Zeit- und Nervendieb moderne Technik

„Die Welt braucht bessere Technik?“

„Vorsprung durch Technik“ oder aber „Technik, die begeistert“ – Auch wenn es sich hierbei nur um Slogans zweier Auto-Hersteller handelt, sind deren Kernaussagen heute doch allgemein in unserer Gesellschaft gültig. Wird uns nicht allerorten suggeriert, dass Technik, in verschiedenster Form, wichtig ist, Zeit spart, uns flexibel und unabhängig macht, uns infomiert, unseren Aufwand reduziert, uns unterhält und überall verfügbar ist – Oder anders: Ohne Technik heute nicht mehr viel geht?

Bei aller Zuspitzung glaube ich, mit dieser Zusammenstellung nicht ganz falsch zu liegen. Ich gebe an dieser Stelle gern zu, dass ich zwar technikaffin bin, jedoch im Haushalt nicht wenige sehr schlechte Erfahrungen mit Technik gemacht habe. So verließ mich vor drei Tagen meine Kaffeemaschine überraschend. Aber auch mein Computer, meine Anlage, mein Handy, mein Fernseher und, ach ja, meine Türklingel haben in den vergangenen Jahren nicht selten meine Nerven strapaziert und mir viel Zeit geraubt. Über entstandene Magengeschwüre möchte an dieser Stelle gar nicht erst spekulieren. Nun kann man entgegnen, dass es sich hierbei, vielleicht mit Ausnahme des Handys, um Technik handelt, die bereits seit Jahrzehnten unseren Alltag begleitet, neue Technik hingegen nicht mit Problemen der Vergangenheit aufwartet.

Ich gestehe gerne zu, dass es nicht wenige Innovationen in den zurückliegenden Jahren gab, die sehr sinnvoll und nutzbringend sind. Ich selber nutze diese auch mit großer Begeisterung. Jedoch sehe ich auch bei diesen mein Nervenkostüm und mein Zeitkonto immer wieder vor erhebliche Herausforderungen gestellt.

Da betrete ich beispielweise den S-Bahnhof und schaue an die moderne Anzeige in dunklem Blau, die hier in Berlin ihre deutlich hässlichere, mausgraue Vorgängerin abgelöst hat bzw. an einigen Bahnhöfen noch ablösen soll. Diese, dem Selbstverständnis Berlins als moderner Stadt von Weltrang deutlich besser entsprechende Anzeige, hat einige Vorteile. Früher zeigte sie lediglich die Endhaltestelle des folgenden Zuges an. Heute hingegen gibt sie Auskunft über die zwei kommenden Züge und deren Ankunftszeit in heruntergezählten Minuten. Wenn dann eine Restzeit von 2 Minuten verbleibt, springt sie um und zeigt ausschließlich den folgenden Zug an, nun jedoch ergänzt um alle wichtigen Bahnhöfe, denen dieser auf seiner hoffentlich pünktlichen Fahrt, einen Besuch abzustatten gedenkt. Alles super, denkt der sonst so geplagte S-Bahn-Fahrer.

Ja, eine solche Anzeige macht Sinn, wenn es nicht immer wieder vorkommt, dass sie beispielsweise noch eine Zeit von vier Minuten bis zum Einfahren des folgenden Zuges kundtut, in dem Moment jedoch eine S-Bahn den Bahnhof erreicht. Stimmt die Zeit nicht? Fährt die Bahn nur durch? Oder ist die einfahrende Bahn bereits von der Anzeige verschwunden? Man weiß es nicht. Noch spaßiger hingegen ist es, wenn das am Zug sichtbare Fahrziel, die Anzeigetafel und die Ansage des Bahnhofspersonals jeweils ihre eigene Meinung dazu haben, wo die S-Bahn denn nun hinfährt. Wer dies bereits lustig findet, dem sei gesagt, dass es die Deutsche Bahn AG noch besser kann. Nachdem der Herr Grube den Herrn Mehdorn als Chef-Komiker ablöste, wurde unter seiner Ägide die wohl witzigste und zugleich verwirrendste Anzeige gestaltet. Da zeigt die Tafel dem Kunden an, dass sie eigentlich gar nichts anzeigt. „Anzeige außer Betrieb“ heißt es …auf der Anzeige. Da will mich ja wohl jemand necken. Oder bin ich über das ganze Auf-dem-Bahnhof-Gestehe und Auf-verspätete-Züge-Warten verrückt geworden? Damit nicht genug ist Herr Grube offenbar Fan der Trilogie Zurück in die Zukunft, gelingt es doch seinen herannahenden Bahnen, in der Zeit zurückzureisen, wenn sich ihre Ankunftsdauer von zwei wieder auf vier Minuten erhöhen kann. Das, was bei Marty McFly Utopie blieb, ist bei der Deutschen Bahn und ihrer Technik offenbar ein Klacks.

Wo wir gerade bei der Fortbewegung sind, dürfen natürlich auch nicht solche Errungenschaften wie Navigations-Systeme vergessen werden. Diese ganzen TomToms, Navigons, Falks und Garmins, die uns eigentlich schnell und ohne großes Suchen an unser gewünschtes Ziel bringen sollen. Jaja, so hatten WIR uns das gedacht. Navis sind offenbar nicht minder große Spaßvögel, als die Kabarettisten beim Satire-Gipfel. Nicht selten verheimlichen sie uns die wirklich kürzeste Strecke, enthalten uns Staus vor oder lassen die nette Dame in dem kleinen Ding mit Karten von anno dazumal arbeiten, wenn sie uns über eine Brücke lotsen möchte, die es seit Jahren nicht mehr gibt. Keinen Spaß verstehe ich hingegen, so geschehen im letzten Jahr, wenn ich am Hamburger Flughafen jemanden abholen möchte und mich dazu zuallererst per pedes durch eine Kleingartensiedlung kämpfen und im Anschluss das Rollfeld überqueren soll, um zum Terminal zu gelangen. Mein mich fahrender Kumpel und ich waren mehr als einmal drauf und dran in die Kneipe zu gehen und den Flughafen, Flughafen sein zu lassen. Wäre besagter Fluggast nicht meine Freundin gewesen …ich glaube, es wäre so gekommen.

Und wenn wir schon von kleinen oder mittelgroßen modernen Nervtötern sprechen, möchte ich doch Smart-Phones sowie ihre größeren Brüder, die Tablets, auch mit einigen Zeilen bedenken. Ja, mit Handys und Tablets kann man ja mittlerweile alles machen. Wenn sich da ein Deckel dranschrauben ließe, wären sie auch als Waschmaschinen zu verwenden. Grundsätzlich sollen sie uns jedoch die Kommunikation erleichtern, uns unterhalten, in einzelnen Fällen von unterwegs aus arbeiten lassen und, achja offenbar Konzert- und Museumsbesuche zur Hölle machen. Ich begreife nicht, wieso auf Konzerten alle ihre Smart-Phones und neuerdings Tablets hochhalten müssen, um am Ende mehrere tausend Youtube-Videos mit einer Resonanz im Nano-Bereich zu erzeugen. Warum kann da nicht vor jedem Konzert gelost werden? Der Filmende bekommt dann zwar den besten Platz, muss aber von Anfang bis Ende sein Tablet hochhalten. Wenn etwas vom Konzert fehlt, darf er beim nächsten Mal nicht mitlosen. Warum all denen, die das Geschehen auf der Bühne sehen wollen und nicht durch einen Wall aus Plastik und Metall schallgeschützt werden möchten, das Erlebnis verderben?

Und wo wir gerade beim „Spaß verderben“ sind: Wieso missbrauchen Menschen die tolle Errungenschaft soziale Netzwerke dazu, dass sich alle anderen Nutzer schlecht fühlen? Wieso nur Hochzeits- oder Babyfotos, Bilder von malerischen Stränden oder ausufernden Partys? Wieso nicht mal die schlimme Akne? Oder aber die verhauene Hausarbeit nebst unmissverständlicher schriftlicher Kritik des Dozenten? Und warum nicht gleich alle, zur Monetarisierung angedachten, Daten veröffentlichen? Denn das, so scheint mir, ist offenbar der eigentliche Sinn vieler sozialer Netzwerke. Wir tun damit Dinge, die sich auch via Mail, Handy, Messenger oder Skype erledigen ließen – also internationale Kontakte pflegen – und entblättern uns dafür vor geldgeilen Juppies, denen tagtäglich mindestens tausend neue Strategien einfallen, aus unserem Verhalten, unseren Interessen und Leidenschaften Kapital zu schlagen.

Wenn wir von Kapital und Kauf bzw. Verkauf sprechen, dürfen natürlich die großen Konsum-Plattformen wie zum Beispiel Ebay oder Amazon nicht verschwiegen werden. Da können wir entweder nahezu alles kaufen, ohne das Haus zu verlassen oder uns dem Thrill hingeben, wenn wir Dinge zu er- oder versteigern versuchen. Aber dann wollen wir ja nicht enttäuscht werden, wenn die Artikel nicht der Beschreibung entsprechen oder aber gar nicht erst geliefert werden. Oder aber, wir sind genervt, wenn wir von Ebay genötigt werden, Bewertungen für Käufer oder Verkäufer abzugeben. Ungleich größer ist jedoch unser Ärger, wenn andere mit ihren Bewertungen im Rückstand sind oder aber eine andere Auffassung von Qualität und Lieferdauer haben, als wir selbst. Das, was bei Ebay noch in drei oder vier Worten geschieht, nimmt bei Amazon schon einige Zeit mehr in Anspruch. Aus diesem Grund habe ich Mails, in denen ich gebeten wurde, meinen zuletzt erstandenen Artikel zu bewerten, auch postwendend gelöscht. Mir Gedanken zu machen über eine CD oder ein Buch und diese dann wohlformuliert niederzuschreiben, würde mich sicher zwei Stunden kosten. Weiterhin ist die Aussagekraft vieler Bewertungen sehr fragwürdig. Viel verheerender als schlecht-geschriebene Bewertungen sind jedoch gar keine Bewertungen. Warum kann Amazon da nichtmal etwas tun. Warum können die nicht dafür sorgen, dass es zu jedem Artikel wenigstens ein paar Bewertungen gibt? Das würde eine Menge Zeit sparen.

Ja, so ist sie, die moderne Technik. Gaukelt uns allerlei Vorteile vor und sorgt dann doch immer wieder für großen Ärger. Nicht selten habe ich entnervt aufgegeben und gedacht, ich sei ein Relikt aus Zeiten, in denen nicht die gesamte Welt technisiert war. Ich frage mich dann immer: Was haben Menschen früher in der Zeit getan, in der sie sich heute mit Fehlfunktionen, Fehlauskünften oder aber Bedrohungen der Privatsphäre bzw. des Online-Geldbeutels herumschlagen? Ach ja, sie haben gearbeitet oder Kinder bekommen. Sogar demonstrieren sind diese Menschen gegangen. Oder sie haben sich miteinander unterhalten – von Angesicht zu Angesicht. So, und die ganz reaktionären Menschen sollen ja sogar Briefe …ja, Briefe geschrieben haben. Eine komische Zeit muss das gewesen sein.

Advertisements

Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreib etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s