Wachablösung im europäischen Fußball? – 2. Teil

Nur in der Spitze Spitze oder auch in der Breite? Betrachtungen der Leistungsdichte der Bundesliga

So, es ist perfekt – das Traumfinale in der Champions-League zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München. Unglaublich, aber wahr, wenngleich viele es ja angeblich kommen sahen. Jetzt heimsen die beiden deutschen Vertreter Glückwünsche ein und werden für ihre außergewöhnliche sportliche Entwicklung in den letzten Jahren gelobt – und das nahezu überall auf der Welt. In Spanien geschieht dies noch zögerlich und eher mit Verwunderung. Denn offenbar nur dort blieb den Teams die neue Stärke der Deutschen verborgen. Nun erkennen auch die Iberer an, dass beide Vereine einen Stil kreiert haben, der das spanische Kurzpassspiel von Thron gestürzt hat. Überall wird dieser Tage die Frage nach der Wachablösung gestellt. Diese hat in der europäischen Spitze durchaus stattgefunden, vor allem die Bayern waren einfach haushoch überlegen und nie gefährdet. Aber, sind die Befürchtungen, Deutschland drohen spanische Verhältnisse – übersetzt: Hinter den Bayern und Dortmund kommt lange Nichts – korrekt oder hat die Bundesliga auch in der Breite zur europäischen Spitze aufgeschlossen? Dazu muss der Blick auf die Teams hinter den beiden Champions-League-Finalisten geworfen werden. Es muss natürlich auch hinterfragt werden, inwiefern die Bayern und die Dortmunder dauerhaft ihre Positionen behaupten können. Nur so lässt sich eine Aussage über DEN deutschen Fußball treffen.

Schaut man auf die Bundesliga-Tabelle, reibt man sich verwundert die Augen. Da scheint es eine Mehrklassen-Gesellschaft zu geben, an deren Spitze einsam der FC Bayern thront. Mit riesigem Abstand folgt Borussia Dortmund. Dann kommt Leverkusen und vom Viertplazierten Schalke bis zum 13. Nürnberg erstreckt sich ein breites Mittelfeld. Auf den Plätzen 14. – 17. wird gegen den Abstieg gekämpft und abgeschlagen auf dem Letzten Rang liegt die bereits abgestiegene SpVgg Greuther Fürth. Dazu kommt, dass die ersten Drei der Tabelle ein Torverhältnis von zusammen + 137 auf sich vereinen. Hat es nicht vor Jahren noch in Studien geheißen, die Bundesliga wäre unter den europäischen Ligen die spannendste und abwechslungsreichste? Die Antwort lautet: Ist sie nach wie vor, nur eben nicht in der Spitze. Denn im Umkehrschluss sind Spannung und Abwechslung das große Problem der Bundesliga, vor allem in den europäischen Wettbewerben.

In Deutschland gab es Dinge, die anderswo nicht passieren: Da werden Aufsteiger Deutscher Meister (Kaiserslautern) oder Herbstmeister (Hoffenheim), Zweit- (Duisburg) oder gar Drittligisten (Hertha Amateure, Energie Cottbus, Union Berlin) ziehen in das Pokelfinale ein, wenngleich solche Überraschungen in den letzten Jahren seltener wurden. Da steigen Top-Vereine, die über Jahrzehnte den deutschen Fußball mitprägten, ab und fristen teils mehrere Jahre ein Dasein in der zweiten Liga (Köln, Frankfurt, Kaiserslautern) und dann kommen Mäzenen-gestützte Teams (Hoffenheim) oder vermeintliche Retortenvereine (Leverkusen, Wolfsburg) daher und mischen die Liga auf. Das macht die Liga bunt, interessant und jede Saison aufs Neue spannend. Die Fans anderer Top-Ligen würden sich über derartige Verhältnisse womöglich freuen. Allerdings stellt diese Unberechenbarkeit der Liga zwangsläufig die Frage nach der Leistungsdichte des deutschen Fußballs.

Alles nur ein Strohfeuer?

Wie ist es denn um die Leistungsdichte in Deutschland bestellt? Räumen Dortmund und die Bayern alles ab und die anderen Vereine treten auf der Stelle? Oder können auch diese positive Entwicklungen vorweisen, die tatsächlich von einer Wachablösung im europäischen Fußball träumen lassen? Betrachten wir zunächst einmal die Leistungen der letzten sechs Jahre.

Fakt ist: Die Bayern überragen international die anderen Deutschen Vertreter noch ein gutes Stück. Als es einmal nicht für die Champions-League reichte, erreichte der FC Bayern vor sechs Jahren wenigstens das Halbfinale des UEFA-Cups. Seither tummelt sich das Team von der Säbener Straße ausschließlich in der europäischen Elite-Liga und erreichte nun zum dritten Mal das Finale. Nun wurde der Kader zuletzt massiv verstärkt (mit großem finanziellen Aufwand), wird mit Götze und voraussichtlich Lewandowski noch stärker und noch um Star-Trainer Pep Guardiola ergänzt.

Sollte hier ein Ausblick gewagt werden, so sähe der wie folgt aus: Die Bayern werden national nahezu konkurrenzlos spielen und auf internationalem Parkett zu den absolut besten Teams zählen.

Borussia Dortmund konnte in den drei letzten Jahren ebenfalls begeistern, steht jedoch ein ganzes Stück hinter dem Konkurrenten aus dem Süden zurück. Vor zwei Jahren schied man in der Gruppenphase der Europa-League aus und im letzten Jahr überstand man die Vorrunde der Champions-League nicht. Es lässt sich schon erkennen, dass Dortmund zumindest international in den letzten Jahren keine große Rolle spielte. Erst in diesem Jahr konnte die Entwicklung der Mannschaft von den nationalen Wettbewerben auf den internationalen übertragen werden. Dies geschah jedoch sehr eindrucksvoll. Der Stil, den Jürgen Klopp in Dortmund geprägt hat, ist einer der mit Abstand modernsten im Moment.

Prognose: Bedenkt man nun, dass Dortmund weitere Abgänge drohen (nach Kagawa im letzten Jahr, verliert man wiederum einen Spielmacher, dazu Lewandowski und die gehandelten Hummels und Gündogan), so muss dort das viele Geld sehr klug eingesetzt werden, um auch im kommenden Jahr wieder eine schlagkräftige Truppe an den Start zu bringen – und dies nicht nur national. Zu Gute halten kann man dem Verein, dass der Trainer und die sportliche Leitung seit Jahren erfolgreich zusammenarbeiten, es offenbar keine Konflikte gibt und alle Vertrauen genießen. Kontinuität ist Trumpf in Dortmund und wird ein wichtiger Faktor bei der weiterhin positiven Entwicklung sein. International wird Dortmund ein ums andere Mal im Viertel-Finale der Champions-League zu finden sein. Einen großen Trumpf haben sie in diesem Jahr allerdings verloren – nämlich der, dass niemand mit ihnen rechnet.

Und wer kommt dann? In der Bundesliga sind dies aktuell Bayer Leverkusen und Schalke 04. Schaut man sich deren Bilanz in den letzten Jahren an, so machen sie den Titel um die dritte Kraft im deutschen Fußball unter sich aus. Auch international tauchten beide Teams immer wieder auf, wenngleich keinem der wirklich große Wurf gelang. Ob nun in der Europa-League oder der Champions-League, zu häufig war im Achtel- oder Viertelfinale für die beiden Teams Schluss. Lediglich Schalke konnte vor zwei Jahren überraschend in das Halbfinale der Champions-League einziehen. Beide Teams haben starke Kader, beide haben in den letzten Jahren eine positive Entwicklung genommen. In Sachen Kontinuität hingegen schwächelt der FC Schalke ein wenig. Anders als Leverkusen ist Gelsenkirchen ein Pulverfass, indem die Chefetage nicht immer eine gute Figur macht, und wo viele ehemalige Verantwortliche mit ihren Äußerungen immer wieder Öl ins Feuer gießen. Da geht es in Leverkusen schon beschaulicher zu, wenngleich man dort um die Kontinuität des Kaders bangen muss – André Schürrle spielt höchstwahrscheinlich bald in England, aber auch Schwaab, Bender oder Carvajal sind begehrt. Diese Gefahr droht dem FC Schalke nicht im selben Maß. Allerdings war die dortige Kaderplanung in den letzten Jahren teils keinem klaren Konzept unterworfen, was auch der großen Schuldenlast anzurechnen ist.

Prognose: International sollten die Schalker etwas besser abschneiden, als die Leverkusener. Allerdings werden beide Teams in den kommenden Jahren immer öfter in der Champions-League auftauchen, wenngleich sie über das Viertelfinale in der Regel nicht hinauskommen werden. Sie werden dem deutschen Fußball den Rücken stärken, aber nicht dessen Führungsrolle in Europa untermauern. Dafür sind beide Vereine noch nicht reif, vor allem in der Kaderbreite nicht stark, genug.

Und dann? Was ist mit den einstigen Granden in Deutschland, Bremen, Hamburg oder Gladbach?

Unter den genannten Anwärtern ist Werder Bremen mit Sicherheit das erfolgreichste Team der letzten Jahre und somit auch eines der Aushängeschilder der Bundesliga. Drei Champions-League-Teilnahmen (jeweils Ausscheiden in der Gruppenphase) stehen zu Buche, dazu drei Teilnahmen in der Europa-League (vor vier Jahren Zweiter). Damit heben sie sich aus der Gruppe der weiteren Europa-Cup-Aspiranten von den anderen ab. Ein gewichtiger Faktor ist auch hier die Kontinuität auf dem Trainer- und dem Managerposten, wenngleich Klaus Allofs dieses Jahr zum VfL Wolfsburg wechselte. Mittlerweile steht Thomas Schaaf (aktuell Rang 14.) massiv unter Druck. Sportlich scheint der Zenit überschritten. Werder hatte in den letzten Jahren in Sachen Transfers kein so glückliches Händchen mehr, wie früher. Es wurden, teils für sehr viel Geld, mittelmäßige Spieler geholt (Elia, Wesley, Carlos Alberto) und, weil der Finanzdruck zunahm, wichtige Leistungsträger parallel dazu verkauft (Naldo, Mertesacker, Özil, Diego). Seither schlingert Bremen ein Bisschen in Sachen Personalpolitik. Viele Talente wurden ausprobiert, nur wenige erfüllten die Anforderungen. Glückstransfers á la Diego gab es zuletzt keine. Lediglich ein Kevin de Bruyne kann als Knaller angesehen werden, mit Abstrichen noch Bayern-Leihgabe Petersen. Allerdings dürfte der von Chelsea geliehene Belgier Bremen bereits nach einem Jahr wieder den Rücken kehren. Denn er ist international begehrt.

Und was dann? Bremen steht finanziell nach wie vor unter Druck, kann entsprechend keine Unsummen investieren. Der bestehende Kader ist national in Ordnung, international jedoch nicht konkurrenzfähig. In Europa wird Bremen daher keine große Rolle spielen. Für die Champions-League sind sie deutlich zu schwach und in der Europa-League wimmelt es mittlerweile auch von internationalen Top-Mannschaften, so dass man dort mit viel Glück vielleicht das Viertelfinale erreichen kann.

Auch die anderen Vertreter lassen keine klare Struktur erkennen. In Hamburg versuchte man immer wieder mit großen Summen, Spieler an Land zu ziehen, die sich nur allzu häufig als Fehleinkäufe herausstellten (Berg, Neves, Kacar). Wenn es dann doch den ein oder anderen Top-Spieler gibt (Son, Adler), so verliert man diesen nach kurzer Zeit oder muss um dessen Verbleib bangen. Auch in Sachen sportlicher Leitung mangelt es an Kontinuität. In Hamburg hatten weder Veh noch Oenning Erfolg, auch Thorsten Finks Bilanz ist nicht berauschend. Dazu kommt sein angeblicher Zwist mit Sportdirektor Arnesen. Anders als in Dortmund lässt sich kaum ein eigenes spielerisches Konzept erkennen, welches gerade am Beginn einer Entwicklung steht. In der Europa-League war Hamburg vor drei und vor vier Jahren jeweils bis ins Halbfinale vorgerückt, danach jedoch nicht mehr vertreten.

Nur wenn es dem HSV gelingt sowohl in Sachen Spielanlage und in Sachen Transferpolitik einen einheitlichen Weg zu beschreiten, kann dort in den nächsten Jahren ein Team geformt werden, welches auch international wieder von sich reden macht. Sowohl die Probleme in der sportlichen Leitung, als auch der unausgewogene Kader deuten jedoch wenig darauf hin. In diesem Jahr besteht noch eine Minimalchance auf die Europa-League.

Und Gladbach? Dort erkennt man in der Spielanlage zumindest ein klares Konzept des Schweizer Trainers Lucien Favre. Im letzten Jahr feierte er damit große Erfolge, jedoch verlor man direkt ganz wichtige Spieler (Reus, Dante, Neustädter). Deren Verlust konnte man in der aktuellen Saison nicht auffangen. Weiterhin ist man vom Verlust wichtiger Leistungsträger (Herrmann, ter Stegen) bedroht. Kapitän Daems und Mittelfeld-Regisseur Arango sind bereits über 30. Die Top-Transfers de Jong und Xhaka blieben zu oft eine Rechtfertigung ihrer hohen Ablösesummen schuldig. In der Europa-League war in dieser Saison in der 2. Runde Schluss, in den letzten Jahren waren die Gladbacher international gar nicht präsent. Ein Wiedereinzug ins internationale Geschäft ist gefährdet.

Wenn Gladbach seine Leistungsträger halten kann, den Kader klug ergänzt und bei dem ein oder anderen Spieler noch der Knoten platzt, dann könnte man in den kommenden Jahren auch international wieder öfter dabei sein. Allerdings sollte man sich keinerlei Höhenflüge versprechen.

Alle drei Vereine werden die Leistungsfähigkeit des Deutschen Fußball international sicherlich kaum bestätigen, dessen Vormachtstellung schon gar nicht untermauern können. Dazu kommt, dass es immer wieder Überraschungsteams wie Freiburg, Mainz oder Frankfurt gibt, die an ihrer Stelle einen Europa-Pokal-Platz ergattern. Dort ist das große Problem, dass eine intakte Mannschaft nach erfolgreicher Saison sofort von der Konkurrenz dezimiert wird. In Freiburg deutet sich schon vor Ende der Saison ein Ausverkauf an, auch Frankfurter Spieler sind bereits begehrt.

Die positive Bilanz des Deutschen Fußballs in den letzten Jahren, die eine Verbesserung in der UEFA-5-Jahres-Wertung mit sich brachte, war hauptsächlich vom FC Bayern München getragen. Die anderen Teams konnten punktuell kleinere Erfolge feiern, bestätigten diese jedoch in den Folgejahren viel zu selten. Abgesehen von Dortmund und Gladbach fehlt vielen Teams eine klare spielerische Vision, die eine nachhaltig positive Entwicklung erwarten lässt. In Sachen Transfers landen alle Teams immer wieder Treffer, müssen aber noch zu häufig Spieler als Fehleinkäufe abstempeln. Wenn es einzelne Top-Stars gibt, so werden diese häufig von der innerdeutschen und immer öfter der internationalen Konkurrenz weggekauft. Die aktuelle Tabellensituation, die vermuten lässt, es besteht eine große Leistungsdichte im Deutschen Fußball, deutet eher daraufhin, dass aufgrund der Schwäche einzelner Mannschaften (Schalke, Bremen, Hamburg) andere Teams entsprechend erfolgreicher sein können. Es ist davon auszugehen, dass der FC Bayern München und Borussia Dortmund weiterhin das Deutsche Fähnchen auf internationalem Parkett hochhalten werden. Schalke und Leverkusen können sie dabei unterstützen. Bei den anderen Teams der Bundesliga lässt sich nicht erkennen, wohin die Reise geht. Es gibt aktuell keinen weiteren Verein, von dem dauerhaft zu erwarten ist, dass er den Deutschen Fußball international voranbringt. Insofern scheint die vielzitierte Wachablösung im internationalen Fußball eher eine Momentaufnahme zu sein.

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Über Alexander(s)platz

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