufrufen. Nun ist es jedoch schwer vorstellbar, dass nur Schwaben diese negativen Eigenschaften haben sollen. Gelten nicht auch Düsseldorf (NRW) oder Frankfurt am Main (Hessen) als Bonzenstädte mit gutbetuchten Einwohnern? Oder beheimatet nicht Hamburg deutschlandweit die meisten Millionäre? Und sagt man nicht auch den Bayern Spießigkeit und Konservatismus nach? Die Antworten lauten: Doch.

Was machen die Schwaben dann falsch? Mir kam da eine Vermutung, was Schwaben von anderen innerdeutschen Minderheiten womöglich unterscheidet: Ihr Sendungsbewusstsein.

Was haben die Schwaben denn neben viel Geld noch nach Berlin mitgebracht? Als Geburtstätte der Bio-Kultur fragen sie entsprechende Produkte verstärkt nach. Darauf war Berlin nicht vorbereitet, hat jedoch mittlerweile entsprechend reagiert. Bio-Supermärkte schossen teils wie Pilze aus dem Boden. Aber dabei blieb es nicht. Auch in Cafés waren nun neue Produkte erwünscht. Ein Café Latte sollte doch bitte auch mit Sojamilch zu bekommen sein. Und so blieb es stellenweise nicht mehr nur bei Wünschen, sondern es wurde Kritik laut, wenn man nicht im Angebot hatte, was die, nun immer öfter schwäbische, Kundschaft haben wollte. Auch die Zahl schwäbischer Bäcker stieg rasant. In einem Artikel las ich, dass in den 70er Jahren kaum ein Berliner Maultaschen kannte, es mittlerweile zumindest im Prenzlauer Berg jedoch an jeder Ecke Spätzle zu kaufen gäbe und nahezu jeder Bio-Laden schwäbischen Riesling anbieten würde. Die Geschäfts- und die Angebotskultur wurden kräftig auf den Kopf gestellt, und zwar nicht nur im Prenzelberg. Und davon scheint nicht jeder begeistert zu sein.

Ein weiterer Aspekt ist der Stellenwert von Kindern bzw. deren Erziehung. Der Mythos vom Pregnancy-Hill ist ja mittlerweile hinlänglich widerlegt, dennoch ist es Fakt, dass man im Prenzelberg sehr viele Kinderwagen sieht (gerne sehr hochwertige Modelle) und Kinder das Bild des Bezirkes zumindest mitprägen. Und diese Kinder werden zum einen offenbar überall mit hingenommen und dürfen sich nach Herzenslust austoben, teilweise auch ohne Rücksicht auf andere Passanten. Als ein Cafébesitzer dem ein Ende setzte, als er einen Poller vor die Eingangstür stellte, an dem ein Vorbeikommen mit Kinderwagen nicht möglich war, hagelte es entsprechend Kritik und der Vorwurf von mangelndem Verständnis für Kinder wurde laut. Eine Anekdote zu diesem Thema weiß auch ich beizusteuern. In der Videothek meines Vertrauens suchte ich gerade nach einem Film. Da trat ein junger Vater mit zwei Kindern ein und sah die Kinderfilme durch. Plötzlich fragte er, sein Akzent verriet ihn leider, ob sie lediglich diesen einen Bibi Blocksberg-Film hätten. Schuldbewusst entgegnete der Betreiber, ja, man habe leider nur diesen. Daraufhin sagte der Vater (ich zitiere hier wortwörtlich): „Ey, ihr seid so kinderfeindlich!“. Ich hielt dies anfangs für einen Scherz, stellte dann jedoch fest, dass dem nicht so war. Es trifft sicher Einiges auf diese Videothek zu, aber ganz sicher nicht, dass dort Kinderfeindlichkeit herrscht. Holzspielzeug, Kinderklamotten, die man dort auch kaufen kann, viele Gesellschaftsspiele, die sich ausleihen lassen und im Sommer ausgeschenktes Soft-Eis sprechen durchaus dagegen. Diesem Familienvater genügte das offenbar nicht.

Der dritte Aspekt ist sicherlich der medial präsenteste: Das Nightlife bzw. die Clubkultur. Die Berliner Politik wirbt offen dafür. Nicht nur die Techno-Szene sorgte in den 90er Jahren für regen Zustrom von Partygästen aus aller Welt. Doch dieser kulturell wie wirtschaftlich bedeutsame Aspekt ist immer stärker bedroht. Immer wieder beklagen Betreiber und Gäste, dass die Zahl der Beschwerden und die Häufigkeit der Polizeibesuche deutlich zugenommen haben, was im Übrigen auch die Polizeistatistiken bestätigen. Einige Clubs reagierten, so zum Beispiel das legendäre SO36, und ließen für viel Geld Schallschutz einbauen oder diesen weiter aufrüsten. Solche Summen (beim SO36 waren es 100.000€) kann jedoch nicht jeder Club stemmen. Im Knaack-Klub, wo einst Bands wie Rammstein oder die Toten Hosen Konzerte gaben, war Ende 2010 nach 58 Jahren Schluss. Der Club hatte seit jeher in einem Wohngebiet gelegen. Früher stellte dies offenbar kein Problem dar, auf den Druck der Besitzer von Eigentumswohnungen hin, stellte man den Betrieb jedoch ein. Die Liste bereits geschlossener (Knaack, Maria, Kiki Blofeld, Bar 25, Klub der Republik) oder bedrohter Clubs (Yaam, Schokoladen, Lido, Roter Salon, RAW-Tempel und Astra, Schokoladen, Morlox, Lovelite) ist sehr lang. Erwähnt werden sollte auch, dass sich beispielsweise das Yaam oder der RAW-Tempel nicht nur an Feierwütige richten, sondern ein umfangreiches Kultur- und Sportprogramm oder aber eine Töpferwerkstatt und einen Flohmarkt für Interessenten bereithalten. Dennoch werden sie auf Dauer entweder umziehen (seit seiner Gründung 1994 hat das Yaam bereits sechs Mal den Standort gewechselt) oder den Betrieb gänzlich einstellen müssen. 4Nichtmal vor einer Institution wie der Kulturbrauerei mit seinen Kinos, einem Theater und zahlreichen Clubs, macht diese Entwicklung halt. Was bei dieser bedauernswerten Entwicklung immer wieder festzustellen ist, ist der Umstand, dass selbst Klagen einzelner Mieter zu Clubschließungen führen. Auch dabei seien es immer wieder die Zuzöglinge aus dem Süden der Republik, die eine Vorreiterrolle einnähmen. Und diese scheinbare Schizophrenie ärgert viele Berliner. Junge Menschen ziehen in die pulsierenden Teile der Stadt, tobten sich dort selbst einige Jahre aus, empfinden sie dann jedoch als lästig und Ruhe störend, so dass sie dagegen vorgehen. Aus Unverständnis und Frustration heraus entstand der Slogan: „Erst wenn die letzte Eigentumswohnung gebaut, der letzte Klub abgerissen, der letzte Freiraum zerstört ist, werdet ihr feststellen, dass der Prenzlauer Berg zu der Kleinstadt geworden ist, aus der ihr einmal geflohen seid.“. Sehr interessant ist hierbei, dass selbst Schwaben, die Anfang der 90er Jahre nach Berlin kamen, dem Zuzug aus ihrer ehemaligen Heimat kritisch gegenüberstehen, weil dieser hier Verhältnisse wie in Süddeutschland schaffe. Und diese Behauptung stammt nicht von einem Berliner, sondern vom Dienststellenleiter der Landesvertretung Baden-Württemberg.

Doch wie reagieren nun die Gescholtenen auf diese feindselige Atmosphäre? Teilweise leider ebenso feindselig. Und schlimmer noch, sie bestätigen einige Klischees, die über sie in Umlauf sind. Der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs, Günther Oettinger, zum Beispiel argumentierte, die Berliner Lebensqualität wäre ohne Schwaben ja nicht möglich. Zum einen, weil sie als Zuzöglinge Geld nach Berlin brachten und Jobs schufen, zum anderen weil die Stadt ja in höchstem Maße vom Länderfinanzausgleich profitiere, in den eben momentan nur noch Bayern, Hessen und Baden-Württemberg einzahlen. Am letzten Fakt gibt es nichts zu deuteln, jedoch befeuert er die Kritik der Berliner, Schwaben glaubten alle Regeln diktieren zu können, weil sie zahlungskräftig sind. Auch an anderer Stelle wird dies deutlich. So wird immer wieder gegen Clubs und deren Betreiber argumentiert, diesen ginge es doch gar nicht um Kultur, sondern um den Schutz ihrer Arbeitsplätze und ihrer Einkommen. Andererseits wird den Berlinern jedoch der Vorwurf gemacht, nicht genügend geschäftstüchtig zu sein. Und wenn es in Kommentaren zu Artikeln über Schwaben-Basching dann heißt, wenn man das sinkende Schiff verließe, würde das Ganze binnen weniger Jahre in den Sand gesetzt, sehen sich nicht wenige Berliner in ihrer Antipathie bestätigt. Von daher scheint die Annahme, Schwaben praktizierten ihre Lebensphilosphie sehr offensiv und rechtfertigen ihre Forderungen, sei es nach gewissen Produkten, Freiräumen für Kinder oder aber nach nächtlicher Ruhe, damit, dass sie schließlich dafür zahlten, nicht ganz von der Hand zu weisen. Daher kann ein großer Unterschied zu anderen innerdeutschen Minderheit schon im Sendungsbewusstsein gesehen werden.

Und die Berliner? Wie gehen sie mit alledem um? Das politisch eher links-orientierte Berlin, welches nicht selten pro multi-kulti argumentiert, erfreut sich zum Karneval der Kulturen der vielen Völker und Volksgruppen, die dort ihre Kultur zelebrieren, meckert dann jedoch über „Fremde“ aus dem eigenen Land. Schlimmer noch ist der Umstand, dass völlig zu Recht gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufgestanden wird, bei teils bedrohlicher Äußerungen gegen Schwaben oder Sachbeschädigungen und Brandstiftungen aber eher zustimmend geschwiegen wird. Weiterhin beklagen viele die schlechte Job-Situation und die geringen Löhne, blockieren dann aber am Liebsten jede Innovation oder beschweren sich, wenn große Unternehmen sich hier anzusiedeln versuchen. Weiterhin steht es, vor allem alternativen Kreisen, schlecht zu Gesicht, wenn sie Ökologie und Umweltschutz prädigen, dann jedoch gegen jede Form baulicher Veränderung, zum Beispiel den Einbau moderner Fenster oder Wärmedämmung, demonstrieren.

Der einzige Weg scheint zu sein, dass die Berliner nicht versuchen, die Schuld für alle, aus ihrer Sicht, negativen Entwicklungen den Schwaben in die Schuhe zu schieben. Die Schwaben hingegen sollten ein wenig mehr Fingerspitzengefühl walten lassen und sich vorstellen, wie es ihnen ginge, wenn andere Bevölkerungsgruppen in ihren Städten plötzlich mit Geld wedelten und die Bedingungen zu diktieren versuchen.

Auch zum Thema passend:

Stoppt die Diktatur der Egoisten!

Bagger auf der Tanzfläche

Advertisements

Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Innerdeutscher Fremdenhass

  1. Marc schreibt:

    Man kann es nicht oft genug sagen: Es gibt kein Lebensrecht auf Wohnen in der Innenstadt. Dieser Staat erkennt EIGENTUM als privates Gut an und der EIGENTÜMER kann mit seinen Dingen machen, was er möchte – und das ist auch gut so.
    Und Maddin: Ohne die „süddeutschen Gruppen“ wäre Berlin schon längst pleite / untergegangen.

    Gefällt mir

    • Alexander(s)platz schreibt:

      Hey Marc,

      danke für deine Einschätzung. Allerdings geht es ja eben auch darum, dass nicht nur in den szenigen Innenstadt-Bezirken kaum noch bezahlbare Wohnungen zu finden sind, sondern in sehr vielen Berliner Bezirken.

      Der Umstand, dass Berlin ohne süddeutsche Gruppen Pleite wäre, ist nicht bewiesen. Wie auch? Des Weiteren zeigen ja die Zahlen, dass der Anteil von Schwaben und/oder Bayern am Gesamtzuzug nicht exorbitant groß ist. Weiterhin dürften dann ja nur Bezirke prosperieren, in denen Schwaben und Bayern leben bzw. arbeiten, oder?

      Gefällt mir

  2. kajuete schreibt:

    „Bei einer Gruppe, weil sie sich sofort verbal in Rage reden möchte und alle persönlichen Sorgen sowie die Probleme der Stadt unter diesem Begriff zu subsummieren versucht.“

    Unterstellung und Verallgemeinerung. Kritiker von Gentrifizierungsprozessen sowie die Mitarbeiter von Mietervereinen und Stadtteil-Inis tun das nicht, weil sie persönliche Probleme hätten, sondern weil ihnen die Stadt und ihr Wohnumfeld am Herzen liegen.

    „da sie sich einer fortwährenden Kritik der “Ur-Berliner” ausgesetzt und sich von diesen geradezu dämonisiert sieht.“

    Warum Ur-Berliner in Anführungsstrichen? Trotz der herrschenden Meinung, dass in Berlin nur Zugezogene leben würden, gibt es sehr wohl Menschen, die hier geboren wurden.

    „Und in dieser Frühphase waren es sehr viele Schwaben, die nach Berlin zogen und sich vornehmlich dort ansiedelten.“

    Hast Du Zahlenmaterial dafür? Der verlinkte Artikel bezieht sich nur auf die letzte Zeit.

    „… und neben dem Prenzelberg ja auch der Friedrichshain …“

    Biste Zugereister? „Prenzlauer Berg“ bitteschön! 😉

    „All dies ist noch beschaulich im Vergleich zu martialischem Graffiti oder Plakaten, die zum Kampf gegen Schwabylon aufrufen.“

    martialisch: mit unverhohlener Härte gegen jemanden oder etwas vorgehend; grausam, kriegerisch, furchterregend (http://de.wiktionary.org/wiki/martialisch)

    Ich finde das Gekrakel eher platt und infantil. Und warum wird die gesamte 3,5 Mio Bevölkerung Berlins wg. einer handvoll Slogans und Plakaten zu Schwaben-Hassern abgestempelt? Wieder: Verallgemeinerung.

    „Gelten nicht auch Düsseldorf (NRW) oder Frankfurt am Main (Hessen) als Bonzenstädte mit gutbetuchten Einwohnern? … Was haben die Schwaben denn neben viel Geld noch nach Berlin mitgebracht?“

    Hier sprichst Du das eigentliche Thema an: Geld und die unterschiedliche Verteilung davon in Dtl.

    „In einem Artikel las ich, dass in den 70er Jahren kaum ein Berliner Maultaschen kannte“

    Warum sollten Berliner keine Maultaschen kennen? Kochbücher gab es auch in der DDR und die Westberliner durften in die BRD reisen oder kamen daher – insofern eher fragwürdig. Quelle zu dem Artikel?

    „Die Geschäfts- und die Angebotskultur wurden kräftig auf den Kopf gestellt, und zwar nicht nur im Prenzelberg. Und davon scheint nicht jeder begeistert zu sein.“

    Wie viel Prozent von Geschäftsbetreibern und Gastronomen im PB sind Schwaben?

    „… ist der Umstand, dass selbst Klagen einzelner Mieter zu Clubschließungen führen. Auch dabei seien es immer wieder die Zuzöglinge aus dem Süden der Republik, die eine Vorreiterrolle einnähmen.“

    Richtig: „einnähmen“. Ob die Club-Schließungen durch Neuberliner mit schwäbischen Migrationshintergrund durchgedrückt wurden, ist vollkommen fraglich.

    „Am letzten Fakt gibt es nichts zu deuteln, jedoch befeuert er die Kritik der Berliner, Schwaben glaubten alle Regeln diktieren zu können, weil sie zahlungskräftig sind.“

    Wieder: Geld vs. weniger Geld.

    „Das politisch eher links-orientierte Berlin, welches nicht selten pro multi-kulti argumentiert, erfreut sich zum Karneval der Kulturen der vielen Völker und Volksgruppen, die dort ihre Kultur zelebrieren, meckert dann jedoch über “Fremde” aus dem eigenen Land.“

    Wieder: Verallgemeinerung. Soweit mir bekannt, feiern der Bürgermeister von Neukölln und diverse Berliiner Rechtskonservative Multi-Kulti nicht so ab.

    „Weiterhin beklagen viele die schlechte Job-Situation und die geringen Löhne, blockieren dann aber am Liebsten jede Innovation oder beschweren sich, wenn große Unternehmen sich hier anzusiedeln versuchen.“

    Welche Fälle gibt es, wo Anwohner die Ansiedlung von Firmen verhindert haben? Und welche Innovationen meinst Du?

    Dein Text versucht die Veränderungen (Sanierungen, Bioläden, Club-Schließungen …) in Berlin fast ausschließlich den Schwaben anzuheften, ohne es belegen zu können. Wenn die meisten Neuberliner aus ganz anderen Bundesländern und Ländern kommen, müsste man eigentlich zum Schluss kommen, das mehr Hände mitmischen. Oder die wenigen Schwaben sind so unglaublich aktiv, dass sie das alles alleine wuppen.

    Du beschreibst größtenteils unterschiedliche Lifestyles und Konsumverhalten (Latte, Soja, Maultaschen …). Es geht aber bei der ganzen Gentri-Debatte eher um Macht- und Besitzverhältnisse und wie diese die Bevölkerungs- und Stadtentwicklung beeinflussen.

    Wie ich bereits bei A. Holm schrieb – „Schwabe“ ist nur das Synonym für Leute, die sich Dank ihrer Finanzen (oder wenigstens Kreditwürdigkeit) Eigentumswohnungen, Häuser und Baugruppenprojekte leisten können. Es wäre daher treffender sie als „Wohlhabende“ zu bezeichnen. Was man in Berlin seit der Wende beobachten kann ist nicht der Clash zw. Schwaben und Berlinern, sondern zw. Wohlhabenden und Leuten mit wenig Geld.

    PS: das Kommentarfeld ist zu klein

    Gefällt mir

    • Alexberlinblog schreibt:

      Vielen Dank für den Kommentar und die ergänzenden und korrigierenden Hinweise. Ich versuche meine Antwort kurz zu halten.

      1. Es handelt sich um einen Blogeintrag, nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, in der jedweder Aspekte mehrseitig beleuchtet werden kann. Die entstehende Textmenge würde kein Mensch lesen.
      2. Mir geht es in dem Artikel eben NICHT um Gentrifzierung, sondern darum, warum die negativen Entwicklungen im Zusammenleben vornehmlich mit Schwaben assoziiert werden.
      3. Ja, es gibt gebürtige Berliner. Einer davon bin ich selbst. Ich höre jedoch permanent von anderen Menschen, dass sie überrascht sind, mal auf einen Urberliner zu treffen. Im Übrigen bezeichnen auch Urberliner den Bezirk als Prenzelberg – und taten dies auch schon zu Vorwendezeiten. Das ist keine Zugezogenen-Innovation.
      4. Eine Geschäfts- und Angebotskultur kann sich im Übrigen ändern, ohne, dass sofort alle Betreiber wechseln. Im türkischen Gemüsenladen bekomme ich ja auch deutsche Kartoffeln oder asiatische Produkte.
      5. Ja, eben. Es mischen vielmehr Hände mit. Und genau darum ist es ja so überraschend, dass alles vermeintlich Negative mit einer Gruppe von Menschen in Verbindung gebracht wird. Neben dem Problem, dass Schwaben aufgrund der Sprache sehr häufig erkannt werden, wollte ich einen anderen Ansatz betrachten – das Sendungsbewusstsein bzgl. des eigenen Lebensentwurfes. Und wie dieser möglicherweise mit dem der Berliner kollidiert.
      6. Beispiele, bei denen Innovationen verhindert werden oder zumindest erschwert werden sollten, gibt es zu Hauf: Media-Spree, die Mercedes-Zentrale Berlin, der Bio-Supermarkt Meyerinckplatz etc. Ich heiße im Übrigen nicht alles gut, versuche ja nur eine gewisse Zwiespältigkeit in der Haltung nachzuweisen.

      Gefällt mir

      • kajuete schreibt:

        Hi Alexberlinblog,

        nimm meinen Kommentar bitte nicht als Entmutigung dein Blog zu schreiben. Mir war der Text nur zu unpräzise und unschlüssig.

        zu 2: Warum Schwaben? Ich glaube da müsste man stärker auf die regionalen Klischees eingehen. In der DDR galten immer die Sachsen als Deppen. Das westdeutsche Pendant sind offensichtlich die Schwaben. Ich vermute, das bereits im Vorwende-Westberlin Schwaben als der Inbegriff von provinziellem-Deutschtum galten. Die damit verbundenen Werte und Charaktereigenschaften waren absolut passé bei den „coolen“ Groß- und Frontstadt Berlinern.

        zu 3. Ja, geht mir auch so. Aber zum Thema „Prenzlberg“: http://www.prenzlauerberg-nachrichten.de/alltag/_/wer-prenzlauer-berg-sagt-ist-prenzlauer-berge.html

        zu 4./5.: Okay, verstehe.

        zu 6.: Beim Alnatura Biomarkt geht es in erster Linie um die Belastung durch zu viele Lieferfahrzeuge in der Straße. Das hat wenig mit Schwaben oder Innovationsfeindlichkeit zu tun.

        Ja, bei Mediaspree/Mercedes wären sicherlich auch ein paar Jobs für Berliner entstanden. Allerdings ist das Gelände in einer Umgebung, in der solch ein Unternehmen nicht passt bzw. der Bau solcher Projekte zu Mietsteigerungen in der Umgebung führen kann. Und da sind wir wieder beim Thema Gentrifizierung …

        Ich glaube, wenn es entsprechende Gesetze geben würde, die Mieter vor Mietsteigerungen und Verdrängung besser schützen würden, dann hätten viele Berliner mit diesen Bauprojekten wahrscheinlich weniger Probleme. Obwohl, Mercedes kommt aus Stuttgart … 🙂

        Gefällt mir

        • Alexberlinblog schreibt:

          Hallo kajuete,

          um Himmels Willen. Nein, ich lasse mich natürlich nicht entmutigen. Ich freue mich über kritische/ergänzende Kommentare. Da wird die Diskussion ja erst spannend:
          „Freue dich mehr über intelligenten Widerspruch als über passive Zustimmung; denn wenn die Intelligenz so viel wert ist, wie sie dir wert sein sollte, dann liegt im Widerspruch eine tiefere Zustimmung.“ (Bertrand Russell)

          Nun zum Text:
          Die Idee, dass die Schwaben bereits vor der Wende im Westen eine ähnliche Rolle hatten, wie die Sachsen in der DDR ist gar nicht mal so schlecht. Wenngleich ich aus heutiger Sicht immer den Eindruck habe, dass Bayern, BA-WÜ und Hessen früher absolut tonagebend gewesen sein müssen, so wie sie sich teils heute noch gerieren.

          OK, das mit dem Prenzlauer Berg war mir nicht bekannt. Allerdings stamme ich nicht aus diesem Bezirk und habe dort auch nie gewohnt. 🙂

          Ja, die Kritik an Alnatura dreht sich tatsächlich in der Hauptsache um das (teils bewusst falsch prognostizierte) Verkehrsaufkommen. Wenn man allerdings diesen Artikel liest, bekommt man den Eindruck, dass da noch ein wenig mehr in der Kritik mitschwingt. Wenn einerseits die Tradition des Kinos beschrieben wird und dem die Umsätze des Unternehmens gegenübergestellt werden. Das ist auch wieder der Antagonismus traditionell/arm neu/reich.

          http://www.tagesspiegel.de/berlin/stadtentwicklung-eine-kleine-ortszerstoerung/7954608.html

          Selbstverständlich würde es die Menschen viel weniger tangieren. Eben weil Wohnraum zu den fundamentalsten Bedürfnissen des Menschen gehört, und dieser immer schwerer zu bezahlen ist bzw. nur durch Umziehen erreicht werden kann, gehen ja so viele Menschen auf die Barrikaden. Bei Vielen habe ich jedoch den Eindruck, dass sämtliche Probleme in der Gentrifizierungsfrage kulminieren.

          Gefällt mir

  3. Maddin schreibt:

    Ich denke auch der sprachliche Unterschied spielt hier z.T. eine Rolle. Die meisten kommen aus Brandenburg, NRW, aber auch Meck Pomm. Hochdeutsch (was der gemeine Westberliner ja größtenteils spricht) und starker Berliner Dialekt aus dem Brandenburgischen stellen eine eher neutrale Kommunikationsbasis für die Berliner dar. Somit wird nicht gleich beim ersten Satz der Gesprächspartner zurückgewiesen.
    Zu der Erkenntis, dass Vorurteile bezüglich entsprechend Süddeutscher Gruppen oftmals zutreffen fällt mir nur eins ein…..JAAA, da hast du recht.

    Gefällt mir

Schreib etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s