Wachablösung im europäischen Fußball?

Deutliche Siege von Bayern und Borussia in den Hinspielen der Champions-League-Halbfinals

Auf das schier unfassbare 4:0 des FC Bayern München am Dienstag, folgte am gestrigen Abend die zweite Gala, als Borussia Dortmund Real Madrid mit 4:1 aus dem eigenen Stadion fegte. Fußballkenner entgegnen nun zu Recht, dass es sich lediglich um die Hinspiele handelte und die Atmosphäre in spanischen Stadien immer etwas Besonderes sei, so dass Spiele und Ergebnisse dort schnell gekippt werden könnten. Das ist alles korrekt, aber sowohl die Ergebnishöhe als auch die Art und Weise, in der diese jeweils erspielt worden ist, zeugt schon von einer Wachablösung im europäischen, vielleicht gar im Weltfußball.

Das was im Bereich der Nationalmannschaft bisher nicht glückte, nämlich die spanische Furia Roja vom Thron der Fußballwelt zu stürzen, gelang beiden deutschen Vertretern im Vereinsfußball nun auf spektakuläre Weise. Auch wenn bei der EM 2012 der Glanz beim spanischen Nationalteam ein wenig fehlte, gelang es in den entscheidenden Momenten doch, die gegnerischen Teams mit viel Ballbesitz und zermürbendem Tiki-Taka zu bezwingen. Bis auf wenige Ausnahmen funktionierte das mit Wellstars gespickte Kollektiv und eilte von Erfolg zu Erfolg.

Ergänzt um weitere internationale Top-Stars wie Messi, Christiano Ronaldo oder Mesut Özil bestätigten auch die beiden Top-Vertreter der Primera Division, Real Madrid und der FC Barcelona diesen Trend in den letzten Jahren immer wieder eindrucksvoll. In den letzten drei Jahren standen beide Teams jeweils im Halbfinale der Champions-League, der FC Barcelona konnte sich 2010/11 gar die europäische Fußballkrone aufsetzen. Auch die Torschützenlisten wurden jeweils von Messi oder Christiano Ronaldo, zumeist deutlich, angeführt. Die spanischen Fans und die gesamte Fußballwelt waren begeistert, welche Leistungen ihre Teams immer wieder abrufen konnten und in welcher Art und Weise sie selbst Vertreter anderer Top-Ligen, egal ob Italien, Deutschland oder England, aus dem Wettbewerb katapultierten. Die beiden Halbfinalspiele haben der Dominanz spanischer Vereinsmannschaften vorerst einen Dämpfer verpasst. Die mit jungen, hungrigen Spielern gespickten deutschen Teams haben den Spaniern den Schneid abgekauft. Vermeintliche deutsche Tugenden wie Kampf, Disziplin und mannschaftliche Geschlossenheit wurden von den Trainern Jupp Heynckes und Jürgen Klopp um moderne spielerische Elemente, eine hohe Spielvariabilität und den absoluten Siegeswillen ergänzt und zum Erfolgrezept. Weiterhin zeigten beide deutsche Vertreter eine Abgezocktheit, die der Nationalmannschaft in den entscheidenden Momenten bisher fehlte. Die spanischen Vertreter hatten dem nichts entgegenzusetzen. „Blutleer“ sei ihr Spiel gewesen, liest man in den Reaktionen häufig. Viel entscheidender scheint der Umstand, dass weder Real Madrid noch dem FC Barcelona spielerische Alternativen einfallen, wenn ihr bisheriges System nicht funktioniert. Darüber hinaus bestätigte sich auf geradezu tragische Weise, wie wenig von Star-Ensemblen die Rede sein kann. Vielmehr scheinen die Spielanlagen beider Teams ausschließlich auf die zwei Mega-Stars, Messi und Christiano Ronaldo, zugeschnitten. Klar, ab und zu machen auch Xavi, Iniesta, Özil oder di Maria etwas Geniales, aber sobald die beiden Erstgenannten nicht zur Geltung kommen, stellt sich der Erfolg nicht mehr ein. Und dann? Trotz weiterer Superstars haben weder Barca noch Real Jemanden, der in die Bresche springt, dem Team ein Signal sendet und es mitreißt. Bei einem Higuain oder einem Pedro hatte man nicht das Gefühl, dass sie überhaupt auf dem Platz stünden.

Ganz anders die Bayern und Borussia Dortmund. Natürlich drückten Thomas Müller, vor allem aber Robert Lewandowski den beiden Spielen erheblich ihren Stempel auf, aber es bedurfte einer mannschaftlichen Geschlossenheit und dem Willen jedes einzelnen Akteurs auf dem Rasen, für den Anderen zu rennen, zu kämpfen und nach eigenen Fehlern sofort alles dafür zu tun, diese wieder wett zu machen. Auf diese Art und Weise wurden die, wenn überhaupt noch vorhandenen, marginalen individuellen Unterschiede zu den spanischen Vertretern kompensiert. Weiterhin beeindruckt, dass trotz berechtigten Selbstbewusstseins, die Spieler der beiden deutschen Teams nicht abheben. Auch dafür gebührt der Dank in erster Linie den beiden Trainern, die bereits genügend Erfahrungen gesammelt haben, wie schnell Spiele zu eigenen Gunsten oder Ungunsten kippen können oder aber in der letzten Sekunde entschieden werden. Trotz großer Freude über die Siege, brechen weder Spieler noch Verantwortliche in überbordende Jubelarien aus. Und sie tun Recht daran. Denn auch dies zeichnet „den“ deutschen Fußball, hier in Vertretung des letztjährigen und aktuellen deutschen Meisters, aus – ein hohes Maß an Professionalität. Nur damit und der wöchentlichen Weiterentwicklung des Fußballs lässt sich der aktuelle Höhenflug nachhaltig erklären.

Ganz anders in Spanien. Dort, so erfuhr ich aus sicherer Quelle, wurde noch bevor die Halbfinals ausgelost wurden, bereits in Stein gemeißelt, dass das Finale der diesjährigen Champions-League nur FC Barcelona gegen Real Madrid heißen kann. Dies hat nichts mit Selbstbewusstsein zu tun, sondern zeugt von maßloser Arroganz und der Tatsache, dass die Verhältnisse der Primera Division, in der mit Ausnahme von Atlético Madrid kein anderes Team den beiden Seriensiegern, das Wasser reichen kann, nicht auf Gesamteuropa übertragen werden können. Ähnlich wie in England Mitte, Ende der 90er Jahre, als die häufig von Oligarchen hochgepäppelten Teams Manchester United oder der FC Chelsea die nationalen Wettbewerbe unter sich ausmachten und international das Maß der Dinge waren, scheint es dem spanischen Fußball jetzt zu ergehen. Mit viel Geld, das nur allzu häufig über Schulden bereitgestellt wird, werden Top-Stars gekauft, um den Rest Europas vor Ehrfurcht erzittern zu lassen. Dies gelang über viele Jahre und ganz Fußballeuropa wollte so spielen, wie es die Engländer taten. Momentan ist die Lage so, dass kein englisches Team auch nur im Viertelfinale der Champions-League stand. Dem FC Chelsea gelang wenigstens der Einzug ins Halbfinale der, oft belächelten, Europa-League. Wer das Champions-League-Finale des letzten Jahres gesehen hat, der weiß, mit wieviel Glück den Engländern der dortige Triumph gelang. Betrachtet man jedoch die Gesamtperspektive, so ist der englische Fußball in der Breite in der europäischen Spitze nicht mehr annähernd so präsent und erfolgreich, wie noch vor 7 oder 8 Jahren. Dort konzentrierte man sich viel zu wenig auf den eigenen Nachwuchs, kaufte lieber, geblendet vom vielen Geld, internationale Top-Stars oder ansprechende Talente, als in Nachhaltigkeit zu investieren.

Aller Vorraussicht nach werden Real Madrid und der FC Barcelona auch in den kommenden Jahren eine zumindest gute Rolle im Konzert der Großen Europas spielen, aber die Dominanz der letzten Jahre, scheint für das Erste beendet zu sein. Nochzumal es einen weiteren großen Unterschied zwischen den spanischen und den deutschen Vertretern gibt – Borussia Dortmund und der FC Bayern München spielen nicht nur professionell Fußball, sondern sie wirtschaften auch nachhaltig. Gerade am gestrigen Abend brachte das Auslandsjournal einen interessanten Beitrag über die Schuldenlast der spanischen Primera Division. Von geschätzten 4 Mrd. € war da die Rede. Bei 20 Erstligateams bedeutet dies eine durchschnittliche Verschuldung von 200 Mio. €. Bei solchen Dimensionen würden Vereine in Deutschland, wenn überhaupt, nur unter strengsten Auflagen eine Lizenz für die Bundesliga bekommen. In Spanien scheint sich daran, trotz Schuldenkrise, niemand zu stören. Dass es dort zu ernsthaften Veränderungen kommt, glaubt momentan wohl niemand. Und so kann es, trotz aller sportlicher Potenz, den spanischen Teams auf lange Sicht ähnlich ergehen, wie den englischen. Nämlich, dass deutlich kleinere Brötchen gebacken werden müssen und man sich bereits über die Halbfinal-Teilnahme in der Champions-League ehrlich freut und diese nicht von vornherein vorraussetzt.

Auch wenn noch jeweils mindestens 90 Minuten in den Rückspielen zu absolvieren sind, beeindruckt doch der Fußball beider deutscher Vertreter ernsthaft – und zwar die deutschen Fans, aber vor allem offenbar die spanischen Teams und Medien. Sollten jedoch Veränderungen im spanischen Fußball ausbleiben, der deutsche Ballsport sich hingegen so konsequent weiter entwickeln, so werden sich die Spanier auf Dauer an ein Nachsehen gegenüber deutschen Teams gewöhnen müssen. Jetzt gilt es eigentlich nur noch, die Verhältnisse des Vereinsfußballs auf die Nationalmannschaft zu übertragen. Dann, und wenn alles perfekt läuft und professionell gearbeitet wird, kann nach einem möglicherweise deutschen Champions-League-Sieger im kommenden Jahr das noch viel größere Ziel erreicht werden – der Weltmeistertitel und die Ablösung des spanischen Nationalteams als bestes der Welt. Dies setzten wir jedoch nicht vorraus, sondern hoffen inständig darauf und erfeuen uns bis dahin am tollen Fußball von Bayern München und Borussia Dortmund, die ein großes Signal in Sachen europäischem Fußball ausgesandt haben.

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Über Alexander(s)platz

Berliner, Soziologe, Historiker, Blog-Azubi
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